Jazz für die Ewigkeit
Das Herz der Basler Sängerin Miriam Klein, die mit Jazzgrößen wie Dexter Gordon, Roy Eldridge, Mal Waldron, Slide Hampton, Kenny Clarke, Billy Cobham, George Mraz und Sir Roland Hanna zusammenarbeitete, hat am 02. Oktober 2026 im Alter von 89 Jahren in ihrer Heimatstadt Basel, im Kreise ihrer geliebten und liebenden Familie, aufgehört zu schlagen.
Miriam Klein ist in der Jazzgeschichte eine absolute Ausnahmeerscheinung. Keine andere europäische Sängerin arbeitete in vergleichbarem Umfang mit den Größen des amerikanischen Jazz zusammen und fand international eine ähnliche Anerkennung. In einer sowohl künstlerisch als auch geschäftlich von Männern dominierten Industrie behauptete sie sich ohne professionelle Vertretung als eigenständige Musikerin und Unternehmerin in eigener Sache. Gleichzeitig zog sie vier Kinder groß, für die sie über weite Strecken allein verantwortlich war. Ohne Management, ohne Konzertagentur – von Computer, Internet und iPhone ganz zu schweigen – gelang es ihr, eine internationale Karriere aufzubauen. Ihre Engagements organisierte sie am Esszimmertisch des Einfamilienhauses der Familie am Basler Sonnenweg. Sie verhandelte mit Veranstaltern, buchte ihre Konzerte und kümmerte sich um sämtliche organisatorischen Belange ihrer Karriere.
Damit vollbrachte sie nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftlich eine außergewöhnliche emanzipatorische Leistung – lange bevor die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu einem breit diskutierten gesellschaftlichen Thema wurde. Mit ihrem unverwechselbaren Timbre und feinfühlig-emotionalen Gesang feierte sie internationale Erfolge und erlangte weit über die Schweiz hinaus Anerkennung als eine der hochkarätigen Stimmen des Jazz. Miriam Kleins Gesangskunst kam ohne vordergründige Vokalakrobatik und inszenierte Showeinlagen aus; jede Form publikumswirksamer Effekthascherei war ihr fremd. Ihr intuitives, tiefes Verständnis der Texte und ihr behutsamer Umgang mit den Geschichten, die sie in ihren Liedern erzählte, verliehen ihren Interpretationen eine universelle Glaubwürdigkeit, die sprachliche und kulturelle Grenzen überwand. Die amerikanische Fachzeitschrift JazzTimes bringt es auf den Punkt: «Miriam Klein achieves an intimacy not quite like any other singer».
Miriam Klein wurde am 27. März 1937 in Basel in eine jüdische Familie geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen im Basler Gundeldingerquartier auf. Während des Zweiten Weltkriegs halfen ihre Eltern, Lilly und Isidor Brin, gemeinsam mit Freunden jüdischen Flüchtlingen, die sich unter Eisenbahnwagen versteckt, über die deutsch-schweizerische Grenze gerettet hatten. Wie Miriam Klein später erzählte, holten sie die Flüchtlinge unter den Zügen hervor und nahmen sie bei sich zu Hause auf. Die kleine Miriam musste ihre Kleider an die Schutzsuchenden abgeben. «Sie
brauchen sie dringender wie Du», pflegte ihre Mutter zu sagen. Diese Erlebnisse prägten Miriam Klein nachhaltig. Schon früh entwickelte sie jene Eigenständigkeit und Durchsetzungskraft, die später auch ihre musikalische Laufbahn bestimmen sollten.
Ihre Karriere begann bereits in den 1950er-Jahren in Paris, wo sie mit knapp zwanzig Jahren unter anderem mit dem amerikanischen Tenorsaxophonisten Don Byas, dem französischen Bassisten Pierre Michelot und dem Pianisten Art Simmons auftrat. Nach einer musikalischen Ausbildung in Wien, wo sie auch mit Joe Zawinul arbeitete, der später bei Cannonball Adderley spielte und die legendäre
Jazzrock-Formation Weather Report mitgründete, kehrte sie in die Schweiz zurück. Seit den frühen 1960er-Jahren konzertierte sie regelmäßig mit ihrem damaligen Ehemann, dem Trompeter und Gitarristen Oscar Klein. Während dieser häufig mit den Tremble Kids und der Dutch Swing College Band tourte, war Miriam Klein als Mutter von vier Kindern weitgehend auf sich allein gestellt.
Bei allen beruflichen Ambitionen: Die Familie und ihre Kinder waren ihr heilig. Nach Konzerten fuhr sie nach Hause, um am nächsten Morgen das «z’Morge» zu machen und dafür zu sorgen, dass die Kinder rechtzeitig zur Schule kamen. Engagements, die eine längere Abwesenheit erfordert hätten, lehnte sie konsequent ab. Selbst auf einen Auftritt mit der Jazzlegende Oscar Peterson verzichtete sie, weil am selben Tag eine ihrer Töchter Geburtstag hatte.
Von Basel nach New York
Den internationalen Durchbruch brachte 1973 das beim legendären deutschen Jazzlabel MPS des Produzenten Hans Georg Brunner-Schwer erschienene Album «Lady Like – Miriam Klein Sings Billie Holiday». Begleitet wurde Miriam Klein von Roy Eldridge an der Trompete, Dexter Gordon am Tenorsaxophon und Slide Hampton an der Posaune sowie Oscar Klein, Vince Benedetti, Isla Eckinger und Billy Brooks. Billie Holiday war eine ihrer wichtigsten musikalischen Bezugspersonen. Miriam Klein imitierte Holiday jedoch nicht, sondern entwickelte einen eigenen Zugang zur Musik von «Lady Day» – mit einer Stimme und Phrasierung, die gerade amerikanische Jazzkenner:innen aufhorchen ließen.
Nach der MPS-Aufnahmesession bemerkte Roy Eldridge, der als US-amerikanischer Jazztrompeter selbst ein langjähriger musikalischer Weggefährte Billie Holidays gewesen war, Miriam Kleins Stimme wäre für den im Jahr zuvor erschienenen Billie-Holiday-Film «Lady Sings the Blues» wesentlich besser geeignet gewesen als jene der farbigen amerikanischen Sängerin Diana Ross, die Holiday im Film verkörperte. Miriam Klein bewies nicht nur musikalische Kreativität, sondern auch bemerkenswerten Einfallsreichtum und unternehmerische Initiative, wenn es darum ging, ihrer Karriere zum Durchbruch zu verhelfen. So ließ sie 1973 während des Montreux Jazz Festivals über die Lautsprecheranlage den legendären amerikanischen Jazzkritiker Leonard Feather ausrufen. Sie hatte soeben ihr Billie-Holiday-Album aufgenommen und wollte Feather als Verfasser des Plattentextes gewinnen. Feather hatte von der Schweizer Sängerin noch nie gehört. Vorsichtshalber erkundigte er sich zunächst bei Dexter Gordon, der an den Aufnahmen mitgewirkt hatte. Nach Gordons begeistertem Feedback entschied er sich, die «Liner Notes» zu verfassen. Eine Woche später erhielt Feather in Kalifornien die Aufnahmen: «Ich konnte es ganz einfach kaum glauben: Da war der Geist, das Timbre, die Phrasierung, der wahre Kern ihrer Eminenz, der Lady.»
Nun war es in den 1970er-Jahren nicht selbstverständlich, dass eine Schweizer Sängerin mit der Crème de la Crème des amerikanischen Jazz auftrat und Platten aufnahm. Viele der Jazzikonen, mit denen Miriam Klein zusammenarbeitete, genossen Weltruhm und konnten sich ihre musikalischen Partner:innen aussuchen. Kooperationen mit inadäquaten Interpreten wären rufschädigend gewesen. Das Kriterium für die Zusammenarbeit mit einer weitgehend unbekannten Schweizerin fasste Dexter Gordon, einer der bedeutendsten Tenorsaxophonisten des modernen Jazz, in drei Worten zusammen: «She can sing!»
1974 trat Miriam Klein am Montreux Jazz Festival auf. Auch George Wein, der Gründer des Newport Jazz Festivals, war von den «Ladylike»-Aufnahmen begeistert und lud sie ein, am Newport Jazz Festival 1974 in New York teilzunehmen. Ein weiterer Höhepunkt ihrer Diskographie entstand 1978 in New York. Für das Album «By Myself» wurde Miriam Klein vom amerikanischen Pianisten Sir Roland Hanna und dem Bassisten George Mraz, einem langjährigen musikalischen Partner von Stan Getz, begleitet. Anlässlich der späteren CD-Veröffentlichung von «By Myself» schrieb der renommierte Jazzkritiker Marcus A. Woelfle: «Zwei Exemplare dieser LP hütete ich schon immer als großen Schatz, weil man von unersetzbaren Platten zwei braucht, eine zum Hören, die andere für alle Fälle. Die Ausdruckskraft von Kleins Stimme und der Nuancenreichtum ihrer Standard-Interpretationen bereiten Gänsehaut. Wäre die Künstlerin nicht Schweizerin, sondern Amerikanerin, stünde dieses Album im Plattenschrank aller Vokaljazz-Fans.»
Während der Tournee zur Veröffentlichung von «By Myself» wohnte Sir Roland Hanna bei der Familie Klein am Basler Sonnenweg. Dort schrieb der amerikanische Pianist und Komponist eigens für Miriam Klein mehrere Songs, darunter «Seasons», das später auch die legendäre amerikanische Jazzsängerin Sarah Vaughan auf ihrem 1982 erschienenen Album «Crazy and Mixed Up» aufnahm. Eine weitere herausragende Aufnahme entstand mit dem amerikanischen Pianisten Kirk Lightsey. Auf «Ballads for Loving Kindness» beschränkte sich die Besetzung auf Stimme und Klavier – eine Konstellation, in der Miriam Kleins Fähigkeit, einen Song allein durch Phrasierung, Timing und Ausdruck zu tragen, besonders deutlich hervortrat.
Miriam Klein arbeitete auch mit dem Orchester des Schweizer Radios DRS zusammen, das unter der musikalischen Leitung von Hans Möckel und Peter Jacques zu den führenden Rundfunkorchestern Europas zählte. Unter der Ägide von Peter Jacques entstanden mehrere Aufnahmen mit der Basler Sängerin. Die Arrangements schrieb eigens für sie der amerikanische Komponist und Arrangeur
Russ Garcia, der unter anderem für Ella Fitzgerald, Louis Armstrong und Stan Getz gearbeitet hatte.
Großes Comeback mit «My Marilyn»
Ein viel beachtetes spätes Comeback gelang Miriam Klein 2001 mit dem Album «My Marilyn» ihres Sohnes, des Basler Saxophonisten David Klein. Gemeinsam mit dem amerikanischen Pianisten Mulgrew Miller (Art Blakey, Tony Williams), dem Bassisten Ira Coleman (Sting) und dem Schlagzeuger Marcello Pellitteri (New York Voices) interpretierte sie Songs aus Marilyn Monroes Filmen. Das Album fand international große Beachtung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete «My Marilyn» als eine «musikalische Ewigkeitsapotheose» und würdigte die Bearbeitungen als «epische Neudeutungen», «ganz eigene Jazzverwandlungen» und «behutsam verführerische Kammermusik». Der Spiegel jubelte «Swinging Marilyn!» und die Fachzeitschrift Fono Forum befand, Miriam Kleins Interpretationen klingen, als seien sie «einer besseren Welt entstiegen, in der moderner, swingender Jazz die Rolle der verwässerten Popmusik eingenommen hat, mit der Marilyn umgeben wurde». Der namhafte Musikkritiker Josef Engels schwärmte in der WELT von einem «Vibrato, das zu Herzflimmern führt». Das deutsche Fachmagazin Jazzthing schrieb, die in den 1960er- und 1970er- Jahren gefeierte Sängerin singe «hinreißend authentisch» und erlebe mit dem Album ein «unerwartetes, großes Comeback». Auch das amerikanische Musikmagazin Billboard lobte Miriam Kleins Fähigkeit, die Filmsongs zum Leben zu erwecken, ohne Marilyn Monroes unverwechselbare
Stimme zu imitieren. Music Print: «Miriam Kleins Interpretation vermittelt etwas von jener tiefgründigen Menschlichkeit, die hinter der Fassade des Filmvamps fast völlig verschwand».
Die internationale Resonanz auf «My Marilyn» zeigte, dass Miriam Kleins Stimme auch Jahrzehnte nach ihren ersten Erfolgen nichts von ihrer Ausdruckskraft und Faszination eingebüßt hatte. Dass Miriam Kleins Stimme bei aller künstlerischen Raffinesse auch ein breites Publikum anzusprechen vermochte, bewies der Werbejingle «Please Me», den sie 1982 für den österreichischen Dessous-Hersteller Palmers komponierte, textete und selbst sang. Die Werbung war so erfolgreich, dass sie über zehn Jahre lang ausgestrahlt wurde. «Sie singt, wie ihr zumute ist», titelte die deutsche Jazzbibel Jazzpodium anlässlich der Veröffentlichung ihres Albums «Lady Like». Das trifft Kleins künstlerisches Selbstverständnis auf den Punkt: Sie sang intuitiv, ungekünstelt und mit einer emotionalen Direktheit, die sich weder um Konventionen noch um Erwartungen scherte. Miriam Klein war jede Form der Verstellung fremd – als Künstlerin ebenso wie als Mensch. Sie konnte keine Gefühle vorspielen, die sie nicht empfand.
Was ihrem Gesang seine unverwechselbare Wahrhaftigkeit verlieh, stand einer möglichen Filmkarriere im Weg. 1957 engagiert der Theater-Genius Werner Düggelin die zwanzigjährige Klein für eine Nebenrolle in seinem Film, «Taxichauffeur Bänz», an der Seite von Schaggi Streuli, Ruedi Walter und Stephanie Glaser. «Miriam, aus dir machen wir einen Filmstar», schwärmte «Dügg». Ihr Filmpartner war der damals noch völlig unbekannte Maximilian Schell in der Rolle des Toni Schellenberg. In einer Szene sollte Klein ihn mit einem verführerischen «Salü, Toni» begrüßen. Doch auch nach mehreren Takes wollte sich die gewünschte Leidenschaft nicht einstellen. Als Regisseur Düggelin schließlich wissen wollte, woran es denn hapere, zuckte Klein mit den Schultern: «Er gefällt mir halt nicht.»
In ihren späteren Lebensjahren war der deutsche Jazzpianist Christian Gutfleisch über 28 Jahre lang Miriam Kleins Lebensgefährte und musikalischer Partner. Die beiden standen auch gemeinsam auf der Bühne. Noch wenige Tage vor ihrem Tod probten sie neue Kompositionen für ihr gemeinsames Repertoire ein. Miriam Kleins Karriere führte von den Pariser Jazzclubs der 1950er-Jahre über Montreux, Newport und die großen europäischen Jazzbühnen bis in die Aufnahmestudios New Yorks. Sie musizierte mit einigen der bedeutendsten Persönlichkeiten des amerikanischen Jazz und behauptete sich dabei als Musikerin auf Augenhöhe.
Mit Miriam Klein verliert die Welt eine einzigartige Stimme. Ihre Aufnahmen bleiben Zeugnisse einer kompromisslosen und wahrhaftigen Künstlerin, deren Lebenswerk weit über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung erlangte.
Beitragsbild: Miriam und Dexter, Foto: David Klein