Jul 122017
 

Composer in Residence des Südtirol Jazzfestival Alto Adige: Reinier Baas (g). Foto: Ralf Dombrowski

Der diesjährige Composer in Residence des Südtriol Jazzfestival Alto Adige hieß Reinier Baas.  Der holländische Gitarristen gestaltete den Eröffnungsabend im Messezentrum von Bozen mit einer unterhaltsam-skurrilen Mischung aus Konzeptmusik, medienübergreifender Gestaltungsidee und subversivem Witz. Im Mittelpunkt stehen die Zeichnungen von Cartoon-Künstler Raymond Koot (Typex), die eine etwas holprige Liebes- und Leidensgeschichte der schrillen Princess Discombobulatrix illustrieren, von der Sängerin Nora Fischer stellenweise bühnentheatralisch umgesetzt werden, ansonsten aber als Projektionen präsent sind. Damit nicht genug. Während der folgenden Tage ist Baas viel beschäftigt, mit Workshops und kleineren Besetzungen wie etwa dem Duo mit dem Saxofonisten Ben van Gelder vor imposanter Dolomitenkulisse auf der Malga-Fornella-Alm am Würzjoch. Ulrich Möller-Arnsberg traf sich mit dem Künstler zum Gespräch.

Reinier Baas, Sie sind in Hilversum geboren, haben in New York studiert und leben heute in Amsterdam. Die niederländische Zeitung „De Volkskrant“ feiert sie als einen der angesagten zeitgenössischen Jazzgitarristen. Was bedeutete es für Sie, „Composer in Residenc“ beim diesjährigen Südtirol Jazzfestival zu sein?

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Reinier Baas: Es ist bombastisch. Das Beste ist, daß ich hier mit Leuten aus Harlem und aber auch mit Leuten aus der Region spielen kann.  Ich lerne also eine Menge neuer Leute kennen. Gestern Abend haben wir zum Beispiel zusammen mit Filippo Vignato und Glauco Benedetti, dem großartigen Posaunisten und Tubisten,  ein Konzert gegeben. Wir haben uns noch zuvor gesehen, und trotzdem konnten wir nach einer ersten Begrüßung und einer kurzen Probe gleich loslegen. Beim Eröffnungskonzert haben die Leute aus dieser Gegend wirklich toll gespielt. Außerdem ich habe einige Freunde hierher zu diesem wunderschönen Ort mitgenommen.  Ich bin also sehr glücklich.

Sie waren bereits vier Mal in Bozen, wie haben Sie sich auf die Jazzoper Discombobulatrix vorbereitet.

Baas: Diese vier Besuche hier fanden alle in den letzten Monaten statt, um das Festival vorzubereiten. Wir haben nämlich ein Projekt mit Musikern aus der Region aufgezogen mit dem Namen „Euregio Jazzwerkstatt“. Deswegen war ich schon vier Mal hier. Das ist eine große Ehre für mich. Discombobulatrix habe ich ursprünglich als Auftragswerk für das North Sea Jazz Festival 2015 komponiert. Ich habe zuerst mit der Geschichte angefangen und danach die Musik geschrieben. Sie haben mir absolut freie Hand gelassen, was für einen Künstler immer das Schwierigste ist. Wenn man überhaupt keine Bezugspunkte bekommt und machen kann, was man will, hat das etwas Beängstigendes. Als würde man in ein schwarzes Loch schauen. Man weiß gar nicht, womit man anfangen soll. Dann habe ich eben mit der Story angefangen. Es geht dabei um die Geschichte der Prinzessin Discombobulatrix, des gigantischen Zauberers Zendor, des Generals und des Herzogs von Waalwijk. Alle vier Charaktere sterben am Ende einen grausamen Tod. Eine Tragödie also.

Wie kam es zu dem Projekt, eine Jazzoper über die Prinzessin einer Südtiroler Sage zu machen?

Baas: Der Leiter des Südtirol Jazz Festivals Klaus Widmann hat mir vom Mythos der Prinzessin der Dolomiten, Prinzessin Dolasilla,  erzählt. Das hat ganz gut zu diesem Festival hier gepaßt und auch zu meinem Projekt. Deswegen habe ich eine zusätzliche, etwa zehnminütige Hommage an diese Prinzessin aus dieser Gegend dazu komponiert. Es ist wirklich eine zauberhafte Geschichte, quasi Romeo und Julia der Berge. Klaus Widmann hat mir dann Elide Mussner Spizzini vorgestellt. Sie hat das Libretto geschrieben und zwar im hiesigen retoromanischen Dialekt  Ladino. Damit hatte ich also diesen tollen Text und die super Story. Außerdem ist der Name Do-la-si-la zum Teil in der C-Dur Tonleiter enthalten: Do Re Mi Fa So La Si Do. Das Leitmotiv wird so zu: ….. – Die Musik war also schon vorgegeben. Es hat sehr viel Spaß gemacht, es zu schreiben. Wir haben eine lokale Berühmtheit engagiert: Philipp, der im hiesigen Wirtshaus arbeitet. Er ist der genialste Ober, den ich je gesehen habe. Mit einer Wahnsinns-Stimme. Als ich eines Tages dort ein Bier trank, habe ich ihn gehört, wie er über die Terrasse hinweg gerufen hat. Da wir mir klar: der Typ mußte in die Oper integriert werden. Ich habe ihn gefragt, ob er der Erzähler sein wolle, und er sagt ja.

Nora Fischer als Princess Discombobulatix. Foto: Ralf Dombrowski

Jazzoper, dieses Genre geht zurück auf die 1920er Jahre. Ernst Krenek komponierte damals „Jonny spielt auf , Kurt Weill die „Dreigroschen-Oper“. Haben Sie sich mit der Zeit musikalisch beschäftigt?

Baas: Ehrlich gesagt habe ich mich während des Komponierens mehr mit der klassischen Musik beschäftigt – mit Wagner und Strauß. Die Zeit, in der es diese seltsamen Harmonien gab, die Musik aber trotzdem noch publikumswirksam war. Die Geschichte ist ja sehr spannend, es macht viel Spaß, sie zu hören. Sie zwar nicht überall anspruchsvoll, aber trotzdem sehr raffiniert und  sehr ausgefeilt in Bezug auf Melodik und Harmonik. Ich habe versucht, etwas davon zu übernehmen.

Für Discombobulatrix haben Sie ein Tentett zusammengestellt. Haben Sie Vorbilder, wie etwa das Vienna Art Orchestra oder das Orchestra Instabile?

Baas: Es war tatsächlich so etwas wie ein Kollektiv. Dieses Quintett bestand aus lauter Freunden von mir, die ich noch aus meiner Zeit am Konservatorium kannte. Wir hatten einfach immer so viel Spaß, wenn wir zusammen Musik gemacht haben. Irgendwann haben wir  uns mit den alten Standardtiteln nicht mehr recht wohl gefühlt  und beschlossen, unsere eigenen Kompositionen zu spielen. Ich habe dann angefangen, für dieses Ensemble zu schreiben. Zunächst allerdings nur für den Saxophonisten Maarten Hogenhuis. In New York lernte ich später Ben van Gelder kennen und nahm ihn im Ensemble mit auf. Meine Abschlußprüfung an der Hochschule war sozusagen unser erstes Konzert. Seitdem haben wir ganz viel zusammen gespielt – in Japan, in Neuseeland, Australien. Es hat echt viel Spaß gemacht. Derzeit ruht das alles ein bißchen, aber wir werden zurückkommen.

In ihrem CD-Projekt „Smooth Jazz – Apocalypse“ setzen Sie sich kritisch mit Jazz als „Warenmusik“ auseinander.

Baas: Das ist ein spannendes Thema. Für mich liegen die Unterschiede in der Musik eher im Prozeß, weniger im Stil oder im Genre.  Die wichtigste Unterscheidung besteht für mich darin, ob Musik improvisiert oder komponiert ist. Für dieses neue Projekt mußte ich einige musikalische Elemente, wie Melodik, Harmonik, Form, Struktur, Dynamik offen lassen.  Ich lasse immer einen Aspekt offen. Ein Stück kann vielleicht nur eine festgelegte Melodie haben. Was bedeutet, daß es jedesmal anders interpretiert werden kann. Bei einem anderen können nur die Harmonik und das Tempo vorgegeben sein, aber keine Form. Man kann dann immer im Moment entscheiden, was man wiederholt und wann man weitergeht. Der Unterschied zwischen Jazz und Klassischer Musik liegt für mich in solchen Prozessen. In der Klassischen Musik ist alles notiert, Dynamik, Form, Noten, und am anderen Ende des Spektrums steht die freie Improvisation. Ich versuche, mich innerhalb dieser beiden Pole zu bewegen.

Das Gespräch führte Ulrich Möller-Arnsberg

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