Eve Risser’s White Desert Orchestra @ Jazzfest Berlin. Foto: Petra Basche

Jazzfest Berlin 2016 (4) – Fegefeuer, Turbine und das/der Rauschende

Bisher war das Jazzfest Berlin 2016 eher „naja“. Der letzte Abend brachte die Wendung, es war Stimmung im Saal, es wurde auch mal gebuht. Irgendwer im Publikum durfte lautstark behaupten: „Das ist doch kein Jazz“. Emotionen! Die Antwort darauf kann nur lauten: Wenn man Jazz nur an den Namen, nicht aber an der Musik festmacht, dann habe der Jazz sich eben selbst kannibalisiert. Aber nehmen wir die Aussage als Frage auf: Was ist Jazz? Der Abend im Haus der Berliner Festspiele lieferte drei Antworten.


Fegefeuer des Einfachen
Julia Holter & Strings

Julia Holters Musik lässt sich sicher ganz einfach und trivial beschreiben als Singer/Songwriter-Show mit ihr selbst an Stimme und Keyboard (immer schön leicht in den Songstrukturen freundlich singend), einer Rhythmusgruppe, einem Saxophon und einem Streichtrio (!). Holter hat darauf Arrangements gesetzt, die einfach perfekt waren, in Tonsatz und Timing. Man wird vergebens nach dem virtuosen Solo suchen, denn das gab es nicht.

Kammermusik als ArtPop, so wie man es vielleicht verbinden mag mit der brodelnden Zeit der 80er und 90er Jahre, als die Genres ineinandergriffen und Bernd Leukert im Hessischen Rundfunk seine „Avantgarderobe“ lancierte. Art Zoyd, die 5 UU’s, The Entropics oder David Garland mögen dem einen oder anderen noch geläufig sein.

Die Songs kommen immer etwas melancholisch daher, sind aber im Timing und ihrem Arrangement einfach funktionierend. Vom Jazz bleibt da vor allem das rhythmische Gefühl. Aber darunter und dahinter geht es rund. Da reißt der musikalische Vulkan auf und geht in ein Fegefeuer über. Hier gelingt dem Streichtrio zusammen mit dem Bass eine kollektive Improvisation, wo alle ihren Zusammenhang hören. In den epischeren Passagen schälen sich Klänge im Gruppenzusammenhang aus sich heraus. Faszinierende Gebilde aus Klangfarbmischungen entstehen, wirklich mit Effekten wie man sie aus der E-Musik der 60er Jahre von György Ligeti kennt. Das ist Tonkultur pur – auf Basis ganz simpler Songideen. Für den einen oder anderen ist das allerdings nur chromatisches Rumgeschraube.

Ein bisschen erinnert der Jazzpolizisten-Einwurf an die Kritiker der Literatur-Nobelpreisvergabe an Bob Dylan. Was wollen die? Lieber ist ihnen eine kaputte Musik, die sich in einer musikalischen Negativität gefällt? So wird das nichts und ich erinnere mich an den Ausspruch eines Klavierlehrers, der sagte: Zur Aufnahmeprüfung spielt man das Brahms-Klavierkonzert, in der Mitte des Studiums eine Mozart-Sonate und am Ende Kinderlieder. Die Schwierigkeit liegt in der Einfachheit, wo man blank zieht und jeden falschen Pieps hört.

Die Jazz-Bullshit-Bingo-Fraktion hat dagegen ihre Häkchen gemacht. Gewiss, diese Musik würde ebenso ihren Platz in einem anderen Kontext als einem Jazzfest finden. Aber das spricht am Ende doch eher für als gegen sie!

Eine Musikturbine
Steve Lehman Octet

Anders, ganz anders! Und auch richtig. Völlig anschlussbefreit zu Julia Holters Auftritt: Das Steve Lehmann Octet. Ein Bläserquintett mit Schlagzeug, Bass und Vibraphon. Bläserblockbildung dazu antimetrische wie aus einem Paralleluniversum kommende Rhythmsection, auch vom musikalischen Gesamtbild her gedacht. Aber anders als bei Nik Bärtsch’s Ronin mit hr-Bigband verdammt nochmal präzise. Mit einem Druck auf dem Kessel, wo sich die Musik umschichtet, eine gewaltige Musikturbine – in permanenter Alarmbereitschaft.

Die Musik treibt ständig aus sich heraus, die Tempi über dem Rhythmus-Teppich wechseln oder sind parallel. Dazu gibt es strukturelle Soli, auch dann wieder aberwitzig rasant und auch mal ganz im Doppelsolo von Saxophon und Trompete bis in die Mikrotonalität hinein beim Duo von Lehman mit einer Zuspielung vom Laptop. Das funktioniert, weil es gekonnt wird und weil man diese musikalische Denkungsart komplett verinnerlicht hat. Ein mögliches Ergebnis: Es entsteht dabei eine Art „Stehende Musik“.

Notiz dazu.
Notiz dazu.

Eine faszinierende Dialektik von Individuum und Kollektiv. Die einzige Gefahr lauert in der Selbstähnlichkeit des kompositorischen Konzepts der Stücke. Wie tief lässt es sich da noch eindringen, welche Unterbödigkeit lässt sich da noch herauskratzen?

Gewaltige Klangwelten
Eve Risser’s White Desert Orchestra

Ganz, wieder ganz anders. Drei Stücke des Kuchens am diesem grandiosen Abend. Eve Risser mit ihrem französischen Ensemble. Zunächst eine Erinnerung, die unsere Fotografin Petra Basche aufdeckte. Eve Risser nennt ihr Orchester „White Desert“, auf einer Erfahrung beruhend, den Grand Canyon in den USA einmal mit Schnee überzogen gesehen zu haben. Daneben Monika Roscher, die mit ihrem Orchestra vor drei Jahren an gleicher Stelle spielte und dem Stück „Schnee in Venedig“ als sie die Lagunenstadt unter Schnee sah. Beide haben ihre Orchester im Zusammenhang mit Abschlussprüfungen ihrer künstlerischen Laufbahn an Hochschulen zusammengestellt. Wie gut!

Ja, und wie gut, diese Formation an das Ende des Abends zu setzen. Es war ein akustisches Feuerwerk. Mit einer ausladenden Trauermusik zu Beginn und einem ekstatischen Choral am Ende. Jeweils Rampen für gewaltige Klangentladungen. Eine musikalische Beerdigung der besonderen Art – in die Erde zurückgehend, organisch, umfassend. Erdig!

Risser am präparierten Klavier, dazu eine Bläsersection ergänzt um Flöte und Fagott, dahinter E-Gitarre, Schlagzeug mit Gran Cassa und E-Bass. Des Staunens war kein Ende: Auf der einen Seite ganz feine Klangstudien bis zu den Äolstönen der Flöte, auf der anderen Seite Klangballungen die durchgeknetet wurden. Motivierte und extreme Soli der Flötistin, der Fagottistin oder von Posaune, Altsaxophon, Gitarre und E-Bass. Alles war frisch, alles war eigen, eine neue Musik mit erstaunlichem Drive ebenso wie mit Krassheit. Ich war dankbar und das Gefühl in diesem Musikstrom eingesogen zu werden enorm. Das ist kaum zu beschreiben. Dankbar und erfüllt verlässt man bewegt den Saal.

Zum Ende

Drei Spielformen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten und doch zum gleichen Kuchen gehören. Was soll da das Gestöhne der Fragenden, ob das noch Jazz sei. Da darf man mit John Cage antworten: Wenn einen der Name störe, soll man es eben anders nennen. Der Festivalleitung sei ans Herz gelegt, die sog. großen Namen etwas beiseite zu legen, nicht dem aktuellen CD-Markt nachzufolgen sondern das Wagnis einzugehen, im Trüben zu fischen. Steve Lehman mit seinem Octet war zum ersten Mal in Berlin (sagte er jedenfalls), Eve Risser mit ihrem White Desert Orchestra ebenso und Julia Holter (vielleicht an anderer Stelle). Wahrscheinlich kam einiges davon auf den anderen Bühnen des Jazzfests ebenso ans Licht der Welt – worüber es mir mangels Besuchs nicht gestattet ist, zu berichten.

Hier noch ein paars Soundschnipsel zu den Musikerinnen des Abends, damit man sich eine kleine Vorstellung machen kann. Ansonsten: Ciao bis nächstes Jahr.

Nachtrag Frauenquote

  • Julia Holter …: 3 zu 4
  • Steve Lehman: 0 zu 8
  • Eve Risser’s White Desert Orchestra: 4 zu 6

Die Ensembles des Abends:

Julia Holter & Strings
Julia Holter keys, vocals
Devin Hoff double bass
Corey Fogel drums, vocals
Dina Maccabee viola, vocals
Danny Meyer saxophone
Ayumi Paul violin
Andreas Voss cello

Steve Lehman Octet
Steve Lehman alto saxophone, composition
Jonathan Finlayson trumpet
Mark Shim tenor saxophone
Tim Albright trombone
Chris Dingman vibraphone
José Davila tuba
Drew Gress double bass
Cody Brown drums

Eve Risser’s White Desert Orchestra
Eve Risser piano
Sylvaine Hélary flutes
Antonin Tri-Hoang saxophones, bass clarinet
Benjamin Dousteyssier bass clarinet, tenor saxophone
Sara Schoenbeck bassoon
Eivind Lønning trumpet
Fidel Fourneyron trombone
Julien Desprez electric/electro-acoustic guitars
Fanny Lasfargues electro-acoustic bass
Sylvain Darrifourcq drums

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