Gitarrist Peter Bernstein: Swingender Post-Bop mit griffiger Eleganz

„Hey man“ begrüßt der Regensburger Gitarrist Helmut Kagerer den amerikanischen Kollegen Peter Bernstein im Gedränge der Tür zum Saal im Leeren Beutel. Dieser stutzt kurz, schließt den Kollegen dann freudig in die Arme. „Hey, always on tour“, gibt Bernstein zurück und strebt nach einem begeistert aufgenommenen ersten Set mit einem Wink in die Pause.

Werbung

Da hatte der 59-Jährige, der sechs Tage zuvor auf Europatournee Geburtstag feierte, das fast ausverkaufte Konzert mit dem Stück „Simple As That“ begonnen. Die relaxt swingende Komposition aus seinem Album „What Comes Next“ kann in ihrer zurückhaltenden Ruhe und spielerischen Eleganz als Statement verstanden werden. Sie war in der ersten Hochphase der Coronapandemie entstanden. In New York City, wo die Aufnahme im Herbst stattgefunden hatte, herrschte damals eine angespannte Nervosität und Angst, waren doch schon im Frühjahr und Sommer viele Todesfälle bekannt geworden.

Werbung

Wunsch nach Besonnenheit

Auch das Titelstück, mit dem Bernsteins Quartett nach längerer Pause die zweite Hälfte seines Jazzclubkonzertes startet, unterstreicht in seiner Unaufgeregtheit den Wunsch nach Besonnenheit. Tempo nimmt die Band in „Harbor No Illusions“ auf, „Mach dir keine Illusionen“ auf deutsch, dem letzten Stück des Abends aus dieser Phase von Bernsteins kompositorischem Schaffen, mit dem er auf die Zeitumstände reagierte. Versöhnlich, ja geradezu heiter klingt der einst als lüstern verschriene Cole-Porter-Klassiker „Love for Sale“. Mit einem raffinierten Solo gibt der hörbar in der Tradition New Orleans verankerte  Pianist Sullivan Fortner diesem feinen Standard einen besonderen Schliff.

Es ist, wie eine Besucherin am Ende beim Rausgehen mit glänzenden Augen sagt, „ein Konzert der Sonderklasse“. Bernstein, der mit Brad Mehldau die Schulbank drückte und auch schon aufgenommen hat, zählt zu den wichtigsten und stilsichersten Gitarristen des Post-Bop-Umfelds. Mit dem eine Generation jüngeren Pianisten, Fortner spielte vergangenes Jahr an gleicher Selle ein umjubeltes Konzert mit seinem Trio, verbindet ihn eine starke Chemie. Jeder der beiden steuert an Energie, musikalischer Tiefe und klanglicher Feinheit das bei, damit das Zusammenspiel funktioniert.

Melodisch fein ausbalanciert

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Bernstein, der mit seinen präzisen, melodisch fein ausbalancierten Soli ein untrügliches Gespür für die im Blues verankerte Tradition und die Substanz eines Songs entwickelt. Ähnlich wie beim Regensburger Helmut Nieberle, der zu Lebzeiten sicher jeden Ton begeistert aufgesaugt hätte, verbinden sich in seinem Spiel Understatement und Schlichtheit zu einprägsamer Melodiösität. Bei Fortner klingt dagegen immer wieder die packende Emotionalität des Südstaates und ein lustvoller Humor durch.

Eigenständig in der gepflegten Begleitung, wie in einigen solistischen Beiträgen, die beiden Mitspieler Doug Weiss am Bass und Schlagzeuger Kush Abadey. Vor allem letzterer sorgte immer wieder mit unerwarteten Brakes und knalligen Akzente dafür, dass sich die Zuhörenden nicht zu behaglich im Sog griffiger Eleganz einrichteten. Sparsam legen sie ein swingendes, harmonisches Fundament und reagieren traumhaft sicher und feinfühlig auf jede Wendung der Solisten.

Heiterer Abschluss

Mit einem heiter-tänzerischen Abschluss zeigt das Quartett  eine andere, leicht Latin betonte Seite zum Abschluss und legt mit einer wunderbaren Ballade von Duke Ellington als Zugabe noch einmal nach. Hochrufe und stürmischer Beifall sind wohlverdient.

Text und Fotos: Michael Scheiner

Der tägliche
JazzZeitung.de-Newsletter!

Tragen Sie sich ein, um täglich per Mail über Neuigkeiten von JazzZeitung.de informiert zu sein.

DSGVO-Abfrage 

Wir senden keinen Spam! Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.