Jazzfest 2016: Musikerin Eve Risser. Foto: Petra Basche

Plastisches Rauschen, offene Fragen: antwortlos – Das Präludium zum Jazzfest Berlin 2016

Ab 1. November geht es mit einer erweiterten Fassung beim Jazzfest Berlin 2016 los. Es wird durch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters eröffnet werden. Ein Zeichen des Bekenntnisses zum musikalischen Genre „Jazz“ von hoher bundespolitischer Bedeutung. Darauf wies Thomas Oberender, der Intendant der veranstaltenden Berliner Festspiele hin. Der Musikjournalist Ulf Drechsel besprach im Anschluss mit dem künstlerischen Leiter des Jazzfests, Richard Williams, die Eckpunkte des Programms. „Viele, viele bunte Smarties“? Nein, wieder ein Versuch, die Bandbreite aktueller Bewegungen im Jazz zu einem stimmigen Programm zu kristallisieren.


Wie gut das gelingen wird? Abwarten. Eines ist jedenfalls offensichtlich: Man hat registriert, was längst normal ist. Es sind endlich auch viele Frauen in sichtbar im Programm präsent. Eigentlich längst eine Normalität? Eigentlich ja, in der Praxis jedoch noch selten umgesetzt.

Unter der Moderation von Nadin Deventer wollte man der Sache etwas tiefer auf den Grund gehen. Unter dem Titel „Wie offen, gleichberechtigt und divers ist der Jazz heute wirklich?“ versammelte man die Musikjournalistin Franziska Buhre, die Sängerin Lucia Cadotsch, den Musiker und Interessenvertreter Nikolaus Neuser und den Leiter des Jazzinstituts Darmstadt, Wolfram Knauer, zur Analyse der Frage, der sich auch in der lesenswerten Beilage zum Jazzfest einige Autorinnen annahmen.

In der Diskussion jedoch hatte man immer ein bisschen das Gefühl, man rede um den heißen Brei herum. Geht es nun um Identity, geht es um Genderfragen, geht es um Frauen? Geht es um diskriminierte Minderheiten, Besonderheiten, reale Mehrheiten? Will man darüber sprechen, ob Frauen in der Jazzszene oder ein Geschlecht in der Kunst? Der Fragenkomplex ist groß, die Analyse kompliziert, die Lösungen sowohl individueller wie allgemeiner Natur. Da will man die „Frauenfrage“ einerseits herauslösen und andererseits im Sinne einer positiven wie negativen Stigmatisierung gerade nicht thematisieren: ein Dilemma. Und so kommen unter der Hand dann doch wieder Stereotypen von männlichen wie weiblichen Attributen zum Tragen.

So bei Franziska Buhre: „Ich glaube schon, dass es in der Ästhetik eine Ursache geben kann, die Ausgrenzung begünstigt und dass wir uns fragen sollten: Von welchem Musikbegriff sprechen wir?“ Eine rhetorische Frage – aber antwortlos. Wie überhaupt bei Buhre die Begriffe am ehesten durcheinandergeraten sind – sei es, dass sie einerseits zum Thema Gender die Lektüre von Judith Butler empfiehlt, sich dann aber selbst im Auflisten alter Stereotypen gefiel. Geht man aber tatsächlich auf Judith Butlers fulminantes 1990 erschienenes Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ zurück, werden die Fallstricke schnell offensichtlich:

„Wenn Frauen universell eine andere Moral, ein anderes Arbeitsvermögen, eine andere Erfahrung zugeschrieben wird, dann wird es auch leichter, ihnen (wieder) einen dementsprechenden Platz innerhalb der Gesellschaft zuzuweisen.“

Für die Sängerin Lucia Cadotsch spiele die Geschlechterrollen keine besondere Rolle. Wichtig ist ihr, jeweils zu wählen, was man von sich preisgibt. Für Nikolaus Neuser (Trompeter, 1. Vorsitzender IG Jazz) ist es wichtig, die künstlerische und die institutionelle Frage zu trenne. Das Geschlecht sei beim Musizieren nur ein Aspekt einer Gesamtpersönlichkeit. Im institutionellen Sinn müssen man sich aber eben schon fragen, wie deutlich auch Frauen im Musikleben repräsentiert sind, als Kuratorinnen oder Journalistinnen beispielsweise. Es stelle sich dann die Frage, wie dieses Problem aufzulösen sein. Er nennt: Quotenregelungen, was ihm problematisch erscheibt, weil man damit Frauen auch wieder auf ihr Frausein reduziere; daneben stünden Förderprogramme, die Nachteile kompensieren sollen, also an der Wurzel ansetzen, das sei der Weg, den auch auch die IG Jazz bestreite. Wolfram Knauer wies auch darauf hin, dass immer wieder das Problem einer positiven Diskriminierung lauere und zum Beispiel Personen sich weigern, zu einem bestimmten Thema zu sprechen, weil sie damit genau das Diskriminierungsmerkmal verfestigten.

Das Thema ist nicht durch, soviel ist klar. Ganz im Sinne Adornos oder auch Butlers müsste man konzedieren, dass es keine „Thema“ ist, was man von den gesamtgesellschaftlichen Prozessen loslösen kann. Es ist ja ein allgemeines Verhängnis. So zum Beispiel Christine Hohmeyer im „Leviathan“ 1998 im Artikel „Politik der Autonomie …“:

„Nicht die eindimensionale Herrschaft des Patriarchates bedroht universell die individuelle Autonomie, sondern vielfältige kulturelle Normen, die in unser Alltagsleben selbstverständlich eingelassen sind. Ausgrenzung bedeutet nicht nur die strukturelle Unterdrückung von Frauen, sondern die Klassifizierung von Menschen überhaupt. Damit begänne eine Politik der Autonomie zuallererst mit einem tiefen Mißtrauen gegenüber den alltäglichen Gewohnheiten des Denkens und gegenüber dem, was unserer Wahrnehmung so scheinbar selbstverständlich geworden ist.“

Und da hilft es wahrscheinlich nur, eine Normalität gegen die falsche Selbstverständlichkeit zu postulieren, die sich durch das Schaffen von Fakten einstellen könnte. Da ist dann das Jazzfest Berlin 2016 ein guter Anschlusspunkt, in dem es wie selbstverständlich guten, wichtigen, interessanten Jazz präsentiert und dabei sozusagen en passent die Gleichheit der künstlerischen Geschlechter zum Status quo erklärt.

Das Spiel von Eve Risser dann am Klavier war von kaum zu beschreibender Schönheit. Eine Studie in Klang durch Präparation des Instruments, durch ein Insidepiano-Spiel, das spielend den Raum zu füllen in der Lage war. Alles schwebte, alles war multi-rhythmisch und -metrisch komplex durchwoben. Da standen die Klänge mal einzeln im Raum, den sie später zerteilen. Ein introvertiertes Klanggespräch, immer plastisch, immer sich selbst nachhörend, ungeheuer differenziert, akkurat und geradezu betäubend schön.

Ganz anders koordinierte sich am Schluss der Veranstaltung Alexander von Schlippenbach (Klavier) und Axel Dörner mit seiner Ventil-Zug-Trompete. Eine melodisch verdichtete, frei bewegliche Musik von zwei autonom agierenden Musikern. Dörner spielte sein Repertoire an Techniken aus, von mikrotonalen Phasen bis zum durch zirkuläre Atmung erzeugten unendlichen Geräusch. Bald prasselnd, bald zischelnd. Dagegen stand das bewegliche Linienspiel bei Schlippenbach. Das verband sich, das öffnete sich.

Die wundervolle Musik von Risser, Schlippenbach und Dörner konnte evident zeigen, dass in der künstlerischen Produktion die Geschlechterfragen verschwimmen und sich auflösen. Die institutionellen Rahmenbedingungen freilich sind im überwiegenden Teil noch durch Ausgrenzungsmechanismen gekennzeichnet. Das Jazzfest Berlin 2016 wird allerdings dazu beitragen, dieser falschen Selbstverständlichkeit nicht zu folgen und vielmehr eine neue dagegenzusetzen.

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