Nov 012013
 

Es gibt offizielle und heimliche Schwerpunkte bei umfangreichen Veranstaltungen wie es das JazzFest in Berlin eine ist. Offiziell geht es um einen „Afrika-Akzent“, inoffiziell um Umarmungen. Das Eröffnungskonzert brachte zwei Formationen nacheinander auf die Bühen: Der Trompeter Christian Scott mit seiner Band und „Gnawa Jazz Voodoo – Joachim Kühn Africa Connection feat. Pharoah Sanders“. Wer umarmt hier wen, wie betont werden die Akzente? Unterschiedliche Antworten: Der Abend war musikalisch durchwachsen und erzeugte ebenso Langeweile wie Verdichtung. Erste Eindrücke und Bilder vom JazzFest 2013.

Stretch Music (Christian Scott)

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Christian Scott. Foto: Petra Basche

Christian Scott. Foto: Petra Basche

Die Gruppe um Christian Scott (tp) mit Braxton Crook (sax), Matthew Stevens (git), Lawrence Fields (p), Kris Funn (b) und Cory Fonville (dm) wird hoch gehandelt. Die teilweise sehr jungen Musiker zu einer musikalischen Familie zusammen gefunden, einer Familie, die einen Kopf hat, Christian Scott und einen Körper, die Band. Darin gelingt es scheinbar mühelos, das Vokabular des Jazz in viele Richtung zu erweitern und sich einzuverleiben. Vom minimalistischen Pattern bis zum Song, von der Einzel- bis zur Gruppenimprovisation. Dabei Stielelemente parallel laufen und sich trotzdem kreuzen zu lassen, bringt eine Multidimensionalität hervor, die musikalisch funktioniert.

Das alles steht den Musikern zur Verfügung und erzeugt einen kraftvollen Druck nach außen, aber auch nach innen. Dass das so „einfach“ gelingt, liegt aber vor allem an der virtuosen Musikalität im Hintergrund. Kris Funn (b) und Cory Fonville (dm) ist die Elastizitätsgaranten, erzeugen den musikalischen selbständigen Boden, auf dem sich der Rest der Musik entfalten kann. Jedoch nicht in dienender Funktion, sondern mit hoher innerer Flexibilität. In einer Passage wurde das sehr deutlich. Scott spielte mit beiden im Duo (Trio): Die Binnensoli zwischen Funn und Fonville erreichten eine Komplexität, in die hinein Scott seine Solo-Impulse trieb. Das hatte Spiel- und Streitcharakter und war in jedem Fall verzaubernd. Nicht alles war so so elastisch, mancher Hänger schien eher personell bedingt – ohne das jetzt eigens benennen zu wollen (gilt nicht für Special-Guest, Richard Howell!)

Fotos: Petra Basche

Gehemmte Extase (Gnawa Jazz Vodoo – Joachim Kühn Africa Connection feat. Pharoah Sanders)

Umarmungen können aber auch erdrücken. Das Projekt um Volker Kühn war dieser Art. Die Konstellation: Ein Trio aus Joachim Kühn (p), Majid Bekkas (guembri) und Ramón López (dm); ein Quartett aus Perkussionisten: Abdessadek Bounhar (conga, talking drum), Fatallah Chaouki, Abdessadek Bounhar und Moussa Sissakha (perc.); eine Saxophon-Legende: Pharoah Sanders. Die Connection zwischen diesen Musikern stimmte einfach nicht. Gruppe für Gruppe machten sie in sich konsistente Musik, aber die Scharniere zwischen ihnen schienen wie eingefroren. Die Schaltstation im engeren Sinn übernahm der Schlagzeuger Ramón López, der „modernen“ Jazz mit afrikanischer Trommelvirtuosität zu verkoppeln hatte, das zeigte sich in seiner selbst zurückgenommenen Art des Spiels wie in seiner Körperhaltung. Aber es klappte nicht. Die Perkussionisten produzierten durchaus magische Energie. Aber sie wirkte für sich und als Bett für den Rest der Mannschaft eher nicht.

Umgekehrt blieben die Ausflüge von Sanders und Kühn in den freien Jazz, den übrigens Kühn sehr genial an mancher Stelle mit Bach’scher Spielhaltung zu verschmelzen wusste, unverbunden. Was ja auch okay ist. Der Schlagzeug-Zauber aber scheint merkwürdig quer zu stehen zu dieser Form von Jazzempfindung. Das ist ja zumindest in Richtung Sanders gesagt, erstaunlich. Seine Ausflüge zur afrikanischen Musik wie auf „Elevation“ (1973) waren ja deutlich homogener. Insgesamt konnte man aber schon den Eindruck empfinden, einer Veranstaltung mit netter Guter-Laune- Free-Jazz beizuwohnen.

Als gesamtes Ensemble mochten sich die Musiker gegenseitig erdrücken, als Einzelensembles fand man an die musikalische Luft.

Fotos: Petra Basche

Und ein paar weitere Eindrücke. Fotos: Hufner

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