Ystad Sweden Jazz Festival – Gesänge, Möwen, Vollmond und die Kaffeestunde

Im 17. Jahr gab es nun das Jazzfestival im südschwedischen Ort Ystad: Traumwetter mit angenehm kühlem Wind, musikalische Vielfalt – und bewegende Stunden mit jung gebliebenen Altstars. Ideale Bedingungen für ergiebige Sommertage mit Jazz.

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Scharfgeschnittene Gesichtszüge, Brille, elegant grau-gescheiteltes Haar, beigefarbener Anzug: Der brasilianische Songschreiber und Sänger Ivan Lins, seit über 50 Jahren ein großer Name, stand mitten auf der Bühne hinter einem Keyboard und legte die Hand aufs Herz. „Ich bin verliebt in diesen Ort, mein Gott!“ Er hob hervor, wie beeindruckt er sei: „Keine kommerzielle Firma, keine politische Verwaltung, einfach nur Menschen“ würden das zuwege bringen, was er hier erlebe. „Erstaunlich!“ – Das klang, hervorgebracht in ruhigen, bedachten Sätzen, nicht nach Schmeichelei, sondern nach authentischer Begeisterung. Entsprechend lang kostete der Sänger sein Konzert auch aus: Fast zwei Stunden stand er vor dem Publikum im ausverkauften Theater der südschwedischen Küstenstadt, erzählte in intimer Langsamkeit von seinem Leben und seinen Songs, interpretierte mit immer noch tragfähiger, wenn auch in wenigen Momenten inzwischen brüchiger Stimme zur feinfühligen Begleitung einer hochversierten Band Liebeslieder aus unterschiedlichen Phasen sowie Klassiker wie seinen 70er-Hit „Madalena“ – und wurde am Ende stürmisch bejubelt.

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Der Charme der schönen Plätze

Ystad, der Ort, in dem der von Autor Henning Mankell erdachte Roman- und Film-Ermittler Kurt Wallander in oft düsterer Atmosphäre deprimierende Mordfälle löste, ist eine Jazzfestival-Heimat mit besonders heiterer Aura. Dafür sorgen nicht zuletzt 70 erfrischend freundliche ehrenamtliche Helfer. Aber auch die Kulissen. Die Stadt mit rund 19000 Einwohnern hat ideale Spielorte: Das nur ein paar hundert Meter vom Meer entfernte Theater aus dem Jahr 1894, charmant unprotzig und einladend, ist mit 460 Plätzen ein Hauptspielort, der auch viel Nähe zu den Künstlern zulässt. Daneben gibt es die Sankt-Marien-Kirche, deren Ursprünge aufs 13. Jahrhundert liegen, einen Saal des Standhotels Saltjöbaden und nicht zuletzt einen gemütlichen privaten Garten mit Stühlen auf einer Wiese und einer Terrasse als Bühne, auf die der Schatten eines Birnbaums fällt. Bei mild-sonnigen 22 Grad (in einer Woche, in der man in Deutschland unter 38 Grad Hitze stöhnte) waren das lauter Wunschorte für Konzerte.  Beim Morgenkonzert des Altsaxophonisten Fredrik Kronkvist und seiner Band im Garten in der Lille Östergatan kommentierten immer wieder eifrige Möwen die leisen Stellen und die Pausen zwischen den Stücken. Und bei den Konzerten der „Next Jazz Generation“ ein paar Schritte weiter im dreieckigen Park beim Café Bäckahästen ließ sich Musik mit einer „Fika“ in besonders idyllischer Umgebung verbinden: „Fika“ nennen die Schweden eine Kaffeepause in angenehmer Gesellschaft; und hier stellte sich eine beachtliche Auswahl junger Bands auf einer kleinen Bühne unter einer riesigen Rotbuche und umgeben von Backstein-Fachwerkhäusern vor – etwa das Trio von Pianist Eskil Roos, das zwischen vertrackten Rhythmen und lyrischen Momenten eine ansprechende musikalische Balance fand.

Ein Programm mit vielen Gesangsstimmen

Das „Ystad Sweden Jazz Festival“, so der Name fürs internationale Publikum, hatte diesmal, in einer Woche mit imposantem Vollmond, viele schöne kleine Momente – und ein paar richtig große. Im Programm – wieder gestaltet von dem in Ystad lebenden Pianisten Jan Lundgren sowie einer Festival-Kommission rund um Organisations-Chef Thomas Lantz – fanden sich diesmal besonders viele Gesangsstimmen. Die brasilianische Ikone Ivan Lins war eine davon. Eine andere war die junge französische Vokal-Artistin Camille Bertault, die in ihrem Programm „Bonjour mon amour“ viel Lust an spielerischen Augenblicken  und schönen musikalischen Eskapaden zeigte: In Songs wie „Nouvelle York“ imitierte  sie lautmalerisch Sirenen und andere Geräusche, in der ersten Variation von Bachs „Goldberg-Variationen“ ließ sie die Vokaltöne unisono zum Klavier ihres Bandpartners Fady Farah tanzen und inszenierte das Musikstück gleichzeitig gestisch und mimisch wie einen gesprochenen Text. „Ich mag die Art, wie Sie ‚danke‘ sagen“, sagte sie an einer Stelle zum Publikum („danke“ auf Schwedisch heißt einfach „tack“): Sie werde eines Tages einen Song darüber schreiben: „Tacka-tacka-tacka …“.

Eine amerikanische Altmeisterin des Jazzgesangs war am selben Spielort, Saltjöbaden, zu erleben: die ehemalige „Manhattan Transfer“-Stimme Janis Siegel (74). Sie trat als Gast in einem Konzert der schwedischen Sängerin Anna Pauline Andersson auf, geriet aber stimmlich in höheren Passagen sehr merklich an ihre Grenzen. Im selben Konzert trat auch der 80-jährige Trompetenstar Randy Brecker auf und spielte (im Sitzen vorn an der Bühne) immer noch sehr klar tönende und ideenreich aufgebaute Soli zu Klassikern wie „Joy Spring“ und „Solitude“.

Als eine schwedische Stimme, die viel mehr internationale Bekanntheit verdient hätte, erwies sich in Ystads Theater der Sänger und Songschreiber Magnus Carlson, einst berühmt geworden mit der Indie-Pop-Band Weeping Willows. Blaues Leinenjackett, blaue Krawatte, beigefarbene Jeans – und sonst nur das Mikro vor sich. Er könnte in diesem Outfit auch ein freundlicher Verkäufer in einem Bekleidungsgeschäft sein. In seiner siebenköpfigen Band, die trotz der abweichenden Zahl „The Moon Ray Quintet“ heißt, brachte er eines der stilvollsten und unterhaltsamsten Programme des Festivals. Mit feinen Arrangements, die vom Sixties-Orgelsound bis zur lustvollen Verschränkung von Saxophon und Trompete lässig den Jazz- und Pop-Horizont weiteten, sang er mit ungekünstelt treffsicher-heller Stimme ein gutes Dutzend zündender Songs, unter denen sich auch Pop-Klassiker wie „Sugar Man“ und David Bowies „Where are we now“ fanden.

Sternstunde mit Klavier

Mitten am Nachmittag ereignete sich in Ystads Theater eine Sternstunde: Es war das Konzert des schwedischen Pianisten Bobo Stenson und seiner Trio-Partner Anders Jormin (Kontrabass) und Jon Fält (Schlagzeug). In diesem Gastspiel wenige Tage vor Stensons 82. Geburtstag wirkte die Musik erfrischend nicht-vorgefertigt und lebendig. Mit ganz leisen Tönen, ganz nah an der Stille, begannen die drei Musiker und ließen dann musikalische Augenblicke wachsen. In weit über einer Stunde Programm gab es da kein einziges Vorzeigen von Virtuosität, kein Suchen und Auskosten von Effekten. Statt dessen: eng verflochtenes Zusammenspiel, das immer wieder mit unerwarteten Details überraschte und eine ungewöhnliche atmosphärische Dichte schuf. Stensons Klavierton leuchtet wie eh und je – und in einer extended version von Don Cherrys Stück „Don’s Kora Song“ schuf das Trio einen atemberaubenden Spannungsbogen. Nach großem Jubel eine besondere Zugabe: Henry Purcells „Music for a while“ von 1692 – fein swingend in die Gegenwart geholt.

Vom anderen Ende musikalischer Absichten kam 24 Stunden später am selben Spielort das Trio der italienischen Pianistin und Sängerin Francesca Tandoi: Die vielgepriesene Virtuosin Jahrgang 1984 nutzte den Konzertflügel vornehmlich als Beeindruckungs-Apparatur: Massiv-vertrackte Bässe in „Agua de beber“, eine wilde Flut von Läufen und Verzierungen in einer Solo-Version von „Lush Life“, ein selbst komponierter Blues, der unablässig Haken schlug – dazu mit angerauter Stimme gesungene Evergreens wie „Estate“ und „That old feeling“. Sehr viel Können – und sehr viel Demonstration davon. Überbordender Applaus des Publikums.

Die Schweden, die Italiener und John Coltrane

Eine besonders schöne Programm-Idee hieß so: „Sweden loves Italy“. Dahinter steckte ein Quartett, das der Pianist und künstlerische Leiter Jan Lundgren zusammengestellt hatte. Neben Lundgren vertrat der Bassist Hans Backenroth Schweden, Altsaxophonist Rosario Giuliani und Drummer Roberto Gatto standen für Italien. Der Saxophonist präzisierte sogleich zum Titel des Konzerts: „In fact, Italy loves Sweden“. Der musikalische Ertrag der beiderseitigen Zuneigung war durchweg hoch unterhaltsam und spannend. Filmmusiken aus „La dolce vita“ und „Der Pate“, Duke Ellingtons „Harlem nocturne“, der auf ein Volkslied zurückgehende Jazzklassiker „Dear old Stockholm“ und Eigenkompositionen der Bandmitglieder boten das Material für emotional packende und lebendige Interaktionen. Rosario Giuliani forderte mit seinen messerscharfen Saxophon-Phrasen den Pianisten Jan Lundgren immer wieder heraus und sorgte auch so für überraschende Momente. Ein bejubeltes Konzert – und eine Premiere, denn diese vier Musiker spielten hier zum ersten Mal öffentlich miteinander.

Eine noch einmal andere Herausforderung künstlerischer Art war ein Konzert zu Ehren des amerikanischen Saxophonisten John Coltrane, eines der größten Improvisatoren der Jazzgeschichte, der am 23. September 2026 hundertsten Geburtstag hätte. „A Love Supreme Revisited“ hieß das Konzert des dänischen Mundharmonika-Spielers Mathias Heise und der Danish Radio Big Band. Richtig gelesen: Mit Bigband-Sound und Mundharmonika huldigte dieses Gespann John Coltranes spirituellem Meisterstück „A love supreme“ von 1965. Doch das Konzept ging auf. Die Arrangements, die von Mathias Heise selbst stammten, inszenierten Coltranes Werk als ungemein klangvolle Raum-Musik, und Heise steuerte auf der Mundharmonika einige unbegleitete Soli bei, die – unerwartet bei diesem Instrument – immer wieder eine intensive spirituelle Note hatten. Der Drang, mal wieder das Original zu hören, bleibt nicht aus beim Erleben einer so ungewohnten Umsetzung. Doch auch das ist ein schönes Ergebnis neben vielen anderen im 17. Jahr des Ystad Sweden Jazz Festivals.

Text und Bilder: Roland Spiegel
Titelfoto: Pianistin Francesca Tandoi: Lauscht den Soli der Bandmitglieder.

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