Prager Gitarrist Radim Hladík verstorben

Radim Hladík bei einem Konzert im Rockclub im böhmischen Písek 2007. Foto: Chmee2/Wikipedia
Radim Hladík bei einem Konzert im Rockclub im böhmischen Písek 2007. Foto: Chmee2/Wikipedia

Radim Hladík lebt nicht mehr. Der Super-Jazzrock-Gitarrist aus Prag verstarb kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag am vergangenen Sonntag an den Folgen einer Lungenfibrose.


Von Mathias Bäumel – Älteren Rockfans in der DDR haben Hladík erstmals schon in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre wahrgenommen – als Gitarristen der Gruppe Matadors, deren Langspielplatte in der tschechischen Inland-Version 1968, in der Export-Version etwas später erschienen war. Die Gruppe begeisterte von 1966 bis 1968 nicht nur mit zahlreichen, hexenkesselartigen Live-Auftritten in der DDR und der CSSR, sondern auch mit den an Blues-Rock und Merseybeat erinnernden, fulminant klingenden Titeln dieser LP. Rückblickend erwies sich diese Band auch als »Kinderstube« der wichtigsten tschechischen Jazz- und Prog-Rock-Gruppe überhaupt – Blue Effect –, die 1968 von Radim Hladik gegründet wurde. Und Blue Effect war sofort präsent. Auf dem Meisterwerk »Coniunctio« (mit Jazz Q Prag) kam es zur Begegnung von Free Jazz und freiem Rock – eine Mischung, wie es sie in einer solchen Stilistik bis dahin noch nirgends auf der Welt gegeben hatte. Die Musiker griffen die von Ornette Colemans »Free Jazz«-Platte (1961) inspirierte Idee der doppelten Rhythmusgruppe auf und ergänzten sie mit Gitarre (Radim Hladík), Saxofon und Flöte (Jiři Stivín) sowie mit Klavier und Keyboards (Martin Kratochvíl). Wie groß war damals unsere Gier nach dieser Mischung von freien Soundimprovisationen, harten Rock-Riffs, wilden Gitarren-Soli und expressiven Saxofon-Linien! Die Klangästhetik wirkte verwegen und trotz gelegentlicher Bluesharmonien befreiend europäisch. Hladík spielte seine Gitarre mit stahligem, harten Sound und in irritierender Schnelligkeit – in einer Zeit, als John McLaughlin gerade mit seiner jazzig-weichen, swingigen LP »Extrapolation« erschien und das Mahavishnu Orchestra noch nicht gegründet war.

Kurz darauf erschien mit der LP »New Synthesis« (Blue Effect gemeinsam mit dem Jazzorchester des Tschechischen Rundfunks unter Kamil Hála) der nächste Meilenstein. Noch heute setzen Motivik, Arrangements und Soli der LP Maßstäbe. Die Soli Radim Hladíks darauf sind atemberaubend, diese Begegnung von Bigband-Jazz und Rock ist damals in ihrer ästhetischen Form einmalig. Wer das moderne Rock-Orchesterkonzept der vielgefeierte Monika Roscher Bigband kennt, ahnt, wie innovativ damals schon Blue Effect mit »New Synthesis« war.

Bis in die Wendezeit 1990 hinein war Hladík mit Blue Effect aktiv, die Band war gewissermaßen die »Übergruppe« in der CSSR. Danach arbeitete Hladík einige Jahre lang als Produzent, war auch verantwortlich für den Erfolg einer ganzen Reihe jüngerer Gruppen, so der Band Chinaski.

Später belebte Hladík seine Band Blue Effect wieder, die bis vor wenigen Wochen das tschechische und slowakische Rockkonzertgeschehen prägte; die Gruppe spielte regelmäßig auf Festivals im Lande und in Klubs und Konzerthäusern. Sein letztes Konzert gab Radim Hladík auf der Schützeninsel in Prag im September 2016. Zahllos Kompilationen und neue Aufnahmen mit verschiedenen Künstlern dokumentieren Hladíks künstlerischen Lebensweg, seine Musik ist auf etwa zwanzig CDs und DVDs enthalten. Die neunteilige CD-Box »Blue Effect« fasst alles bis 1989 zusammen, Aufnahmen mit der wiederbelebten Gruppe Blue Effect oder mit anderen Künstlern wie beispielsweise Pavol Hammel findet man problemlos in Prager, Aussiger oder Teplitzer CD-Geschäften.

 

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