Anton Webern mit jazzigen Intermezzi: Lajos Dudas und die Neusser Kammerakademie

Für den Kulturphilosophen Theodor W. Adorno gab es -musikalisch gesehen – einerseits das Richtige (die künstlerische Avantgarde der zweiten Wiener Schule) und das Falsche (Jazz als „Inkarnation einer manipulierenden Kulturindustrie“). Bei aller zweifellos vorhandenen Genialität seiner Analysen, hätte man den großen Denker des 20. Jahrhunderts vermutlich in eine von ihm selbst geschaffene Kategorie, nämlich in die des „Ressentiment-Hörers“ stecken müssen. Hier agieren der Klarinettist Lajos Dudas und die Neusser Kammerakademie wesentlich „unverkrampfter“: Hier tut die unmittelbare Konfrontation zwischen gegensätzlichen Schubladen der Musik ausgesprochen gut. Dies zeigt eine neue CD auf dem Jazzsick-Label. Da werden zu Beginn Anton Weberns „Fünf Sätze für Streichorchester“ mit drei sehr persönlich gehaltenen Intermezzi von Lajos Dudas kontrastiert. Blitzende Tremoli der Streicher atmen einen aufrührerischen Fortschrittsgeist. Weberns Fünf Miniaturen lassen es nur so funkeln und knistern. In kurzen Miniaturen ein Maximum ein  Ausdruckskraft zu bündeln, darum geht es. Aber kreatives Musikmachen ist immer das „Beantworten“ von etwas gehörtem. Hier setzt der Jazz mit seinen Potenzialen an: In diesem Geiste interveniert Dudas mit drei Jazz-Intermezzi. Die bei Dudas immer so beseelt klingende Klarinette braucht nur wenige Töne, um zu zeigen, was sie …

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PENG-Festival übertraf alle Erwartungen

Text und Fotos von Stefan Pieper. Heraus aus dem Einzelkämpfertum und heraus aus den Nischen – dürfte das Motto gelautet haben, als sieben Absolventinnen der Folkwang-Hochschule das PENG-Kollektiv gegründet haben. Die Anspielung auf ein extrem erfolgreiches Kölner Vorbild in Sachen Kräftebündelung ist dabei nicht zufällig. Denn die Kollektiv-Idee hat viel Ausstrahlung und animiert zur Nachahmung, zum Weiterdenken. Im aktuellen Fall wird nun gleich ein gewichtiges Ruhrgebiets-Pendant zur Musikmetropole Köln gesetzt, und nebenbei mal etwas für die Harmonisierung der doch etwas ungleichen Geschlechter-Verhältnisse in der Musikmacher(-innen)-Zunft getan… Im Kollektiv gebündelt kann Jazz besonders gut Aufmerksamkeit generieren und etwas bewegen. Und dann haben die PENG-Aktivistinnen auch alles richtig gemacht: Ein Festival gleich zu Beginn hat den besten Imagefaktor, weil es ganz viel Aufmerksamkeit bündelt, hierfür haben die sieben Veranstalterinnen viel getan: Danach befragt, was denn im Vorfeld die meiste Zeit in Anspruch genommen habe, lautete die einhellige Antwort: Werbung machen, Flyer und Plakate unters Volk bringen und bloß nicht aufhören damit! Und: an allen Fronten das Gespräch mit potenziellen Sponsoren suchen, Leute empfänglich machen. Die Rechnung ging bestens auf: Die Maschinenhalle in Essen-Altenessen ist – ausverkauft! Eine …

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WDR vergibt Preise für Jazz – nicht nur fürs Musikmachen

Text und Fotos von Stefan Pieper – Seit 2004 würdigt der WDR Jazzpreis alle Jahre wieder herausragende Leistungen rund um den Jazz in seinen vielfältigen Facetten. Die Preisverleihung alle Jahre wieder hat sich mittlerweile zu einem mehrtägigen Festival ausgeweitet, welches eben bewusst nicht in Köln, der Heimatstadt des WDR, sondern in verschiedenen anderen geeigneten Spielstätten in Nordrhein-Westfalen über die Bühne geht. Und da konnte der Sender in diesem Jahr auf das Münsteraner Theater als bewährten Jazz-Standort zurückgreifen. Erfahrene internationale Koryphäen begegnen hier relativ jungen Akteuren. Die Preise tragen verschiedenen Sparten und Disziplinen Rechnung und werden nicht nur fürs reine Musikmachen vergeben. Jazz als kulturelles Ganzes soll im Fokus stehen. Früh übt sich hier: Der Münsteraner Trompeter Christian Kappe hat die Jugendbigband UniJAZZity auf die Beine gestellt. Das jüngste Mitglied ist gerade einmal 11 Jahre alt. UniJaZZity als Bigband für den jungen Musikernachwuchs kommt immer noch ein gewisses Exotendasein zu. Dass junge Menschen im Schüler-Alter schon mit Leib und Seele Jazz spielen, beansprucht im weitgehend klassik-affinen Musikschulbetrieb immer noch einen gewisse Sonderstatus. Im Rampenlicht der Städtischen Bühnen agierte die Truppe unter Christian Kappes Leitung auf jeden …

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Abschied von der Škoda-Allstar-Band: Uli Beckerhoff blickt auf ein gelungenes Modell zur Förderung der Kultur zurück

Von Stefan Pieper – Zum letzten Mal geht ab dem 5. November die Škoda Allstar Band auf Tour. Danach zieht sich der Autokonzern endgültig aus dem Bereich des Jazz-Sponsoring zurück. Damit ist der hochkarätig besetzten Combo aus internationalen Jazzgrößen die Möglichkeit zur weiteren Existenz als tourneefreudige Liveband genommen. Ulrich Beckerhof, Gründer und langjähriger Leiter der Skoda Allstar Band blickt mit großer Dankbarkeit auf die gute Zusammenarbeit mit dem Sponsor zurück. Bei voller künstlerischer Souveränität hat Škoda dieser Band das lebenswichtige  Rückgrat gegeben. Beckerhoffs ernüchterndes Fazit beschreibt die heutige wirtschaftliche  Situation für die meisten Jazzmusiker und – bands: „Mit so einer großen Formation zu spielen, ist heutzutage auf der Live-Ebene nicht mehr finanzierbar. Ein Tourbetrieb in dieser Größenordnung ist nicht ohne einen Sponsor zu stemmen. Ich bin sehr dankbar, dass wir so lange von diesem Sponsor unterstützt worden sind.“ Durch das Sponsoring durch Skoda konnte die Allstar-Band 15 Jahre lang viel Basisarbeit in Sachen Jazz leisten. Last but not least konnte dadurch der Tourneebetrieb vor allem in Sachen Jazzvermittlung reiche Früchte tragen: „Wir haben an zahllosen, auch sehr kleinen Örtlichkeiten gespielt und dadurch einem breiten Publikum …

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Kein Stein bleibt auf dem anderen: Filippa Gojos neues Album „Vertraum“

Von Stefan Pieper –  Filippa Gojos neues Album „Vertraum“ ist die Antithese zu vielem Überlauten und Überproduzierten, was heute vielfach die Sinne verstopft. Dies gebiert im Falle der in Köln lebenden Sängerin ein Panoptikum unverbrauchter vokaler und im besten Sinne künstlerischer Möglichkeiten. Übrigens hat Filippa Gojo soeben den Neuen Deutschen Jazzpreis bekommen – und noch einen Solopreis dazu! Die Frage nach dem Warum beantwortet diese Platte, zu der Filippa Gojo übrigens von Roger Hanschel einige maßgebliche Anregungen erfuhr, aufs eindrücklichste.  „Vertraum“ ist ein Fantasiewort – und so etwas ist hier Programm. Denn Filippa Gojo mag die Befreiung durch Dekonstruktion. Sie ist auf ihrem Album sich selbst und ihrer eigenen Stimme genug. Mehr braucht es nicht, wenn man es kann – und Filippa Gojo kann genau dies: Mit ihrer Stimme eine facettenreiche Ausdrucksskala abbilden und auf diesem Wege Neues, Unverbrauchtes zu erschaffen. Und dabei authentisch zu bleiben. Das neue Album, zu dem sie übrigens von Roger Hanschel künstlerische Anregungen erhielt, wirkt so, als wäre sie noch stärker als bislang innerlich zur Ruhe gekommen. In manchen Songs beschreibt sie ja auch Zustände eines perfekten Einklangs mit sich …

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Weltoffen, spontan und spielbesessen: Elchin Shirinov als Kulturbotschafter

Von Stefan Pieper –  Am 19. Mai lohnt es sich, nach Frankfurt zu reisen: Im stimmungsvollen Ambiente des Gesellschaftshauses im Frankfurter Palmengarten gastiert der aserbaidschanische Ausnahme-Pianist Elchin Shiriniov – zusammen mit dem Briten Dave Hamblett am Schlagzeug und dem italienischen Bassisten Andrea di Biase. Sein deutsches Debut-Konzert im Düsseldorfer Schauspielhaus bewies, dass der junge aserbaidschanische Pianist Elchin Shirinov zu den besten Jazz-Pianisten unserer Tage gezählt werden darf. Die überaus vielfältige Jazzszene in Aserbaidschan deutet auf eins hin: In diesem islamischen und post-sowjetischen Land zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer funktioniert religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Toleranz. Baku und Aserbaidschan stehen zurzeit besonders im Rampenlicht wegen der Europa-Spiele im Juni dieses Jahres. Ebenso half der Eurovision Song-Contest dem Land zu internationaler Aufmerksamkeit. Doch die reiche kulturelle Gegenwart Aserbaidschans bietet viel mehr als solche Medienereignisse. Aktuell präsentiert die Heydar Aliyev Stiftung zusammen mit der Botschaft der Republik Aserbaidschan und auf Einladung des Botschafters Parviz Shahbazov in einer deutschlandweiten Konzertreihe ein vielfältiges musikalisches Potenzial. Der Pianist Elchin Shirinov, der am 19. Mai im Gesellschaftshaus im Palmengarten zu Frankfurt gastiert, gehört zu den herausragenden Talenten der Szene in Baku. (Auch in diesem Jahr wird es hier wieder ein großes international …

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Pianistische Entdeckung zwischen Orient und Okzident: Der aserbaidschanische Pianist Elchin Shirinov im Düsseldorfer Schauspielhaus

Von Stefan Pieper:   Als der aserbaidschanische Pianist Elchin Shirinov von der Bühne kam, hielt er einen Zettel mit Buchstabenkombinationen in der Hand. Es sind die notierten Akkordfolgen, die seine Mitmusiker als Leitfaden auf den Notenständern haben – das muss genügen, denn wahrer echter Jazz, lebt von der Improvisation. Und in dieser Hinsicht bot dieser Ausnahme-Tastenkünstler sowie seine aserbaidschanisch-britische Band im Düsseldorfer Schauspielhaus Weltklasse! Es kann kein Zufall sein, dass die Jazz-Szene von Baku zu den lebendigsten weltweit gezählt wird. Die Volksmusik des Landes, jene Mugham-Tradition besteht doch im Kern aus modalen Tonskalen, über welche die Sänger und Spieler nach Herzenslust improvisieren – von kleinauf. All dies ist mit dem Jazz wohlverwandt, der in diesem Land trotz Islam und Sowjetdiktatur fast schon seit 100 Jahren enthusiastisch betriebene kulturelle Praxis ist. Nach Düsseldorf hatte die aserbaidschanische Botschaft in Zusammenarbeit mit der Heydar Äliyev-Stiftung geladen. Letztere wurde von der First Lady Aserbaidschans ins Leben gerufen, um den kulturellen Reichtum zwischen kaspischem Meer und Kaukasus auch im Rest der Welt viel bekannter zu machen. Und deswegen kam es vor fast 800 teilweise handverlesenen Gästen im Düsseldorfer Schauspielhaus zu dieser …

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Trio Schmetterling – „Hört euch die Musik einfach an“

Wo andere von der Musikhochschule kommen und eifrig demonstrieren, was sie studiert haben, da haben sich Bassist Alexander Binder, Gitarrist/Keyboarder Keisuke Matsuno und Schlagzeuger Jan Roth schon lange auf denkbar entspannteste Weise freigespielt. Sie wohnen in New York, Berlin und Erfurt und pendeln zwischen ihren eigenen Projekten. Dazu gehören deutsche Indiebands, Pop, Elektronik und auch die improvisierte Musik. „Hört euch die Musik einfach an!“ fordern sie jetzt, wo sie ihr zweites Album – erstmalig auf dem Berliner Traumton-Label vorlegen. Und dies lässt eintauchen in chromatische Herbststimmungen und minimalistische Soundfrickeleien mit 80er-Jahre-Synthiepop-Klangfarben, die stilecht aus einem Roland „Juno 60“-Synthesizer kommen. Verquere Rhythmen poltern, verspielte Melodien streicheln die Seele, aberwitzige Gitarrenimprovisationen türmen sich himmelhoch – und all das passiert nicht eitel um seiner selbst willen, sondern ist erstaunlich leicht miteinander verwoben. Aus Klangfarben werden Bilderfolgen, und es entsteht der Soundtrack für kürzer werdende Tage in dieser Jahreszeit. Dass ein Album so funktioniert, muss man erst mal hinbekommen! „Trio Schmetterling spielen Jazz in klassischer Instrumentierung, abseits von klassischen Strukturen. Das ist dann auch kein jazz mehr, das ist Popmusik ohne Pop, das ist progressiver Rock ohne Rock, das …

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