Jazzwoche Burghausen mit reichlich Pop, Soul und auch Jazz

Musikerinnen, erkannte Joe Viera in seiner Anmoderation der Saxofonistin Lakecia Benjamin, würden immer öfter als „Bandleaderinnen und Instrumentalistinnen in Erscheinung treten“. Der 84-jährige Grandseigneur und Mitbegründer der Internationalen Jazzwoche Burghausen, nicht unbedingt als Feminist bekannt, lenkte damit die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt der auch im Pop und Rock Gültigkeit hat – eine deutliche Unterrepräsentanz von Frauen. Lediglich als Sängerinnen überflügeln Musikerinnen die nach wie vor ausgeprägte männliche Dominanz, auch wenn sich das seit ein paar Jahrzehnten ganz allmählich zu verschieben beginnt.


Bei der mittlerweile 48. Jazzwoche bildeten, neben Benjamin und der Fürther Gitarristin Monika Roscher, auch in diesem Jahr Sängerinnen die weiblichen „Zugpferde“ im vielschichtigen Programm. Vor der Engländerin Joss Stone, die nach einer Kritik als „Popstar Burghausen verhext“ hat, war die in Paris lebende Amerikanerin China Moses die  eigentliche Überraschung des Festivals. Glücklich schätzen könne man sich, jubelte Viera, dass Moses „denselben Beruf hat, wie ihre Mutter Dee Dee Bridgewater“. Die hatte zwei Jahrzehnte zuvor – 1998 – einen  gefeierten Auftritt in Burghausen. Mit einem lockeren Blues aus ihrem vielgelobten Tributealbum „This One´s For Dinah (Washington)“ startete die 39-Jährige die Eroberung der erstaunlicherweise nur zu zwei Drittel besetzten Wackerhalle. Beim rhythmisch ruppigen Rythm`n´Blues-Song „Disconnected“ hatte sie das Publikum auf ihrer Seite. Mal unwillig knarzend, mal mädchenhaft unschuldig, verführerisch oder schmollend spielte sie mit ihrer wandelbaren Altstimme wie auf einer Klaviatur – jeder Ton eine neue Nuance, in der sich vielsagend Gefühle spiegeln. Moses ging nicht gleich in die Vollen, wie am nächsten Abend Bandleaderin Lakecia Benjamin mit ihrer „Soul Squad“. Mit Balladen zeigte sie sich von einer anrührend nachdenklichen Seite, bevor sie mit „Watch Out“ und weiteren Songs aus ihrem in wenigen Tagen erscheinenden neuen Album beeindruckende Qualitäten als Entertainerin und großartige Sängerin an den Tag legte. Den Vergleich mit ihrer berühmtem Mutter, soweit das überhaupt nötig ist, muss sie ebenso wenig scheuen, wie mit anderen großen Entertainern, wie Jamie Cullum oder Robbie Williams. In ihren Songs zwischen leicht-flatternder Liebesverwirrtheit, ironischem Nachttrip und Lebensweisheit mischen sich Witz, Charme und weibliches Selbstbewusstsein zu einer Haltung, der sie mit ihrer wandlungsfähigen Stimme Ausdruckskraft verleiht. Begleitet wurde sie von ihrer auch solistisch überzeugenden Band, geführt von Saxofonist Luigi Grasso.

Am nächsten Abend hatte die dynamische New Yorker Altsaxofonistin Benjamin bei der funkigen Band „Soul Squad“ alle Fäden in der Hand. Mit einem knallhart groovenden Highspeed-Programm aus eigenen und Nummern von James Brown – Get Down – bis Eric Clapton – Change The World – mischte das Quartett, gelegentlich verstärkt von einer kraftstrotzenden Sängerin, die Stimmung im ausverkauften Saal mächtig auf. Sogar so mächtig, dass ein Kollege ob der permanenten Hochspannung von einer „Militarisierung des Soul“ sprach und vorzeitig das Feld räumte. Ein Kommentar des famosen James-Brown-Saxofonisten Maceo Parker, der den ihm gewidmeten Song „Maceo“ trocken als „too fast“ – „zu schnell“ – kommentierte, gerann in Burghausen zum Synonym für das Party-Konzert der energischen Saxofonistin. Es fühlte sich an wie Herzrasen im Leerlauf.

Danach bekam der entspannt pulsierende Latinjazz-Auftritt des in jeder Hinsicht umwerfenden kubanischen Pianisten Roberto Fonseca eine geradezu befreiende Wirkung. Die sieben Mitglieder der Band, darunter ein Bläsertrio, der junge geckenhafte Sänger Abraham Aristilde, zwei Perkussionisten und Bassist Yandy Martinez, brachten die von ihrem Chef komponierten Danzónes, Habaneras, den Salsa und kubanischen Bolero auf eine derart unverkrampfte und leichte Weise zum Klingen, dass einem warm ums Herz wurde. Dabei gab sich Fonseca keineswegs modisch nostalgisch, sondern spickt seinen Streifzug durch die reiche Musikgeschichte seines Landes mit modernen Formen und Elementen. Großartig interpretiert und atemlos spannend improvisiert gibt er ihr damit ein spannendes Gewand und eine neue Zukunft, ganz abgesehen von seinen Solobeiträgen, bei denen dem Publikum buchstäblich der Atem stockte. Dass er dann noch etwas scharfe Salsa-Sosse zum mitklatschen und -singen drauf sattelte und sein Publikum in Verzücken versetzte, konnte das künstlerische Vergnügen kein bisschen trüben.

Dagegen geriet die durchaus packende Interpretation der rhythmisch und harmonisch vertrackten, fünfteiligen „Meridian-Suite“ des Schlagzeugers Antonio Sanchez nicht durchgehend zu einem intellektuellen Genuss. Der sich türmende energetische Sound der musikalischen Novelle aus „electro, latin, jazz and classical“, wie es der durch den Film „Birdman“ berühmt gewordene Sanchez beschrieb, geriet phasenweise zu einem viel zu lauten wuchtigen Soundgebirge, das einen zu begraben drohte. Schade, denn zu sagen hatten Seamus Blake (tsax), Thana Alexa (voc), Matt Brewer (bass) und John Escreet (piano) allemal etwas.

Michael Scheiner

www.b-jazz.com/jazzwoche-burghausen-2017

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