Spannend von der Besetzung bis zum Ablauf: Das Outreach Festival 2026 in Schwaz

Die heimliche Musikhauptstadt Tirols ist das 15.000-Einwohner Städtchen Schwaz, 30 Kilometer vor Innsbruck gelegen. In der „Silberstadt“, die im Mittelalter einmal die zweitgrößte Stadt des Habsburgerreiches und die Einkommensgrundlage für die halb Europa finanzierenden Fugger war, gibt es seit 33 Jahren im September die „Klangspuren“, ein international beachtetes Festival für zeitgenössische Musik. Sogar noch ein Jahr älter ist das Anfang August startende „Outreach“ Musikfestival. Getreu des Wirkens seines Gründers und Leiters, des Trompeters Franz Hackl, ist hier Jazz der Ausgangspunkt, freilich interdisziplinär, genreübergreifend, ganzheitlich und experimentell gedacht. Nach wie vor hat das „Outreach“ den Status eines Geheimtipps, dabei hat der seit Jahrzehnten in New York lebende Trompeter Franz Hackl seiner Heimatstadt damit ein Juwel geschenkt, das eine Anreise auch von weit her lohnen würde.

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Was sich vor allem auf die drei Kerntage mit Konzerten auf der „Mainstage“ im großen, technisch perfekt ausgestatteten Silbersaal des SZentrums bezieht, die immer ins erste August-Wochenende führen, diesmal also vom 6. bis 8. August. Nicht nur beim von Hackl und seinem Co-Leader, dem Bassisten Clemens Rofner ausgewählten Line-up der neun Ensembles kann man sich auf kontrastreiche, spannende Abende mit herausragenden Akteuren verlassen. Schon das besondere Auftrittskonzept unterstreicht die Lust des Festivals, eigene Wege zu gehen.

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Die Corona-Ausgabe 2021 konnte seinerzeit nur unter der Auflage stattfinden, dass es pro Abend nur ein Konzert ohne Pause geben durfte. Statt der dahin vier hintereinander abrollende Sets mit Umbaupausen lagerte Hackl deshalb einen Auftritt in den Showroom seiner genau gegenüber auf der anderen Innseite gelegenen Trompetenmanufaktur aus – dort, inzwischen „Surheim Stage“ genannt und vom Vorgarten aus umsonst anzuschauen, präsentiert sich seitdem vorzugsweise der Tiroler Jazz-Nachwuchs. Die anderen drei Bands des jeweiligen Abends standen gemeinsam auf der zum Glück riesigen Bühne des Silbersaals und spielten abwechselnd jeweils drei 20-Minuten-Sets ohne Pause. Aus diesem für das Publikum wie für die Musiker neuen und herausfordernden Setting ergaben sich so interessante Brückenschläge, dass Hackl dabei geblieben ist.

Was sich am ersten Abend auch wieder bewährte. Klassischer Modern Jazz vom ungarischen Trio des Pianisten Kálmán Oláh – bei uns weitgehend unbekannt, obwohl er schon die Thelonious Monk Composers Competition und den Franz-Liszt-Preis gewonnen und seit zwanzig Jahren mit vielen US-Stars wie Randy Brecker und John De Johnette gearbeitet hat – korresponierte spannend mit den zwei anderen Acts. Zumal in seinen letzten Sets auch noch Hackl selbst und Saxofonist Tim Ries miteinstiegen. Das Erregungslevel steigerte das Fusion-Quartett The Earth Synth mit dem amerikanisch-schweizerischen Gitarristen Samuel Mösching, dem österreichischen (aber lange in den USA und jetzt in der Schweiz lebenden) Bassisten Philipp Moll, der vielversprechenden französischen Pianistin Myslaure Augustin am Fender Rhodes und dem amerikanischen Schlagzeuger Phil Beale.

Blendend besetzt: das Outreach Orchestra

Und ganz in die Vollen ging es im jeweils letzten Durchgang mit dem Outreach Orchestra. Das stets im Programm  eingebaute 18-köpfige Festival-Ensemble – sicher der teuerste und aufwändigste Posten im Budget – ist mit Weggefährten Hackls aus den USA wie Europa blendend besetzt, unter anderem Stars wie Leo Genovese am Klavier. Unter der langjährigen Leitung des US-Gitarristen und Dirigenten Gene Pritsker kommt stets ein wuchtiges, bewusst heterogenes Programm zu Gehör, das jedem Mitglied ungewöhnliche Freiheit lässt. Höhepunkt war heuer vielleicht das filigrane Pritsker-Arrangement von „Round Midnight“ mit der britischen Sängerin Heidi Vogel als Gast.

Fast noch besser: das Munich Composer Collective (MCC)

Fast noch besser funktionierte das Konzept am zweiten Abend, der gewissermaßen auch ein Münchner Schaufenster war. Übernahm doch den melodisch-rockigen Part das Nils Kugelmann Trio und den orchestralen das von Gregor Hübner gegründete und geleitete Munich Composer Collective (MCC). Auch wenn der – diesmal auch viel Kontraaltklarinette spielende – Bassist Nils Kugelmann zusammen mit seiner Lebensgefährtin Shuteen Erdenebataar (zusammen wie jeder für sich mit Label-Verträgen bei ACT und Motema vielleicht das Aufsteiger-Gespann der jüngsten Zeit) inzwischen nach Berlin gezogen ist, bleibt sein fulminant melodisch-minimalistisches Wucht-Trio mit den ebenfalls schon vielfach preisgekrönten Luca Zambito am Klavier und Sebastian Holzgruber am Schlagzeug eine Münchner Band.

Und das aus Hübners Kompositionsprofessur am Münchner Jazz Institut hervorgegangene MCC ist inzwischen ohnehin ein All-Star-Orchester der prominentesten Alumni geworden – von älteren wie dem Pianisten Josef Reßle oder dem Trompeter Matthias Lindermayr bis zu den rising stars wie der Saxofonistin Katharina Pfeifer. Über welches Reservoir die Münchner Szene trotz marginaler Auftrittsmöglichkeiten verfügt, wurde schon daran deutlich, dass die ersten zwei Stücke von Shuteen Erdenebataar und Sam Hylton waren – die beide gar nicht mit dabei waren. Entsprechend virtuos, bunt und abwechlungsreich war ihr Programm. Das Auftrittskonzept war dem MCC auch deshalb besonders zuträglich, weil so jedes Set auf eines der schillernden Stücke von und mit Monika Roscher hinauslief, die so noch wirkungsvoller waren als wenn sie in Blöcken gespielt werden.

Dreigeteilt: Vadim Neselovskyis Suite „Perseverantia“

Am letzten Abend stieß das Konzept freilich auch einmal an seine Grenzen. War doch einer der Acts (und vielleicht der zentrale) der US-ukrainische Pianist Vadim Neselovskyi, der nun seine 11-teilige Suite „Perseverantia“ mit Streichertrio (großartig: Geigerin Rada Ovtcharova, Bratschist Emlyn Stam und Cellist Willem Stam, alle in Amsterdam lebend) erstmals nicht am Stück spielen konnte, sondern in drei Teile zerlegen musste. Auch wenn Neselvskyi selbst es als interessantes Experiment sah, und Hackl es verteidigte: Als Zuhörer hätte man dieses durchkomponierte, aufeinander aufbauende dramatische Werk, in dem Neselovskyi seine persönlichen Gedanken zum Krieg in seiner Heimat aufarbeitet, auf jeden Fall am Stück hören wollen.

Und für das Kenji Herbert Trio mit Herbert an der Gitarre, Vinivius Cajado am E-Bass und Lukas König am Schlagzeug war es gewissermaßen die Höchststrafe, dreimal danach antreten zu müssen. Selbst (oder gerade weil) sie jeweils feinfühlig dezent einstiegen, bevor sie dann mit ihrem sehr rockigen Fusion-Sound loslegten. Auch das Sweetlife Quartett der österreichischen Saxofon-Senkrechtstarterin Yvonne Moriel (Österreichischer Jazzpreis 2025, seit dem auch Mitglied von Shake Stew, der wohl erfolgreichsten österreichischen Jazzband und heuer mit dem renommierten Kompositions- und Eröffnungsbeitrag des Saalfelden Jazzfestivals bedacht) mit Lorenz Widauer an der Trompete, Stephanie Weininger an Keyboard und Moog sowie Raphale Vorraber am Schlagzeug konnte da mit ihren modernen, von Electronic und Du beeinflussten Sounds nur bedingt als Bindeglied fungieren.

Aber auch das gehört zu den Erfahrungen, aus denen das Outreach lernt und weiter wächst. Hackl plant im kommenden Jahr an den Bandübergängen zu arbeiten. A propos wachsen: Schon lange sind die Mainstage-Konzerte nur ein Teil eines mittlerweile gewaltigen, heuer 17-tägigen Programms. Nicht ohne Grund führt man seit einigen Jahren „Festival & Academy“ im Titel. Die meisten Musiker, die hier aus aller Welt anreisen, spielen nicht nur ihr Konzert, sondern geben in Workshops ihre Erfahrungen und ihr Können an den Nachwuchs, aber auch an Interessierte aller Könnensstufen weiter. Die Konzerte mit den Locals auf der Surheim Stage sind inzwischen um drei Tage vor den Silbersaal-Konzerten erweitert. Am Sonntag danach gibt es einen diesmal vom aus der Academy hervorgegangenen, auch im Outreach Orchestra sitzenden Trompeter Alexander Kuttler und His Hot 5 bestrittenen Frühschoppen mit Faßanstich. Bis zum 16. August finden dann noch Konzerte im Mathoi Haus statt, dem kleinen Kulturzentrum von Schwaz, wo auch die Festival-begleitende Ausstellung „Days of Art“ zu sehen ist.

Text und Fotos: Oliver Hochkeppel

Die Festival-Höhepunkte sind übrigens seit jeher im ORF nachzuhören. Es wäre Zeit, diesem sehr benachbarten (nach München sind es gerade mal 120 Kilometer) Gesamtpaket auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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