Ein befreiter, heißer Atem: Jaimie Branch beim Krefelder Jazzherbst

Text und Fotos von Stefan Pieper. Es zahlt sich immer aus, früh voraus zu blicken – vor allem, um bei der Programmplanung weitsichtiges Gespür für neue Trends zu entfalten: In dieser Hinsicht landete Florian Funke vom Jazzclub Krefeld einen Volltreffer: Er war auf die rebellische US-Trompeterin Jaimie Branch schon aufmerksam geworden, bevor sie mit ihrem Erfolg in Europa regelrecht durch die Decke ging. Mittlerweile widmen sich auch etablierte Tageszeitungen, bei denen Jazz sonst allerhöchstens als Randnote vorkommt, dieser Frau, die schon zum Phänomen auserkoren wird. So viele Vorschusslorbeeren funktionieren: Das Glasfoyer des Krefelder Theaters, in dem dieser Höhepunkt des Krefelder Jazzherbstes stattfindet, ist bis auf den letzte Platz gefüllt.


Vergessen wir allen Hype und alle Hysterie und besinnen uns aufs Hier und Jetzt! Diese Forderung scheint in Jaimies Branches Aufforderung, erstmal gemeinsam durchzuatmen, mitzuschwingen. Ebenso ist ihr das Herunterdimmen des Bühnenlichts ein Anliegen. Denn was Jaimie Branch danach musikalisch und inhaltlich zu sagen hat, soll zu einer geteilten Erfahrung werden, für die es Konzentration braucht.

Seidenweich schimmernde Trompetentöne

Verheißungsvoll stimmt eine afrikanische Mbira mit einer pentatnonischen Struktur auf das kommende ein. In diesen schleicht sich seidenweich schimmernd der Trompetenton der 36 jährigen heute in Baltimore lebenden Musikerin ein. Um dann stärker, bohrender, fordernder zu werden und gerne auch ins Brachiale, fast Brutale vorzustoßen. Und sie weiß, ihr Horn zu gebrauchen, weiß um die Einsicht, dass vor allem circensischen Tonkaskaden-Virtuosentum erstmal der reine, absolute Klang steht, die wahre tiefe Empfindung als Essenz und Urgrund für alles weitere. Einschlägige Assoziationen blitzen auf Anhieb auf: An die expressive Leuchtkraft eines Don Cherry, an die fixsternhafte Abgeklärtheit eines Miles Davis. Aber Jaimie Branch ist Jaimie Branch und lebt im Hier und Heute, hat als solche viel erlebt und wohl auch einiges durchlitten. Davon ist ihr Spiel in jedem Moment durchdrungen, das durchdringt jede Nervenzelle des Hörenden. Ihre erklärte Botschaft ist dabei weniger die eigene Biografie. Denn es gibt doch viel wichtigeres zu artikulieren in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, wo es wieder Einmischung, ja auch Rebellion braucht. Wenn, wie hier, all dies nur aus dem Spiel eines Instruments unmittelbar erfahrbar wird, dann findet Jazz im wahren, tiefen Sinne statt. Sie hat die Band auf ihre Sache eingeschworen.

Eigenwillig-direkte Klangwelt

Diese leistet großes, die eigene eigenwillig-direkte Klangwelt zu verdichten. Schlagzeuger Chad Taylor entfaltet einen hypnotischen Rhythmuszauber, der eigentlich einen bebenden Dancefloor und kein Sitz-Publikum braucht. Cellist Lester St. Louis sowie Jason Ajemian am Bass sorgen für einen elektrisierenden ruhelosen Kosmos, oft mit harschen Riffs, die eher nach Noiseband und kaum nach Jazzcombo klingen. Die gewählte Stücke-Dramaturgie ist eine explosive Mischung: Da inszeniert die Band einen schleppenden, mitunter geräuschhaft scheppernden Endzeit-Blues, fordern Punkrock-Bretter und wummernde Trance-Beats dazu auf, dem ganzen seichten Konformismus Paroli zu bieten. Überhöht wird all dies durch diese immerwährenden gellenden Aufschreie: Jaimie Branches Trompetenspiel artikuliert Wut und lodernde Lebenslust zugleich und entfaltet einen befreiten, heißen Atem. Um alles noch deutlicher zu machen, macht sie von ihrer Stimme Gebrauch, singt Statements gegen Rassen- und Geschlechterdiskrimierung – zu artikulieren und an diesem Abend zu teilen gibt es allemal genug! Das Publikum ist auf ihrer Seite, wenn es schließlich in ihren sarkastischen „Lovesong for Assholes“ mit einstimmt. Heuchelei war gestern. Jaimie Branch zieht mit gegen so etwas mit der Macht purer Musik zu Felde. Auf jeden Fall gehört dazu, im Jazz auch wieder den Dreck unter den Fingernägeln zuzulassen…

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