VIP: Pierre Audétat / Vinz Vonlanthen.

Frisch durchgehört – neue CDs: Musikalischer Freigeist

Stefan Pieper hört CDs frisch durch.


Norbert Stein & Pata Messengers: We are!

Wenn sich Musik frei gebärdet und scheinbar gewohnte Ordnungssysteme fehlen, darf sich der Hörer um so mehr auf neues Forschungsterrain mitnehmen lassen. In dieser Hinsicht wird gerade in den freien Randbereichen diesseits und vor allem jenseits der Musikrichtung mit den vier Buchstaben mannigfaltige Grundlagenforschung betrieben. Frisch gehört wurden kurz vor Jahresende ein paar neue CDs, in denen solch ein Geist spürbar ist. (pata music 2017)

Christopher Dell: Monodosis II

Viel beflügelnde Musikalität bündelt Norbert Stein zusammen mit den Pata Messengers, der langjährig gewachsenen Band mit dem Pianisten Philipp Oubek, Joscha Oetz am Kontrabass sowie Etienne Nillesen an den Percussions. Sie bleiben auf ihrem neuen Album einem konsequent gepflegten schmalen Grat zwischen formaler Strenge und frei improvisierter Expression treu. Denn eine gewisse Strenge haben die hochpräzisen Tonskalen, die jedem neuen Stück ihre Grundfarbe geben, allemal. Aber aus dem komprimierten Unisono mäandern mannigfaltige Ideenströme der einzelnen Spieler, die es in keinem Moment an Charakterfülle mangeln lassen. Es gehört zum bemerkenswerten Stil dieser Band, mit so etwas verblüffend dichte Emotionen zu erzeugen.

Logik ist Sache des Vibrafonisten Christopher Dell – zu der gehört auch die Möglichkeit des Scheiterns. Improvisation ist das Zauberwort für flexibles Reagieren. Solchen Zusammenhängen geht Dell auch theoretisch-reflexiv auf den Grund. So stellt er in Workshops die improvisierte Musik als idealtypische Praxis heraus, die auch technische oder betriebliche Vorgänge maßgeblich verbessern kann. Christopher Dells neue CD „Monodosis“ ist allerdings mehr eine Art Innenschau. Nur mit sich allein auf dem Mallet-Instrument kreiert Dell eine Art von musikalischem Algorithmus, der innerhalb von 23 veränderbaren Abläufen die Erneuerung im Kontinuum vollzieht. Das Hörvergnügen, was sich hier einstellt, ist trotzdem sinnlich genug und erzeugt – je nach Stimmungslage – tiefe meditative Versenkung oder auch geistige Anregung. (reihe Neue Zeit)

Gunter Hampel: Bounce – Live at the theater Gütersloh

Humor ist eine große musikalische Tugend: Frei improvisieren und die Instrumente zum Glühen bringen, um damit beim Publikum den Funken überspringen lassen – das geht mit Humor am besten! Noch mehr musikalischer Spaß als bei diesem Konzert von Gunter Hampel im Theater von Gütersloh ist kaum denkbar. Den gönnte sich der mittlerweile 80jährige Multiinstrumentalist zusammen mit jüngeren Mitstreitern und einem begeisterungsfähigen Publikum. In einer fröhlichen Hymne, die auch in Afrika gesungen werden könnte, schwören sich die Musiker aufeinander ein. Und schon leuchtet und funkelt ein Feuerwerk aus schrägen Improvisationen, zünden, polternd- swingenden Rhythmen und manch skuriller Idee, die sich fröhlich alle Ecken und Kanten leistet. Gekrönt wird dies von der Sängerin Cavana Lee-Hampel, die das Kaleidoskop noch zusätzlich anreichert. Nicht falsch verstehen: Klamauk ist das ganze mitnichten, denn hinter der herrlich spontanen Gewitztheit steht viel in Würde gereifter und sich erneuernder Freigeist. Das gilt natürlich auch für die hitzigen Duelle der Hörner von Gunter Hampel und Johannes Schleiermacher sowie die flexible Trommelkunst von Bernd Oeszevim. (Intuition 2017)

Mario Batkovic

Minimalismus ist viel mehr, als nur Tonabstände zu minimieren – und da erneuert der Bosnier Mario Batkovic auf seinem Akkordeon in seinem zupackenden Spiel „die“ Minimal Music. Für solche ine Materie ist sein Akkordeon in bestem Sinne prädestiniert. Also kostet er lustvoll das vorhandene Potenzial aus: Wunderbar kann man mit den entstehenden Luftsäulen statische Borduntöne erzeugen und diese in ständiger Repetition zu oszillierenden Teppichen ausbauen. Mario Batkovic stellt auf diese Weise die latent „statische“ Klanglichkeit des Akkordeons in den Dienst repetitiver Trancezustände. Laut, wieder leise, ganz zart, dann wieder wuchtig – die von Batkovic mit wechselvoller Dramaturgie ins Schwingen versetzten Texturen durchlaufen alle Aggregatzustände. Batkovics ist mit seiner Karriere darüber hinaus auf einem denkbar guten Weg: Er durfte schon in der Elbphilharmonie spielen und erhielt einen „Ritterschlag“ durch die Band Portishead. (Invada Records)

VIP: Pierre Audétat / Vinz Vonlanthen

Neue Soundcapes aus der Schweiz! Elektronisch destillierte Klangereignisse prallen auf handgemachten Stromgitarren-Sound – dies passiert, wenn der Gitarristen Vin Vonlanthen und der Elektronikmusiker Pierre Audétat ihre individuellen Soundvisionen in direktem Bezug miteinander reagieren lassen. Erkennungsmerkmal dieser Produktion für Leo Feigins Label LEO-Records sind allein schon die raffinierten Samples von Autoanlassern, die anspielungsreich die Klangmaschinerie zum Laufen bringen. Epizentrum sind die knochentrockenen, abstrakten Loops von Audetát, zugleich bereichert ein harsches ruheloses Gewebe aus Gitarrenklang und Verzerrer- und Effekt-Artistik am Hochreck diese faszinierend verquere music concréte. (LEO Records)

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