CD-Tipp: Weihnachtlich swingender Gypsy-Groove

 Mic Oechsners Grappelissimo: Gipsy Christmas


Crack 0069 / cracked anegg records/Galileo Vertrieb

Ein bisschen was muss man schon übrig haben fürs christliche Weihnachten. Sonst könnte der Genuss an der neuen Scheibe des Ex-Münchners und Wahl-Österreichers Mic Oechsner (violin) vielleicht zu einer zwiespältigen Angelegenheit geraten. Hat man aber mal seine anti-klerikale und konsumkritische Haltung beiseite gelegt, steht der Hörfreude an den bekannten und weniger bekannten Weisen und Liedern, die Oechsner für sein Ensemble „Grappellissimo!“ reharmonisiert hat, nichts mehr im Weg.

Wie bereits der Name deutlich macht, spielt das Quartett, dem auch Oechsners Sohn Gidon (g) und als Gast der vielseitige Akkordeonspieler Atanas Dinovski angehören, im Stil des berühmten Hot Club de France. Allerdings spürbar versüßt mit einem Schuss würziger Balkanglut. Traditionelle Weihnachtslieder aus der alten und der neuen Welt, wie das vergnügliche Versprechen „Morgen, Kinder wird’s was geben“,  erwachen mit dem flotten Tanz auf den Saiten zu neuem Leben und Melodien wie „Stille Nacht“ oder „Es ist ein Ros entsprungen“ klingen in dieser Form ungehört und lassen abgenudelte Stimmungen auf angenehme Weise neu erscheinen. Dazu gesellen sich amerikanische Klassiker wie „I’ll be home for Christmas“ oder „I’m dreaming of a white Christmas“, die wunderbar frech swingen und Laune machen. Dann tragen zudem weniger bekannte Weihnachtsmelodien aus europäischen Nachbarländern dazu bei, das Album aus der auch im Bereich Jazz nicht geringen Fülle ähnlicher Alben ein wenig abzuheben. „Jul, jul, strålande jul“ aus Schweden ist ein solches Lied im Dreivierteltakt oder das tschechische „Durch die Berge weht der Wind“. Als „Nehmt Abschied, Brüder“ ist das wehmütige schottische „Auld lang syne“, das auch Charlie Chaplin in seinem berühmten Film „Goldrausch“ eingesetzt hat, auch bei uns bekannt. „O santissima“ (Oh du fröhliche), das auf einer sizilianischen Melodie beruht, hat die Band dem Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, gewidmet. Der hat sich als Reaktion auf Innenminister Matteo Salvini mit anderen Bürgermeistern von Sizilien zusammengeschlossen und erklärt, der Hafen von Palermo stehe für alle Schiffe mit Flüchtlingen immer offen. Respekt! Der „pseudoweihnachtlichen Kaufhaus-Konsum-Beschallungsebene“, wie Oechsner im Beipackzettel meint, werden die alten Lieder dennoch nicht entrissen. Das zu glauben, wäre eine Illusion. Swingender Groove und teilweise osteuropäische Einfärbung allerdings sorgen in dieser Zeit für ein bezauberndes Flair und geben den Melodien eine neue ungewohnte Pluralität. Mit wunderbaren Improvisationen verleihen ihnen die Musiker von „Grappellissiomo!“ einen zusätzlichen Reiz, lassen sie in neuem Licht erscheinen. Schon das ist eine ganze Menge.

© Michael Scheiner

Bestellungen: auf den bekannten Plattformen, in Fachgeschäften und bei www.galileomusic.de

 

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