Zwischentöne, allumfassend: Zum Tod des Pianisten Walter Lang

Am 16. Dezember 2021 starb der Jazzpianist Walter Lang. Ein Nachruf von Ralf Dombrowski

Ich hatte ein Bild gepostet. Viele Menschen haben es kommentiert, aus aller Welt. Es sind nicht die beiläufigen Beileidsbekundungen, die man kennt. Denn der Tod von Walter Lang trifft viele. Er war nur 60 Jahre alt, der Krebs hatte ihn ereilt, über das Jahr hinweg geplagt. Er musste sich zurückziehen, es passte nicht zu ihm. Denn Walter Lang war immer mittendrin. Höflich unauffällig, aber beständig. Seit den späten Achtzigern gehörte er zur bayerischen, zur deutschen, zur europäischen Jazzwelt, ein Fels in der Brandung der Zeitläufte, der, auf den man sich verlassen konnte.

Das hing eng mit seinen musikalischen Vorstellungen zusammen. Walter Lang war kein Revolutionär. Der offensive Regelbruch interessierte ihn kaum, wenn überhaupt, dann als Akzent in einem größeren gestalterischen Zusammenhang. Seine Welt waren Harmonie und Melodie, beide für sich, aber auch in engem Austausch. Er liebte das Feine, das aus einem pointiert gesetzten Akkord erwachsen konnte, das Lächeln eines Klangs, der Menschen anstrahlte. Vor allem faszinierte ihn das Kantable, die vokale Qualität von Melodien, die sich nicht im Vordergrund des Gehörten erschöpfte, sondern auf freundliche, bestimmte Art im Ohr und in Gedanken blieb.

Das machte ihn zu einem beliebten Teamspieler. Walter Lang konnte sich anpassen, ohne sich zu verlieren. Man hörte ihn oft an der Seite von Sänger*innen, die seine empathische Präsenz schätzten. Mit Philipp Weiss hatte er ein festes Duo, Melanie Bong und Jenny Evans, Tuija Komi und Lisa Wahlandt, aber auch Fernanda Santanna und Milton Nascimento ließen sich neben vielen anderen gerne von ihm rahmen und inspirieren. Überhaupt lag ihm die kleine Form, eines seiner letzten Projekte etwa führte ihn mit dem Gitarristen Philipp Schiepek zusammen, Nylonsaiten und Flügel, zwei Welten der Fülle, Farbe, Dynamik, mit ästhetischer Finesse vereint. Ein wenig stolz war er auch, als ihn zum Beispiel Lee Konitz an dessen Seite holte, in Bands oder eben für Duo-Konzerte wie etwa 2005 in Murnau.

Aufbruch von Schwäbisch Gmünd zu den Kulturen der Welt

Und dann war da die Neugier. Sie hatte den jungen Mann aus Schwäbisch Gmünd, der sich eigentlich eher in Pop und Rock wiederfand, nach Boston an das Berklee College of Music und weiter nach Amsterdam geführt, wo er den Reiz von Jazz und Improvisation entdeckte. Sie ließ ihn für Japan und dessen Kultur entflammen, ebenso für Brasilien und dessen rhythmische Poesie. Walter Lang kehrte zwar immer wieder zurück nach Bayern, aber er hatte diese Ideen der Ferne in seinem Kopf und integriere sie in Projekte. Seine Mitmusiker*innen konnten sich daher zurücklehnen, mit Offenheit umfangen lassen, langjährige Freunde und Lebenswegbegleiter wie der Saxophonist Jason Seizer etwa, Trio-Partner wie Shinya Fukumori und Mathieu Bordenave, Nick Thys und Rick Hollander, Thomas Markusson, Sebastian Merk, Magnus Öström.

Manchmal ließ ihn diese Neugier auch Grenzen überschreiten. Charles Chaplin zum Beispiel widmete er ein eigenes Album. Als das Klaviertrio in den frühen Nullerjahren sich unter verschiedenen Vorzeichen neu erfand, tat Walter Lang sich mit dem Bassisten Sven Faller und dem Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer zum Trio ELF zusammen, ein eigenwillig technoides Stilgewächs, das die fummelige Nervosität des Drum & Bass mit der klangpoetischen Weite des Jazzklaviers fusionierte. Es wurde eines seiner eigenwilligsten und konsequentesten Projekte, eine Band, die weit über die heimische Szene hinaus Publikum und Spezialisten beeindruckte. Letztlich war es typisch für Walter Lang, die Eroberung von ästhetischem Freiraum, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Die Selbstverständlichkeit des leise Kreativen.

Text und Foto: Ralf Dombrowski

 

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