Cymande und Gil Scott-Heron by Brian Jackson und Yasiin Bey – gehört bei Jazz à la Villette, Paris

(Von Kat Pfeiffer) Eine Reise in die Siebzigerjahre, nach New York und London, zu zwei afro-karibisch verwurzelten Realitäten. Beide verbinden kulturell und musikalisch mehrere Generationen, unterschiedliche Hautfarben und bleiben aktuell.

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Cymande

Als ich die Halle Grande der La Villette betrete, laufe ich direkt auf die am Tisch sitzende Musikgeschichte zu: Bassist Steve Scipio, Vokalist Ray Simpson und Gitarrist Patrick Patterson erzählen im Interview für das französische Radio von ihrer 60-jährigen Freundschaft, den Anfängen von Cymande, als sie in London nah beieinander gewohnt haben, und warum auf dem Plattencover ihres ersten Albums Cymande (1972) eine Taube zu sehen ist. Mein Herz schlägt schneller, als ich die halb-analog ausgerichtete Street-Kamera aus der Tasche nehme. Schaffe ich es jetzt, scharf zu stellen?

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Cymande spielt zuerst. Den Dreier-Original-Stamm der Band ergänzen Tony Kofi (aka Denis Cofie) – Soprano- und Altsaxophon, Kevin Davy – Trompete, Denys Baptiste – Tenorsaxophon und Flöte. Die Bläser ziehen das Ganze schon am Anfang in Sweeden richtig stark funky nach vorne. Donovan Gervais spielt Keyboard, Richard Bailey Schlagzeug und Donald Gamble Percussion. Mit dem Get it Back drängt die Psychedelik der Siebziger in den Raum. Es groovt geräumig und hypnotisch. Ray Simpsons Stimme wärmt sich in Crashway up, klingt lässig und melodisch. Mit ihm singt, die manchmal quakende Gitarre. Das Keyboard klingt wie eine Hammondorgel.

Walking on the wrong side

Es kann natürlich das Stück in Cymandes eigenem Nyah Rock Stil nicht fehlen, und dieses führt zu dem geheimnisvollen Dove. Das Repertoire geht zeitlich nach hinten. Und die Solos! Kofi weiß genau, wie er den verfügbaren Raum für sich nutzen soll. Er verliert keinen Atemzug, spielt bold und weiß auch, wie er ein awww… ! aus einem herausquetscht. Das Walking on the Wrong Side vom Promised Heights (1974) bringt das Publikum zum Toben. Simpson intoniert: Brothers on the slide, working on the wrong side …  Die Rhythmussektion hält alles auf dem Sprung, die Bläser gießen ständig frischen Saft dazu, Baptiste legt die Flöte drauf. We know which way you goin‘. Scipio, der Bassist, singt mit. Die Halle kocht. Dann singen alle mit: That’s how we roll.

Zwischen dem ersten Album Cymande und ihrem neuen Album Renaissance liegen 53 Jahre. Cymande schreiben die Musikgeschichte weiter!

Gil Scott Heron by Brian Jackson and Yasiin Bey

The Revolution will not be televised – klingt wie durch ein Medium, das den Geist von Gil Scott-Heron durch sich sprechen lässt. Sofort ist mir klar, dass der US-Rapper und prominente Figur der Hip-Hop Kultur Yasiin Bey (Mos Def) viel Zeit mit dem Scott-Herons Schaffen verbracht hat. Im folgenden Free Will lässt er ein wenig vom eigenen Klang zu, um in We almost Almost Lost Detroit Gil wieder etwas Raum zu geben. Es geht entspannt weiter. Brian Jackson singt mit. Bei Lady Day and John Coltrane ist das Publikum bereits richtig heiß.

Raum für Arbeit?

Davor las ich im Netz ein kritisches Review dieser Show aus Australien. Es war vom Mai und besagte, dass das Material zwar vorhanden sei, es aber noch viel Raum für Arbeit gäbe. Ich gehe skeptisch zu dem Pariser Konzert.

In dem brechend vollen Saal in Paris stelle ich fest, dass der Großteil der enormen Arbeit bereits erledigt wurde. Die Lieder klingen frisch und vielleicht leichter als beim Scott-Heron selbst. Die neue Interpretation bringt die größten Werke auf die Bühne und lässt sie Fans wie mich, die in den Siebzigern gerade erst geboren wurden, live erleben.

Yasiin Bey beweist die eigene Kunst, indem er sich der nicht einfachen Herausforderung stellt, zwei Persönlichkeiten vorzustellen – Gil Scott-Heron und sich selbst. Manchmal drängeln sich die beiden hörbar. Bey verbindet den damaligen Sound mit dem heutigen und meistert die eigene raue Hip-Hop Seele mit Blues, Jazz, Soul, und die harten Themen mit Nachdenklichkeit, Reflexion und Poesie. Er trägt eine lange, vorne dunkelblau-, hinten rot-karierte Tunika und offene High-Tops. Das Tuch in seiner Hand erinnert mich an … Ella Fitzgerald. Sein silbernes Mikrofon Shure S55 in der anderen Hand, sorgt für den Retroklang.

Werke des Herzens

Ganz vorne auf der Bühne nimmt der heute schon legendäre Brian Jackson, der mit Gil Scott-Heron zehn Alben produziert hat, den Ehrenplatz ein. Er singt, spielt die unzertrennbare Flöte und das Keyboard und wirkt dabei selbst wie neu. Innerhalb dieser etwa eineinhalb Stunden ziehen sich die bekanntesten Werke durch alle Herzen im Saal.

Gil Scott-Heron wird als ein großer Dichter des 20. Jahrhunderts und sogar der Welt verehrt. Bey liest den Text Winter in America aus Gil Scott Herons Buch Now and Then. Damit sorgt er zunächst für Stille, der ein Enthusiasmus-Ausbruch folgt. Jackson übernimmt das mit dem Gesang. Das ist eine echte Reise in die Vergangenheit: zu diesen Menschen, ihren Gefühlen und in die damalige Wirklichkeit der Rassentrennung. Gleichzeitig fühlt sich das irgendwie gegenwärtig und immer noch relevant an. Es geht unter die Haut.

Nach dem funkigen Home Is Where the Hatred Is singt Yasiin Bey’s das eigene Lied Umi Says aus seinem Album Black on Both Sides und ist endlich bei sich. Das Publikum mag das.

Und endlich enthüllt Jackson das Geheimnis des T-Shirts der Midnight Band, das er an diesem Abend trägt – es ist historisch! Auf die Bühne kommen für das eine Stück die Musiker aus der originalen Band (mit gleichen T-Shirts!) und übernehmen die Instrumente: Danny Bowens den Bass, Bob Adams das Schlagzeug und Charlie Saunders die Perkussionsinstrumente. The Bottle rollt richtig mit Leib und Seele durch die Grande Halle! So, wie damals, wie ich es von den Aufnahmen kenne. Das ganze Publikum rollt mit. Virtuell ist auch Victor Brown dabei. Jackson spielt vom Smartphone ins Mikrofon ein Lied, das Brown auf dem Video speziell für diesen Anlass singt. Es herrscht eine herrliche, familiäre Atmosphäre.

It’s My World

Am lautesten singe ich It’s my World mit, das ich liebe, und jubele gemeinsam mit den anderen laut. So, dass als ich nach dem Konzert ohne Stimme ausgehe. Als ich den Cymande Saxophonisten Tony Kofi danach treffe, lasse ich ihn sprechen. So erfahre ich, dass Alina Bzhezhinska, die London basierte Harfenistin ein eigenes Album vorbereitet, feat. ihn selbst und den Mr. Brian Jackson höchstpersönlich. Ich bleibe für euch dran.

Bevor es aber dazu kommt, schon am 11. Oktober feiert Brian Jackson mit dieser Gil Scott-Heron Tribut-Show seinen 74. Geburtstag in der Royal Alber Hall. Wer in London in dieser Zeit ist, geht hin – es ist einmalig!

Beitragsfoto: Gil Scott-Heron by Brian Jackson & Yasiin Bey live. Foto: Jazz à la Villette / Joachim Bertrand

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