Klangirisierender Kopffüssler: Peter Fuldas „Peristaltics“

In Peter Fuldas Peristaltik – „Peristaltics“ – geht es ganz schön heftig zu. Bis sich Piano (Fulda) und Schlagzeug (Bill Elgart) mit einschalten und den rumorenden Prozess mit Schluckauf und Rülpsern einige rhythmische Komponenten hinzufügen, kämpft sich vorrangig das Cello (Elisabeth Coudoux) mit lückenloser Glaubwürdigkeit durch Unwohlsein, Krämpfe und weitere Beschwerden.


Peter Fulda. Foto: Dominik Lang

Das dritte Album einer Edition des Nürnberger Komponisten, Arrangeurs und umtriebigen Jazzaktivisten spielt mit der Ausdruckskraft und Wandlungsfähigkeit einer ungewöhnlichen Besetzung. Nach dem keineswegs schrumpelnden „Shrink“ (mit Elgart, Nils Wogram und Henning Sievert) und „I am with you“ (u.a. mit Pegelia Gold und Robert Landfermann) bringt „Luminescent“ die drei Spieler*in in atmosphärisch ganz verschiedene Situationen und erzeugt so ein vielgestaltiges „Klangleuchten“, wie es im anschaulichen Booklet heißt. Ein starkes solches Leuchten geht – für mich – vor allem vom eröffnenden „Mammele“ aus, das Fulda dem bei uns wenig bekannten polnischen Schriftsteller Tadeusz Borowski gewidmet hat. Der hat in seinen Gedichten und Prosatexten die Frage nach Schuld und Verantwortung des Einzelnen auf dem Hintergrund von Erfahrungen in Konzentrationslagern gestellt und ist an inneren Widersprüchen zerbrochen.  Erschütterung und Zerbrechlichkeit durchziehen das brüchige Thema und verfangen sich in feinen Klangfarben von Schlagzeug und Cello, die zwischen blindem Stolpern und sprödem Aufbegehren changieren. Ein eindrucksvolles musikalisches Bekenntnis. Federleicht und verspielt wendet sich die Stimmung im „Summer Night Gongs“ heiteren Eindrücken und Stimmungen zu. von „ausschwärmenden Glühwürmchen“ träumt der Komponist in seinen Anmerkungen. Die thematisch und klanglich recht verschiedenen, zehn Stücke sind aufeinander abgestimmt und vermitteln gleichzeitig etwas vom Formenreichtum, über den der umtriebige fränkische Musiker verfügt. Bei Luminescent nutzt er eine große Bandbreite von Texturen zwischen akribischer Komposition und freier Improvisation. Weite Melodiebögen und aufgerauhte Klangflächen, poetische Harmonik und freies Klangspiel bis zur Geräuschhaftigkeit ergänzen und durchdringen sich, entwickeln einen intensiven und durch die Bank spannenden Dialog zwischen vermeintlich weit voneinander entfernten Welten.

Die machen weder vor der Tiefsee – „Octopus Vulgaris“ und „Sepia Latimanus“ – noch vor einer weitverzweigten Höhlenwelt in „Grotto Cruiser“ mit Fünfer- und Sechser-Metren und dem Wind Halt. Ganz zu schweigen vom erwähnten Körperinnern. Ähnlich dem hypnotischen Farbspiel des Kopffüsslers bietet das von Beate Sampson produzierte Album ein mal nervös spritziges, nachdenkliches und auch anrührendes Spiel an Klängen und Stimmungen, die vieles können, nur eines nicht – langweilen. Das Cover mit einem metallisch schimmernden Torso der Künstlerin Eva Brenner aus deren Installation „HEIL“ wirkt etwas isoliert und losgelöst

Peter Fulda, luminiscent, Label 11 LC 24977,

Order: Nova MD, CD / download (auszugsweise)

Produziert von Beate Sampson, Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk, Aufgenommen am 3. und 4. Februar 2020 im Studio Franken des Bayerischen Rundfunks von Carsten Vollmer und Thomas Goetz, gemastert von Christoph Stickel in Wien.

close

Der tägliche
JazzZeitung.de-Newsletter!

Tragen Sie sich ein, um täglich per Mail über Neuigkeiten von JazzZeitung.de informiert zu sein.

Wir senden keinen Spam! Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.