47. Jazzwoche Burghausen und Führung mit Roland Spiegel

guilaumeZum 47. Mal präsentiert die Interessengemeinschaft Jazze.V. die Internationale Jazzwoche in Burghausen, in diesem Jahr vom 8. bis 13. März 2016. Mehrals 30 Konzerte mit Stars, Legenden, Newcomern undNachwuchsmusikern aus der ganzen Welt erwartet dasPublikum in der schönen, historischen Grenzstadt. Nureinen Steinwurf von Österreich entfernt liegt die malerische Altstadt Burghausens unter der längsten Burg der Welt. Sie ist jedes Jahr Ziel von Jazz-Liebhabern jeden Alters.

Das Programm der 47. Jazzwoche überzeugt auch 2016: Mit Bassisten-Legende Ron Carter, dem großartigen Akkordeonisten Richard Galliano und der WDR Big Band gelingt einmal mehr ein einzigartiger Einstieg in die leidenschaftliche und vielschichte Welt der Jazzmusik. Wenn dann die US-Amerikanische Sängerin Bettye LaVette ihr ganzes Können aus fünf Jahrzehnten Soul, R&B und Gospel zeigt und am gleichen Abend die feurige Trompete von Franco Ambrosetti in der Burghauser Wackerhalle erklingt, dann sind die Erwartungen an die 47. Internationale Jazzwoche in Burghausen zu Recht hoch. Aber dem kann mit dem so gar nicht angepassten, spielwütigem Schweizer Sextett Hildegard lernt fliegen, dem exzellenten französischen Saxophonisten und Klangforscher Guillaume Perret & seiner Band Electric Epic sowie der sagenhaften The Stanley Clarke Band abgeholfen werden. Der Freitagabend steht ganz im Zeichen des mitreißenden, frischen französischen Big Band Jazz. Mit der Electro Deluxe Big Band feat. Beat Assailant stehen tatsächlich 20 Mann auf der Bühne, die feinsten, französischen Funky-Soul-Jazz auftischen. Außerdem: Der Next Generation Day mit großen Musikern von morgen: Yara Lins, Brigitta Flick und Turn feat. Stefan Karl Schmid. Wie immer startet die Jazzwoche am Dienstag mit dem Nachwuchspreis, der mit 9.000 Euro dotiert ist u.v.m.
VVK-Start ist am 14. Januar 2016. Tickets sind u.a. über die Geschäftsstelle der IG Jazz Burghausen e.V. (0 86 77/ 91 64 63-33, Kanzelmüllerstraße 94, 84489 Burghausen) oder online unter www.jazzwoche.com erhältlich. Für Schüler und Studenten gelten für die Hauptkonzerte um 50% ermäßigte Eintrittspreise.
Und falls Sie einen Aufenthalt in Burghausen planen, hat BR-Redakteur Roland Spiegel Insider-Tipps für Sie! (Artikel erschien 2015 in der Ausgabe 1-15 von Silberhorn)

Dizzys Abtrockentuch und sechs poetische Höfe

Mein erster Eindruck, vor inzwischen 32 Jahren, als es die Jazzwoche Burghausen schon eine ganze Weile gab: fast zu idyllisch, um wahr zu sein. Dieser charmante Ort mit seinen bonbon-bunten Altstadt-Fassaden, seiner über einen Kilometer langen Burg-Anlage wie aus einem nicht enden wollenden Aufklapp-Bilderbuch und seiner gelassen bayerischen Fröhlichkeit kam mir wie aus der Welt gefallen vor. Das lag natürlich mehr an mir als an Burghausen selbst: Wer viel Zeit seiner Jugend in der damals ziemlich grauen Steinwüste der Nürnberger Südstadt verbracht hat, muss sich an Farben, barocke Schönheit und Genussfreudigkeit erst einmal gewöhnen.


Foto: David Breitling
Foto: David Breitling

Doch Burghausen und die Jazzwoche sind es wert, dass man über den Schatten anderer Gewohnheiten springt. 1970 fand dieses Festival zum ersten Mal statt – und dieses Jahr erreicht es also seine 46. Ausgabe. Viele Konzerte aus unterschiedlichsten Richtungen des Jazz und jazzverwandter Musik konnte man dort erleben. Zum Beispiel letztes Jahr: Der Popstar, Songwriter und großartige Interpret von Jazz-Evergreens, Jamie Cullum, sprang, turnte und groovte fast zwei Stunden lang in türkisfarbenen Schuhen auf der Bühne der Wackerhalle – und erzählte zwischendurch dem Publikum, wie schön er es fand, am Nachmittag auf der Burg spazieren zu gehen. In den Jahren davor auf dieser Bühne: der junge New-Orleans-Star Trombone Shorty, der Bassist und Ex-Miles-Davis-Weggefährte Marcus Miller, der liebenswert störrische Altstar Lee Konitz, der darauf bestand, im großen Saal unverstärkt zu spielen – und viele mehr. Ich erinnere mich an eines der aufregendsten Solokonzerte des Free-Jazz-Pianisten Cecil Taylor – in Burghausen. An ein Show-Glanzstück des Gitarristen John Pizzarelli. An eine Tenorsaxophon-Sternstunde mit Scott Hamilton und Harry Allen. An große Momente mit lustvoll spielenden Weltstars. Aber auch eine Enttäuschung wie etwa ein unglaublich schlecht geprobtes Konzert der Soul-Diva Chaka Khan vor über einem Jahrzehnt. Doch auch solche Momente gehören zur Geschichte eines Festivals.

Spaziergänge: die weltlängste Burg, Kunst an allen Orten, Mautnerschloss und Wöhrsee – nicht nur hören, auch flanieren

Zurück zu Jamie Cullum und seinem Spaziergang. Gute Idee, das auch zu tun. Wer zum ersten Mal nach Burghausen zum Festival fährt, wird es kaum bereuen, wenn er sich nicht nur für die Konzerte Zeit nimmt. Burghausen hat schöne Momente zu bieten. Gleich am Anfang der sechs hintereinander liegenden Burghöfe begrüßt den Besucher eine jener poetischen Skulpturen des Bildhauers Heinrich Kirchner – und lädt dazu ein, auch an anderen Stellen der Stadt nach Kunstwerken zu suchen; da sind viele zu entdecken. Ein paar Schritte weiter: das Haus der Fotografie; in diesem kleinen Museum wird während der Jazzwoche 2015 eine Ausstellung des Journalisten und Fotografen Ralf Dombrowski zu sehen sein. Gleich zwei Museen kann man ganz hinten in der Hauptburg besuchen. Wer vorher andere Wege gehen möchte, kann von der Burg-Anlage aus einen Weg hinunter ins Grüne nehmen, an den Wöhrsee, der sich blauschimmernd auf der nordwestlichen Seite der Burg auftut – während die Altstadt auf der südöstlichen liegt. Vom See aus kann man aber um die Burg herum in die Altstadt gehen – und trifft dort alsbald aufs Mautnerschloss, ein Gebäude, in dem einst der Schriftsteller Ludwig Thoma Lateinschüler war und in dem sich der Jazzkeller befindet – wo wiederum ein Foto von einem an der Bar Teller abtrocknenden Dizzy Gillespie hängt.   ü

Street of Fame: Mit Bronzeplatten für berühmte Jazzmusiker, die in Burghausen aufgetreten sind, Altstadt

Auf dieser Höhe der Altstadt beginnt auch die „Street of Fame“, eine Sammlung aus Bronzeplatten mit den Schriftzügen berühmter Jazzmusiker, die in Burghausen aufgetreten sind, etwa von Ella Fitzgerald bis Jim Hall. Noch ein Stück weiter stößt man in der schönen Altstadtgasse „In den Grüben“ auch auf das „Knoxoleum“; das ist eine Mischung aus Museum und Restaurant, die nach dem Künstler Knox benannt ist, einem Burghauser Urgewächs, das eigentlich Günther Stallbauer heißt. Das Gebäude geht aufs 15. Jahrhundert zurück, mittlerweile sind historische Kellergewölbe freigelegt und bieten Besuchern einen Blick in eine tiefer gelegene, ganz andere Burghausen-Szenerie.

Bunt, vielfältig und manchmal verschroben schön ist Burghausen. Und wenn es denn eine Idylle ist: weltfremd wirkt sie auf keinen Fall. Erst recht nicht, wenn der Jazz dort zu Gast ist.

Roland Spiegel, Jazzredaktion BR

 

Advertisements

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.