Improvisation über Improvisation #9

Meine erstes Jazzalbum war „Portrait in Jazz“ des Pianisten Bill Evans. Vom Cover blickte mir ein adrett gekleideter Endzwanziger entgegen, mit Seitenscheitel, Intellektuellenbrille und traurigem Gesichtsausdruck.
Das Album war fortan Dauergast in meinem CD-Spieler, und auch wenn mich die gesamte Aufnahme auf vielfältige Art faszinierte, so stach doch ein Stück besonders heraus: „When I Fall In Love“. Diese Klangfarben! Dieser Sound! Diese sensible Eleganz, die feine Melancholie in der Ausgestaltung von Melodie und Improvisation! Das Stück sprach direkt zu mir und war mit ein Grund für meine Entscheidung, Jazzklavier zu studieren.


In den 17 Jahren, die zwischen meinem ersten Höreindruck und heute liegen, habe ich unzählige Tage Jazzmusik gehört und ganz unterschiedliche Phasen der Begeisterung für bestimmte Stile oder Musiker durchlebt. Viele davon kamen und gingen, aber diese Aufnahme beeindruckt mich noch immer. Sie bleibt stets frisch für mich; mit jedem Mal Hören finde ich einen neuen Anknüpfungspunkt, warum sie mir so gut gefällt.

War ich damals sehr fixiert auf den Pianisten, genieße ich heute vor allem die Leistung seiner beiden Triokollegen (Bassist Scott LaFaro und Schlagzeuger Paul Motian): LaFaro spielt im Thema nichts außer den Grundtönen der jeweiligen Akkorde, Motian begnügt sich mit einer leisen Hi-Hat auf zwei und vier (für die Punkte) und einem gelegentlichen Besenschlag auf das sizzle ride-Becken (für die Fläche) – und dennoch hat man nie das Gefühl, dass irgendetwas fehlen würde. Ein Musterbeispiel für gelungene Reduktion!
Eine weitere Beobachtung meiner neuesten Hörrunde: während sich Bill Evans im Laufe seiner Karriere zu einem zunehmend orchestral spielenden Tastenvirtuosen entwickelt hat, dessen Soli sich aus einem riesigen Baukasten an zu Ende gedachten/ geübten Phrasen, Patterns und Motiven speisten (über die er allerdings dermaßen frei und spontan verfügen konnte, dass die Musik dennoch nie vorgefertigt klang), wirkt diese frühe Aufnahme noch angenehm unsouverän und ehrlich emotional, ohne jegliches Blendwerk.

Die einzige andere Trio-Aufnahme von „When I Fall in Love“, die ich auf Youtube von Bill Evans finden konnte, ist ein Live-Mitschnitt aus dem New Yorker Village Vanguard von 1978, also fast 20 Jahre später und knapp zwei Jahre vor seinem Tod. Beileibe keine schlechte Version, aber weit entfernt von der Magie der „Portrait in Jazz“-Aufnahme.

Der Bill Evans der späten siebziger Jahre hatte mit jenem auf dem Plattencover von 1959 äußerlich nur noch wenig gemein. Der Seitenscheitel war inzwischen einer wilden Mähne gewichen, ein ausufernder Vollbart unterstrich den Eindruck eines Löwen, der er sowohl im Sternzeichen als auch von seinen instrumentalen Fähigkeiten war. Geblieben war einzig der traurige Gesichtsausdruck.

Heute vor 34 Jahren verstarb Bill Evans an den gesundheitlichen Folgen seiner Drogensucht. Seine Managerin Helen Keane schrieb damals in ihrem Nachruf:
„He was a pure, beautiful soul. Even when he was in the worst private torment, he kept on giving beauty to the world right up to the end.“

Danke, Bill.

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