Stanley Clarke erhält die German Jazz Trophy – eine Laudatio von Mini Schulz

Pünktlich zum Start des diesjährigen Stuttgarter Festivals Jazz Open wurde traditionell die  German Jazz Trophy im SpardaWelt Eventcenter verliehen. Auch wenn der Star des Abends ohne Frage der Preisträger Stanley Clarke ist – am 1. Juli 2026 wurde gleich im doppelten Sinne Geschichte geschrieben. Schließlich wird die German Jazz Trophy heuer zum 25. Mal überreicht. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert sowie mit einer Statue des Stuttgarter Bildhauers Otto Hajek. Er wird verliehen von der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg, der neuen musikzeitung und JazzZeitung.de

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„Die German Jazz Trophy würdigt seit 2001 Künstlerinnen und Künstler für ihr Lebenswerk – dafür, dass sie nicht nur einfach Musik machen, sondern Jazz in seiner reinsten Form leben – ihn denken, formen und immer wieder neu erfinden“, sagt Jurymitglied Martin Buch, der Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg.

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Vor dem Konzert des Preisträgers, der mit seinem aktuelle Quartett mnit Beka Gochiashvili (keys), Emilio Modeste (sax) und Jeremy Collier (drums) nach Stuttgart gekommen war, gab es wie immer eine Laudatio. Diese Lobesrede hielt kein Geringerer als Mini Schulz, einer der großen Bassspieler Deutschlands, der sowohl im klassischen Fach als auch in Jazz und Pop zuhause ist. Schulz ist Leiter der „Abteilung Bass“ an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und spielt neben Kontrabass und E-Bass auch den Violone.

Laudatio von Mini Schulz auf German Jazz Trophy Presiträger 2026, Stanley Clarke

Sehr geehrter Mr. Stanley Clarke, sehr geehrte Damen und Herren,
Was für eine große Ehre, heute eine Lobrede auf den Revolutionär der tiefen Töne halten zu dürfen.

Eigentlich sollte das nicht schwerfallen, da ich selbst seit frühester Jugend diesen großen Musiker geradezu überschwänglich verehre. Also lieber einige Worte aufschreiben – nicht dass später jemand meint, die Laudatio hielt leider ein hysterischer Fan…….

Stanley Clarke hat das Bassspiel von Grund auf revolutioniert und das Instrument aus dem Hintergrund direkt ins Rampenlicht geholt. Als einer der einflussreichsten Pioniere des Fusion-Jazz hat er dazu Generationen von Musikern geprägt und die Grenzen dessen, was auf vier Saiten möglich ist, verschoben und der Musikwelt eine völlig neue Perspektive auf sein Instrument eröffnet.

Sein monumentales Lebenswerk, seine stilprägende Virtuosität und sein unermüdliches Engagement für die musikalische Zukunft lassen sich kaum in der zur Verfügung stehenden Zeit in Worte fassen.

Vor Stanley Clarke galt der Bass im Jazz oft als reines Fundament. Er hält den Rhythmus, bildet das harmonische Gerüst, bleibt aber zumeist dezent im Hintergrund und überläßt anderen den Vortritt. Stanley Clarke brach mit dieser historischen Konvention. Klassisch ausgebildet, machte er ab den 70er Jahren den Kontrabass, und gleichzeitig den damals erst 20 Jahre zuvor erfundenen E-Bass, zu Lead-Instrumenten. Durch ihn wurde der Bass den gängigen Soloinstrumenten wie den Bläsern oder Tasteninstrumenten in ihrer Beweglichkeit ebenbürtig.

Mit seiner atemberaubenden Slap-Technik, seiner rasenden Schnelligkeit und einer beispiellosen harmonischen Tiefe erfand er das Instrument quasi neu. Er zeigte der Welt, dass der Bass singen, führen und Geschichten erzählen kann. Er erfand den Tenor-E-Bass, mit welchem er sich beispielsweise spektakuläre Duelle mit dem legendären Gitarristen Jeff Beck lieferte, oder er spielte seine Soli mit dem Bogen auf dem Kontrabass – aber mit einem Verzerrer!

Bassläufe in Lichtgeschwindigkeit und die rhythmische Präzision eines schweizer Uhrwerks. Und dann immer – auf beiden Instrumenten – dieser absolut unverwechselbare Sound! In einer Zeit, als Star Wars und die Laserschwerter die populäre Kultur beherrschten, machte er der Welt unmissverständlich klar, wer eigentlich das größte Laserschwert in der Hand hält.

Geboren 1951 in Philadelphia – gestern hatte er übrigens Geburtstag (!) – strebte Stanley Clarke ursprünglich eine klassische Kontrabass-Karriere an. Doch das Schicksal hatte, zum Glück für die Musikwelt, andere Pläne. Nach frühen Engagements bei Art Blakey, Stan Getz, Dexter Gordon oder auch Horace Silver, bildete er Anfang der 70er Jahre, gemeinsam mit den Jazz-Legenden Chick Corea, Al DiMeola und Lenny White, die Band Return to Forever und schrieb damit Musikgeschichte. Sie verschmolzen die Komplexität des Jazz mit der rohen Energie des Rock und schufen einen völlig neuen, buchstäblich elektrisierenden Sound.

Seine folgende Solokarriere steht dem in nichts nach: Das legendäre Album „School Days“ ist bis heute ein absoluter Klassiker, den jede E-Bassistin und E-Bassist weltweit einfach können muss – in Deutschland ist das Stück sogar Pflichtstück bei „Jugend musiziert“. Sein virtuoses Kontrabassspiel ist wegweisend für alle, die seit den 1970er Jahren dieses Instrument in die Hände nehmen.

In neueren Formationen wie Animal Logic oder dem Clarke/Duke Projekt spielte er mit Musikern wie John Mc Laughlin, Billy Cobham, George Duke, Dianne Reeves, Steward Copeland von „the Police“ oder auch Jean-Luc Ponty – die gesamte „Who is Who“ Liste des modernen Jazz – aber diese kennen Sie hier ja alle selbst……

Er ist der ersten Solo-Bassist der Geschichte, der eine goldene Schallplatte erhielt. Ob als brillanter Filmmusik-Komponist, der an die 40 Spielfilme in Hollywood vertonte, oder auch als Bandleader – sein kreativer Hunger blieb stets ungestillt, sein Output ist unerreicht.

Was Stanley Clarke neben seinen fünf Grammy-Awards und der Ernennung zum NEA Jazz Master auszeichnet, ist seine tiefe Menschlichkeit und Großzügigkeit. Er ruht sich nicht auf seinem Ruhm aus: über seine Stanley Clarke Foundation vergibt er Stipendien an junge Musikerinnen und Musiker, und in seinen eigenen Bandprojekte der letzten Jahrzehnte fungiert er unermüdlich als Mentor und Sprungbrett für junge Ausnahmetalente wie Kamasi Washington oder Beka Gochiashvili.

Er gibt der großen Musikfamilie das zurück, was sie ihm geschenkt hat. Und dabei verbreitet er – immer auf höchstem künstlerischem Niveau, mit neuen Kompositionen und virtuosesten Arrangements – Leichtigkeit, beste Stimmung und entlässt sein Publikum nach jedem Konzert unendlich satt und glücklich.

Es ist eine Auszeichnung für einen Künstler, der den Bass aus seiner klassischen Begleiter-Rolle auf ein ganz neues Niveau gehoben hat und die Geschichte des Jazz, im Besonderen die Fusion mit anderen Musikstilen, nicht nur begleitet, sondern den Jazz-Horizont maßgeblich erweiterte und täglich aufs Neue bereichert.

Persönlich danke ich von Herzen dem Mann, der seit meiner frühen Jugend Inspiration war, mir für meine Bassistenlaufbahn den Weg gewiesen hat und bis heute noch ein Leitstern meiner Arbeit ist.

Wir alle verneigen uns heute vor einem wahren Visionär, einem unerreichten Virtuosen und einer lebenden Legende.

Herzlichen Glückwunsch, Mr. Stanley Clarke!

Text: Prof. Mini Schulz HMDK Stuttgart Institut für Jazz/Pop Kontrabass/E-Bass
Fotos: Andreas Kolb

Das Titelfoto zeigt Stanley Clarke im Talk mit dem TV-Moderator Markus Brock

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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