Brad Mehldau beim Jazzfest Berlin. Foto: Petra Basche

Jazzfest Berlin 2016 (2) – Freejazzflöhe, Verzweiflung und Struktursumpf

Okay, der Beruf der Jazzkritikerin ist nicht ganz einfach. An jeder Ecke wittert man eine Musikerin, die einem die letzte Kritik um die Ohren haut – wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, wird man gar nicht mehr erkannt. Die Sache ist ja doch die: Nach einem Konzert kommen die Menschen mehr oder weniger ungefragt auf einen zu und fragen einen: „Und? Wie fandest Du’s?“ Und dann steht man doof da. Es ist ja eine Fangfrage. Die richtige Antwort ist salomonisch: „Jaaa?!“ Andere treten direkt mit Lob oder Tadel zu einem und sagen das auch deutlich. „Jaaa?!“ „Hmmm.“


Kurzum, es ist nicht einfach, bei so vielen verschiedenen Meinungen und Urteilen gerecht zu sein. Man ist immer ungerecht. Für die Musikerinnen zählt sowieso nur das positive Urteil, bei einer eher negativen Kritik habe man als Kritikerin eben auch nix verstanden oder sei ein Ignorant. Überschwang zählt mehr als Inhalt. Das ist schon traurig häufig. Aber, da muss man durch. Und natürlich kann man auch schiefliegen. Wahrscheinlich tue ich das heute besonders. Der zweite Tag beim Jazzfest Berlin war nämlich ziemlich durchwachsen mies. Die guten Stellen von den über drei Stunden Musik kann man auf wenige Minuten zusammendampfen. Gleichwohl, dem Publikum hat‘s gemundet.

Apropos „schiefliegen“: Man hört ja und liest es immer wieder, der Kritikerin wird der Vorwurf gemacht, sie sei wohl in einem anderen Konzert gewesen. Der Einwand ist vollkommen berechtigt. Ja, man ist immer in einem anderen Konzert gewesen. Jede hat ihr eigenes Konzert, das sie besucht. Ihren eigenen persönlichen Zugang. Auch mit unterschiedlichen Interessen. Das Konzert gestern beschreibt da der künstlerische Leiter des Festivals, Richard Williams auf Twitter so:

„Touched by magic“ – da war Williams wohl in einem anderen Konzert.

Unvollkommene Magie – Brad Mehldau und Joshua Redman

Der Saal der Berliner Festspiele war ausverkauft. Restlos voll. Zwei Big Player gaben sich gleich zu Beginn die Ehre. Sie haben zusammen in diesem Jahr eine Platte gemacht. So ein Zufall. Mit „Always August“ von Brad Mehldau zünden sie. Vom ersten Ton an bauen sie einen musikalischen Kokon, der einen magisch hineinzieht. Höchste Tonkultur bei beiden. Dann, im Laufe der folgenden Stück kommt es zum Bruch. Mehldau wirkt lustlos, es klimpert vor sich hin. Redman kann ihm da nicht drüber hinweghelfen. Mehldau möchte man irgendwie zu Hilfe eilen. Aber die Musik bleibt verkapselt.

Schließlich doch noch Magie, als ob Mehldau sich selbst doch noch aus dem Sumpf zöge. Bei der Ballade „The Nearness Of You“ finden die Musikerinnen zurück zu ihrer Klangsprache, intim, feinsinning, trauen sich, sich fallen zu lassen. Redman nuancenreich und fließend. Mehldau wieder in die Musik abgetaucht. Das Konzert in kurz beschreibt die Zugabe von Parkers „Ornithology“. Start gut, dann irgendwie verwässert, schließlich, als ob die Nervenkabel Anschluss gefunden haben, Sogwirkung. Der große Wurf war das alles nicht. Aber eigentlich ist es auch mal gut, zu sehen, wie Perfektionisten ins Trudeln geraten und mit ein bisschen Glück zu heiterer Musik zurückfinden.

Die Tausendtönler – Globe Unity Orchestra

Ganz alter Adel. Dutzende Männer in ihrer krachenden Orgie. Jeder darf mal zum Solo, manchmal auch im Duo oder Quartett. Ein hochkomplexes undurchschaubares Gewusel, fast durchwegs laut. Wer genau hingehört hat, wird entweder drei Phasen unterschieden haben (Stille, Auftritt, Applaus, mächtiger, gewaltiger Applaus!) oder eben doch die Binnenstruktur mit ihren 72.852 einzelnen ineinander übergehenden Episoden erkannt haben. Denn aus dieser Anzahl von Tönen pro Minute bestand das abgedrehte Solo von Evan Parker.

„Jaaah?!“ Geht’s noch? Ist das nicht irgendwie ein bisschen schrullig? Den Mythos „Globe Unity Orchestra“ zu bewahren, zu erretten, zu spielen, als sei man das „Globe Unity Orchestra“, so, als wäre nix passiert? Da fressen die Anzüge ihre Kinder.

Eine Kollektivimprovisation ist vor einem aufgerollt worden, wie ein ringförmiger Tausendtönler, der sich wälzt und wogt, wie ein brodelnder Kessel heißen Wassers. Schlußabwink vom Gründer Alexander von Schlippenbach. Die Selbsterfahrungsorgie endet im Unisono. Punkt. Applaus. Einzelne Musikerinnen stachen heraus: Rudy Mahall, Gerhard Gschlößl, Gerd Dudek. Man durfte da diesem Sack musikalischer Freejazz-Flöhe und mitteleuropäischer Klanghaltung entweder zuhörend folgen oder innerlich grimmigrieren.

Strukturelles Versagen – Myra Melford’s Snowy Egret

Jetzt mit Video! Oder Visuals. Das Programmheft sagt zu Myra Melford’s Snowy Egret: „Ihr jüngstes Werk, ‚Language of Dreams‘ besteht aus einer Suite von Stücken, die durch die Schriften des uruguayischen Journalisten, Essayisten, Fabulisten und Romanciers Eduardo Galeano (1940-2015) inspiriert wurden, besonders durch seine monumentale, dreibändige Geschichte der beiden Amerikas, „Memoria del Fuego (Erinnerung an das Feuer)“. „Jaaah!?“ Und?

Ich muss persönlich werden. Der Auftritt lässt mich ratlos zurück. Die einzelnen Kompositionen sind so fies musikalisch gesetzt, da spürt man den kompositorischen Willen zum Guten wie zum Schlechten hindurch, artistisch eben, eben JazzArt. Die musikalische Bändigung des Materials entwickelte die Tendenz zur Erstickung. So ein trotziges „Ich will, ich will, ich will“, eben. Wie schön dann, wenn dann doch eine Bluesphase durchschimmert und Myra darin sich gehen lässt.

Es war vielleicht auch ein akustisches Problem. Das Ensemble schien sich nicht freispielen zu können: Dem Bass fehlte der Druck, den es aber braucht, um den Rest darüber sich schweben oder versinken zu lassen. Das Video füllte dies mit optischem Sinn? Je nachdem, für mein Gefühl eher nicht.

Schlusspunkt

So also sah „Magic“ vom Rang aus aus, hörte sie sich an. Und der Kritikerin Angst bleibt, demnächst von den Mitgliedern des Globe Unity Orchestra irgendwann umkreist und angetanzt zu werden. Da hat es meine Kollegin von der Bildfraktion einfacher. Sie wählt nur die guten Bilder aus und alle sind darüber beglückt. Aber es sind ja auch verdammt gute Bilder, die dann wenigsten bleiben. Jazz, der aufs Ganze geht, ist eine Risikosache. Das lieben wir doch alle, sonst würde uns eine CD reichen. Zum Risiko gehört auch das Misslingen. Wenn man also die CD von Mehldau und Redman über die Lautsprecher hört, ist sie immer noch, trotz ihrer kalkulierten Perfektion, weniger als diese Vibrationen, die die beiden Musikerinnen auf der Bühne entfalten konnte. Da waren unwiederbringliche Momente dabei. Vielleicht ist es das, was Williams mit „magic“ meinte. JA!

Die Ensembles des Abends

Joshua Redman – Brad Mehldau Duo
Brad Mehldau piano
Joshua Redman saxophone

Globe Unity Orchestra
Henrik Walsdorff alto saxophone
Ernst-Ludwig Petrowsky alto saxophone, clarinet, flute
Daniele D’Agaro tenor saxophone, clarinet
Gerd Dudek soprano and tenor saxophones, clarinet, flute
Evan Parker tenor saxophone
Rudi Mahall bass clarinet
Axel Dörner trumpet
Manfred Schoof trumpet, flugelhorn
Jean Luc Capozzo trumpet
Tomasz Stańko trumpet
Ryan Carniaux trumpet
Christof Thewes trombone
Wolter Wierbos trombone
Gerhard Gschlößl trombone
Carl-Ludwig Hübsch tuba
Alexander von Schlippenbach piano
Paul Lovens drums
Paul Lytton drums

Myra Melford’s Snowy Egret
Myra Melford piano
Ron Miles cornet
Liberty Ellman guitar
Stomu Takeishi acoustic bass guitar
Tyshawn Sorey drums
David Szlasa video

 

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