Gitarre vom Klassenfeind im Heulmodus – Heiner Reinhardt & Helmut „Joe“ Sachse eröffnen neue Konzertsaison im Jazzclub Regensburg

„Schraubenzieher-Tango für Jaroslav Hasek“ betitelte der Gitarrist Helmut Joe Sachse eine Komposition auf seinem Soloalbum, das er 1988 noch auf dem staatseigenen Amiga-Label vorgelegt hat. Die musikalische Widmung an den Autoren des Soldaten Schwejk und das skurrile Hilfsmittel deuten bereits an, dass dem in Mittweida groß gewordenen Chemnitzer – damals noch Karl-Marx-Stadt – ebenso der anarchistische Schalk im Nacken hockt, wie dem braven Schwejk. So ließ er Jazzclub-Managerin Ulrike Eilers nach einem furiosen Duokonzert mit dem Bassklarinettisten Heiner Reinhardt in der Garderobe lächelnd auflaufen: „Geld? Was, Honorar gibt es hier auch noch?“


Die beiden Musiker stellten das von Sachse erarbeitete und arrangierte Programm „Hey Joe“ mit Kompositionen von Jimi Hendrix zum Auftakt des Herbstprogramms im Leeren Beutel vor. Es ist gewissermaßen eine Verneigung vor dem großen Idol und ein Dank, denn der Sachse verdankt dem Gitarren-Heroen seinen zweiten Vornamen. Als der jugendliche Beatfan 1967 mit einer Amateurband auftrat und niemand seinen Namen wusste, feierten ihn seine Kumpel nach dem Gig als „Joe“. Sachse war dem afroamerikanischen Rockgitarristen kurz zuvor in einer Beatclub-Sendung von Radio Bremen hoffnungslos verfallen. An Virtuosität und Vielseitigkeit hat der 69-Jährige sein Vorbild, das er bis heute überaus schätzt, längst überrundet. Dessen eruptive Energie und Emotionalität aber bleibt selbst in den wüstesten Akkordorgien, mit denen Sachse regelrechte Klangstürme auf der Bühne entfacht, im Prinzip unerreicht. In ausgeklügelten und durch die Bank spannenden Arrangements voller unerwarteter Wendungen, schriller Peitschenklänge und ausgefallener Ideen bleibt die Essenz der Hendrixschen Kompositionen erhalten und erkennbar. Dennoch erscheinen „Red House“, das Hin- und Hergeworfensein von „Manic Depression“, das sanfte „The Wind Cries Mary“, „Purple Haze“ oder das psychedelische „Burning of The Midnight Lamp“ in einem eigenen, manchmal sperrigen Klanggewand. Das expressive, manchmal hektisch-entfesselte Spiel des Saitenmeisters korrespondiert dabei bestens mit dem warmen Sound und den ausdrucksstarken Improvisationen des Bläsers, der gelegentlich auch die Bassfunktion übernimmt. Etwas mechanistisch wirkt manchmal die skurrile Fussarbeit Sachses. Damit klopft er auf seinem Instrumentenkoffer und einem mikrofonierten Plastiksack den Rhythmus straight durch, „durchtappt“ müsste man eigentlich korrekter formulieren. In Verbindung mit dem exzessiven Klangrausch eine auch physisch enorme Anstrengung, die sich am Schluss im schweißgetränkten T-Shirt deutlich und wohlverdient abzeichnet.

Virtuos eingesetztes Fingertapping und Perkussionstechniken auf dem Korpus der mit zusätzlichen Tonabnehmern aufgepeppten Gitarre im Wechsel mit rasenden Läufen und experimentellen Klängen sorgen dafür, dass manchem Zuhörer die Ohren schwirren. Während der ebenfalls zum Einsatz kommende Schraubenzieher unverändert der gleiche ist, spielt Sachse heute eine Gibson, ein Instrument des früheren Klassenfeindes. Höhepunkt des gelegentlich durchaus zickigen Klangrausches ist „Little Wing“, das Sachse im Wechsel von ätherischen Flageoletttönen und grellen Akkordausbrüchen als Solonummer spielt. Als ideenreicher, emotional packender Solist zeigt sich Reinhardt im kryptischen „If 6 was 9“, ein Song der im Kultfilm „Easy Rider“ Berühmtheit erlangte. Am Ende des Konzerts erweist Sachse seinem Vorbild noch einmal liebe- und lustvoll Respekt und übersteuert die abgelegte Gitarre, bis sie auf dem Stuhl panisch aufheult. Ein großartiger Einstieg in die Herbstsaison, es muss sich nur noch rumsprechen, dass sie bereits begonnen hat.

Von Michael Scheiner

Infos: http://www.helmut-joe-sachse.de/

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