Ein Werwolf tanzt den Rap

Im Jazzclub Leerer Beutel in Regensburg bekommt die portugiesische Sängerin Maria João im Duo mit João Farinha frenetischen Applaus.          


Singen? Klar, singen kann sie auch, die Portugiesin mit der Mehroktavenstimme – und wie! Was sie aber sonst noch alles mit ihrer Stimme, der Zunge, den Lippen und mit dem Mundraum macht, geht – um es mit einem vertrauten Bild zu beschreiben – auf keine Kuhhaut. Maria João gurrt, schreit, gurgelt, sie piepst und kickst, lässt die Stimmbänder flattern und fügt alles zu einer vibrierenden Klangcollage, einem rauschhaften musikalischen Erlebnis allerersten Güte zusammen.

Nach Jahren der Absenz erlebten die Besucher des Jazzclubs im gut gefüllten Leeren Beutel die Vokalkünstlerin mit Kompositionen und Stücken aus ihren letzten beiden Alben.  „Plastico“ ist in Quintettbesetzung mit Ogre entstanden und von Joãos Begleiter, dem Komponisten João Farinha am Flügel, diversen Keyboards und Synthesizern für das intimere Duo neu und schlüssig arrangiert worden. Häufig spielt der Sound eine wesentlich stärkere Rolle, als herkömmliche musikalische Parameter. Eektronische Grooves ersetzen Schlagzeug und teilweise Bass, während Farinha die stimmlichen Eskapaden Maria Joãos klangmalerisch unterstreicht, kontrastiert oder auch mal herausfordert. Wechselt er bei ruhigeren, balladesken Stücken zum Flügel erweist er sich als glänzender Solist gleichermaßen, wie als sensibler Begleiter.

Manche Zuhörer kommen mit den mal orchestralen, mal soundmalerischen synthetischen Klängen und Grooves nicht so ganz zurecht, vermissen die Natürlichkeit und vertraute Wärme klassischer Instrumente wie Gitarre und Bass. Allerdings hat sich die in Lissabon geborene Musikerin immer wieder in ihrer künstlerischen Entwicklung auch mit elektronischen und symphonischen Elementen anderer Musikrichtungen beschäftigt und diese in ihre Musik eingebaut. Nach ihrem späten Debüt als Sängerin, João war zunächst Schwimmlehrerin bevor sie eine musikalische Ausbildung begann, entwickelte sie eine grenzenlose Neugier. Sie spielte und arbeitete mit erstklassigen Musikern wie Aki Takase – mit ihre gastierte sie ebenfalls beim Jazzclub – Miroslav Vitous, Lauren Newton und Manu Katché zusammen. Ihren musikalischen Horizont dehnte sie immer weiter in Richtung Weltmusik, lateinamerikanischer und portugiesischer Folklore, Avantgarde und zeitgenössischen Formen bis hin zu elektronischer Musik aus. Sie ging mit dem Pianisten Mário Laginha, mit dem sie viele Projekte realisierte, und kleinen, klassisch besetzten Ensembles auf Tour.

Mit ihrem jüngsten Projekt, einem Album mit Gedichten von Aldir Blanc, fügt sie ihrer Weltneugier ein weiteres Kapitel hinzu. Daraus stellt sie nach der Pause ihres berauschenden Auftritts einige Stücke vor. Standen im ersten Teil des Konzerts oft soundmalerische Aspekte und ebenso hinreißende wie bezaubernde vokale Inszenierungen im Vordergrund, gestaltete João die zweite Hälfte sanglicher. Dabei spielte sie ihr enormes Ausdrucksspektrum von opernhafter Expressivität a la Nina Hagen bis zu rapartigem Sprechgesang und feinster lyrischer Zartheit aus.

In seinen Gedichten beschäftigt sich der bei uns weitgehend unbekannte Brasilianer Blanc mit den Menschen und ihrem alltäglichen Leben. „Incredible poems“, unglaubliche Wortkunst nennt die im ausladenden rosa Tüllrock auftretende Sängerin die Poesie des 72-Jährigen. Düster geht es im Text „Werwolf“ zu, das das Duo mit Tierlauten und sinistren nächtlichen Geräuschen in ein musikalisch-klangliches Schauermärchen verwandeln.

Wer braucht noch Kino, wenn er diese Stimmkünstlerin auf der Bühne erleben kann. Sie iinszeniert jeden Song, jedes Stück mit ihrer Mimik, mit wedelnden Armen, tanzend und einer Körpersprache, die auf engstem Raum enorm viel ausdrückt. Sie wechselt mit ihrer scheinbar keine Grenzen akzeptierenden Stimme übergangslos zwischen emotionaler Explosivität und verspieltem Zauber. Dazwischen erzählt sie noch Persönliches. Von ihrer Liebe in Regensburg: „Peter hieß er“, lacht sie.

Text und Fotos:  Michael Scheiner

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