Midsummer Jazz: Cæcilie Norby und Lars Danielsson im Hertener Glashaus

Wer heutzutage neue Konzertreihen etablieren will, braucht Durchhaltewillen und Mut. Beides zeichnet Bernd Zimmermann und Susanne Pohlen, die Macher der „Fine Art Jazz“-Konzertreihe aus, die seit fünf Jahren im nördlichen Ruhrgebiet neue Spielstätten erschließen – etwa ehemalige Industriebauten, intime Wasserburgen oder, als jüngster Wurf, das sogenannte „Glashaus“ in der kleinen Ruhrgebietsstadt Herten. Das städtische Gebäude kann mit einer spektakulären Architektur, vor allem mit einem transparenten Dach aufwarten. Das Debut an dieser neuen Spielstätte fiel hochkarätig aus: Mit der Sängerin Cæcilie Norby und dem schwedischen Bassisten Lars Danielsson. Der Tag ging, die blaue Stunde kam – und mit ihm großer Vocal Jazz.

Die dänische Sängerin und der Bassist/Cellist aus Schweden fanden schon vor vielen Jahren privat und künstlerisch zusammen. Auf der Konzertbühne lebt eine innige Vertrautheit, bei der sich keiner dem anderen beweisen muss. Und beide sich auch dem Publikum nicht mehr beweisen müssen. Das garantiert eine besonders tiefe Entspanntheit auf der Bühne.

Cæcilie Norby singt Jazz und macht vom ersten Moment an klar: Sie darf das. Ihre Stimme ist reif, wirkt tief geerdet, aber kann trotzdem sanft die Seele streicheln. Sie kommt mit ihrem Tonumfang wenn nötig bis ganz oben herauf, beherrscht lupenreine Intonation, was für so manche, besonders tiefgehende Nuance gut ist. Vor allem: Nichts davon ist Selbstzweck.

Lars Danielsson steht mit seinem Bassspiel für einen raffiniert zum Einsatz gebrachten Minimalismus. Wenn es mal schlanker, zarter sein soll, setzt er dies auf dem Cello fort.Die richtige Tonfolge, das immer ins Schwarze treffende melodische Muster, der perfekt dosierte, phasische wirkende Klang im richtigen Moment und dass mit diesem großen tiefen Instrument allein – damit jeden Raum abendfüllend zu bespielen, das beherrscht Danielsson wie wohl kein anderer! Damit hat er so manches bahnbrechende ECM Alben überhaupt erst zum Funktionieren gebracht – im Duo gibt er damit „seiner“ Sängerin Halt und Rückgrat.

Sie halten sich bei ihrem Auftritt an die Dramaturgie ihres aktuellen Albums „Just the two of us“ – ein Titel, der die Aura, die auf der Bühne im Hertener Glashaus herrschte, treffend umschreibt. Joni Mitchells Song „Both sides now“ erfährt in der sensibel-aufgeweckten Behandlung durch das Duo eine Verjüngungskur. David Bowies „Live on Mars“ muss in der Interpretation durch das schwedische Duo ohne die schillernd-schräge Glamrock-Aura des Originals auskommen, aber erstrahlt in neuer verführerischer Eleganz.

Auch öffnen sich Cæcilie Norby und Lars Danielsson der Freiheit der Improvisation, hinter der bei beiden ein riesiger Erfahrungshorizont steht. Das ist für spannende Grenzgänge gut, nicht nur, als Danielssons Bass die Sequenzen einer barocken Toccata rauf- und runterstürmt und dem vokalen Scat-Feuerwerk seiner Partnerin dabei auf den Fersen bleibt! Nach der Pause wird stilistisches Terra incognita souverän durchmessen: Jetzt singt Cæcilie Norby weittragende Melismen, hebt schamaninnenhaft ab in einen Kosmos sphärischer Klangeffekte von Danielssons Bass unerschöpflich freisetzt.

Große Songs werden erst zu solchen, wenn sie in passenden Kontexten und Momenten funktionieren. Das Zugabenstück wurde im Glashaus zu einem solchen, weil es dieses charmant kommunikative Konzert als „Vorgeschichte“ hatte: Entsprechend umfassen waren fast 200 Zuhörer eingeschworen und eingestimmt auf Leonard Cohens „Hallelujah“. Ergreifend und mit viel assoziativer Fantasie in der Gestaltung der Gesangslinie kostete Caecile Norby das Stück aus. Das ließ die Zeit stillstehen und sorgte für feuchte Augen bei dem einen oder der anderen!

Text und Fotos: Stefan Pieper

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