Um fünf Uhr bei den alten Steinen

Das 9. Jazzfestival im südschwedischen Ystad – unter anderem mit Musik von Nils Petter Molvaer, Avishai Cohen und Wolfgang Haffner


Wer Jazz an traumhaften Spielstätten erleben will – auf nach Ystad! Dieser Ort in Südschweden hat ideale Bedingungen für ein Festival. Für die Hauptkonzerte ein Theater von 1894 mit großer Bühne, aber ungemein intimer Atmosphäre. Für Open-air-Matineen ein idyllischer Innenhof aus dem 16. Jahrhundert mit Birnbaum seitlich vor der Bühne. Für kleinere Konzerte am späteren Abend eine 750 Jahre alte Klosterkirche. Zum 9. Mal gab es das Festival jetzt, dessen künstlerischer Leiter der in Ystad lebende Pianist Jan Lundgren ist. Der hob es einst zusammen mit dem ehemaligen Bürgermeister Thomas Lantz aus der Taufe – und stellte auch diesmal wieder ein reizvolles Programm mit internationalen Stars und Angeboten zum Entdecken zusammen. Es kamen 10.600 Besucher.

„Hier zieh ich her!“

Ystad lockt. Denn die Küstenstadt mit rund 19 000 Einwohnern – sonst Kulisse der Kurt-Wallander-Krimis von Henning Mankell – hat auch bei heftig schwülem Wetter eine wunderbare Aura. Das mit der Hilfe vieler freiwilliger Helfer gestemmte Festival empfängt Besucher und Künstler mit außergewöhnlicher Freundlichkeit – sodass der deutsche Schlagzeuger Wolfgang Haffner während des mit begeistertem Applaus gefeierten Konzerts seines Quartetts die Hand aufs Herz legte und dem Publikum sagte: „Hier zieh ich her“. Haffner spielte  mit Vibraphonist Christopher Dell, Bassist Christian Diener und dem jungen Pianisten Simon Oslender Stücke aus seinem Programm „Kind of Spain“, die in mitreißendem Drive über die Rampe kamen. Weitere Renner beim Publikum: etwa die experimentierlustige Virtuosität des Quartetts von Vokalist Andreas Schaerer, Akkordeonist Luciano Biondini, Gitarrist Kalle Kalima und Schlagzeuger Lucas Niggli in ihrem Porgramm „A Novel of Anomaly“; und nicht zuletzt das Trio des jamaikanischen Pianisten Monty Alexander. Alexander, der Ehrengast des Festivals, spielte im Trio mit J.J. Shakur, Bass, und Jason Brown, Schlagzeug, ganz in sich gekehrt und ohne Momente des Auftrumpfens, wirkte auch in einer anrührenden Zwischenmoderation so nahbar wie selten – und bekannte schließlich, dass er vor wenigen Tagen wegen eines Schlaganfalls noch nicht gewusst habe, ob er überhaupt wieder spielen werden könne.

Trompetentöne morgens an der Küste

Auch das gab es diesmal: Musik zu einer für Jazzer gewagten Zeit: 5.20 Uhr, Sonnenaufgang! Der Ort: Ales stenar, das schwedische Stonehenge, ein Ensemble von 59 großen Steinen, die vor rund 1400 Jahren an der Küste in Form eines Schiffes aufgestellt wurden. Trompeter Nils Petter Molvaer saß dort auf einem Podest inmitten elektronischer Geräte – vor dem heftigen Wind geschützt durch eine durchsichtige Stellwand – und spielte eine Stunde lang versonnene Trompetentöne zu elektronischen Zuspielungen. Etwas zu vorhersehbar war diese Musik – bis kurz vor Ende die hellen Töne eines Vogels plötzlich verblüffend mit Molvaers Tönen korrespondierten.

Bei diesem Festival zu entdecken: die lakonischen, von einem trockenen Drive und Understatement-Gesang getragenen Indie-Jazz-Songs der norwegischen Kontrabassistin Ellen Andrea Wang; und, ein paar Tage später, ein eigens fürs Festival zusammengeführtes, international besetztes Septett namens „Crossing Borders“ rund um die schwedische Saxophonistin Elin Larsson mit Bläserwitz in starken Kompositionen, gestützt von der hochsensiblen Rhythmuspower der französischen Drummerin Anne Paceo.

Trompeter Avishai Cohen und die Bohuslän Big Band

Einen großen Moment im Theater hatte der israelische Trompeter Avishai Cohen mit der für geschärfte zeitgenössische Sounds berühmten schwedischen Bohuslän Big Band, die Cohens Stücke mit vielen feinen Farbnuancen spielte – er selbst spannte dazu ganz lange Bögen und konnte gerade vor dieser Big Band sein großes solistisches Format zeigen. Ebenfalls im Theater zog die 1980 in Georgia geborene Sängerin Lizz Wright am letzten Abend mit ihrem dunklen Timbre wunderbar kraftvolle Linien durch ihre Blues- und Gospel-getränkten Songs. Ihre warmtönende Musik wäre ein guter Ausklang gewesen – doch um ein größeres Publikum zu erreichen, setzten die Veranstalter ein „Gala-Konzert“ obendrauf: in der Ystad-Arena, einer letztes Jahr eingeweihten, modernen Handball-Halle. Das All-Star-Aufgebot rund um Pianist Jan Lundgren und Posaunist Nils Landgren klang dort unvorteilhaft blechern – schade bei einem sonst so überzeugenden und charmanten Festival.

Text und Fotos: Roland Spiegel

Advertisements

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.