Cooler Bop vom Schlangenbeschwörer

Vincent Herring begeisterte mit Soul Chemistry im Regensburger Jazzclub Leerer Beutel. Auch, weil der Altmeister ein seltenes Statement abgab.

Vincent Herring ist gewiss keine Reinkarnation des großen Charlie Parker. Und dennoch, wenn Herring auf der Bühne steht und in sein Horn bläst, erinnert so einiges an den legendären Altsaxofonisten, der als einer der Schöpfer des Bebop gilt. Da ist die leicht massige Gestalt des New Yorkers, der eigentlich aus Kentucky stammt. Dann auch die Haltung, wie man sie von alten Fotos aus den 50er Jahren von Charlie Parker kennt. Und vor allem der mächtige Ton und das superschnelle Spiel auf dem Altsax, bei dem sich die Finger scheinbar lösen und selbständig über die Klappen zu tanzen scheinen.


Zwar trägt Herring beim Konzert mit Soul Chemistry im Leeren Beutel keine Krawatte, wie sein großes Vorbild.  Mit einem leuchtend blauen Einstecktuch im Jackett seines Anzugs verfügt er aber über die gleiche Eleganz und geschmackvolle Erscheinung, die heute manchmal merkwürdig altertümlich wirkt. Bei Musikern aus dem boporientierten Mainstream ist es nach wie vor weit verbreitet, großen Wert auf die äußerer Aufmachung zu legen. Zum Anzug, den alle vier Musiker tragen, zollt  Bassist Essiet Okon Essiet mit einem kreisrunden flachen Hut einem anderen großen Bebopper Achtung, dem Tenoristen Lester „Pres“ Young. Lediglich Schlagzeuger Joris Dudli fällt mit einer Schiebermütze und einem T-Shirt auf dem er fürs Fahrrad fahren wirbt, ein wenig aus dem Rahmen. Neben dem Respekt vor den Eintritt zahlenden Zuhörern hat  dieser konservative Schick auch mit der Erwartungshaltung des – früher überwiegend weißen – Konzertpublikums zu tun, dem kein Musiker  Anlass zu Herablassung oder gar Beschwerden bieten wollte.

Einen solchen gibt es auch während des gesamten Auftritts von Soul Chemistry beim Jazzclub zu keiner Sekunde. Ganz im Gegenteil, der Teil des Publikums, der sich über eisglatte Strassen und Wege zum Beutel durchgekämpft hatte, erwies sich als ausgesprochen begeisterungsfähig. Bereits nach dem ersten Set mit einer powervoll drängenden Bopnummer des Gitarristen Wes Montgomery von 1963, zwei schönen Stücken von Dudli und zwei des Pianisten Cedar Walton, eine davon superschnell, das andere eine wunderbare Ballade, gab es anhaltenden Beifall für das Quartett. Der 2013 verstorbene Walton hat häufiger mit Herring zusammen gearbeitet und war zeitweise Mitglied bei dessen Tourneen.

Von einer anderen Zusammenarbeit erzählte Herring, als er teilweise in gebrochenem deutsch die Mitglieder seiner Band vorstellte. Mit dem Pianisten Mike LeDonne, den er als einen „der größten der Welt“ bezeichnete, verbinde ihn eine lange Freundschaft. Diese habe bei einem Konzert in der Avery-Fisher-Hall in New York in den 80ern begonnen, als sie beide in der Band von Benny Goodman spielten. Bei diesem Hinweis ging ein anerkennendes Raunen durch die Reihen der Zuhörer. Stolz sei er, das der „unglaubliche Bassspieler“ Okon Essiet mit auf der Tour sei, die sie bereits nach Spanien, Schweden, Dänemark, in die Niederlande und „das beste aller Länder“, nach Deutschland geführt habe. Herring begründete seine schmeichelhafte Einschätzung auch gleich damit, dass die Menschen hier „politisch klug“ dächten, im Unterschied zu seinem Land. Ein eindeutiges Statement, wie es im Bereich des Jazz einen großen Seltenheitswert hat, Musiker geben öffentlich nur äußerst ungern ihre Einstellungen oder politischen Haltungen preis.

Mit dem vielsagenden Stück „Here is the rainy day“ von LeDonne stieg das Quartett mit seinem exzellenten, lässig coolen Zusammenspiel nach der Pause mit feinem Latintouch wieder ein. Anschließend hatte der Pianist mit einer ausgiebigen, dichten  Soloimprovisation, die sich zweitweise wie ein Themenmedley anspruchsvoller Filmmusiken anhörte, die Zuhörer ganz auf seiner Seite. Obwohl er nie Anhänger der Beatles gewesen sei, ließ Herring wissen, kündigte er als letzte Nummer „Norwegian Wood“ an. Die großartige Band spielte es im swingenden Dreivierteltakt, während  Herring zeitweise wie ein orientalischer Schlangenbeschwörer klang. So great!

Fotos und Text von Michael Scheiner

 

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