Tiroler Witz trifft lupenreinen Jazz – GRAPHA: bös’lecker

Es kursiert aktuell eine beeindruckende  Aufnahme auf dem Label Chaos Records von einer Band namens GRAPHA mit dem  wundersamen Titel „bös’lecker“. Die Rezeptur dieser Miniatur-Bigband ist verblüffend einfach: ein Bläserquintett und eine erstklassige, dynamische Rhythmusgruppe präsentieren eine Mischung aus nostalgischen Swing-Arrangements, gepaart mit treibenden Grooves. Folkloristischer Tiroler Witz trifft hier auf lupenreinen Jazz. Das passt! Die Kompositionen, größtenteils aus der Feder des Bandleaders und Saxophonisten Raphael Huber, fließen musikalisch unverkennbar im West-Coast Style mit Verve und gleichzeitigem Augenzwinkern, denn es blitzt regelmäßig der Jazz-Schelm auf und führt den Hörer in immer wieder überraschende Gefilde. Kennt jemand z.B. noch Cesare Andrea Bixios Schlager 30ger Jahre Schlager „ Mamma“ …grins… das muss man sich trauen: Heintjes 60ziger Jahre Schnulzenadaption wurde hier kräftig entstaubt und einem verschmitzten sound-lifting unterzogen – so kann man „Mama“ unbeschwert und ohne Scham hören. Groovige Band Hinter GRAPHA stecken wie bereits erwähnt der Tiroler Saxophonist und Arrangeur Raphael Huber, des Weiteren der großartige Vincent Eberle an Trompete/Flügelhorn und Schlagwerker Clemens Coreth unterstützt bei einigen Songs den Groove sowie mit ausgefeilter Stimme. Posaunist Thorben Schütt und Jonas Brinckmann am Baritonsaxophon sind verantwortlich für den …

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Art Blakey & The Jazz Messenger – Neuerscheinung

Jazzfans aufgemerkt! Es gibt sie wirklich noch von Zeit zu Zeit: musikalische Zufallsfunde und Entdeckungen. So auch hier bei Art Blakey & The Jazz Messengers mit dem 1959 aufgenommenen, bis dato komplett unveröffentlichten Blue Note Album „Just Coolin‘“. Eine zudem äußerst interessante Besetzung, die leider nur kurzzeitig existierte, mit Tenorsaxophonist und Messengers-Gründungsmitglied Hank Mobley, Lee Morgan an der Trompete, Pianist Bobby Timmons und dem Bassisten Jymie Merritt. Die Session fand statt am 8. März 1959 unter Rudy van Gelder in seinem legendären Hackensack Studio. „Just Coolin‘“ ist quasi der Blue Note Jazz-Messengers „Missing Link“ zwischen Herbst 1958 und Frühjahr 1959. Also nach dem legendären Album „Moanin‘“ mit Benny Golson und noch vor den umwerfenden Live Aufnahmen vom April 1959 „At The Jazz Corner Of The World“, das fünf Wochen nach „Just Coolin‘“ aufgenommen wurde. Warum diese Aufnahmen bisher unveröffentlicht geblieben sind lässt sich nur vermuten, in den offiziellen Blakey-Diskografien sind sie bisher als „Blue Note rejected“ aufgeführt. Wahrscheinlich hat man sich seinerzeit im Nachgang entschieden, die Studioaufnahmen, nach der erfolgreichen Veröffentlichung des Live-Albums, in den Archiven zu lassen – bis heute. Ein echter Glücksfall, dass dieses …

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Geoff Goodman Quintett: The Opposite Of What

Geoff Goodman Quintett: The Opposite Of What ENJA ENJ-9678 2 Die aktuelle, auf Enja erschienene, Aufnahme des Geoff Goodman Quintetts „The Opposite Of What“ ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Goodmans große Stärke liegt im kammermusikalischen Ensemblespiel mit zwei Bläsern. Dazu erklingt seine geerdete Gitarre unglaublich abwechslungsreich und vielseitig. Mit Weggefährten Rudi Mahall spielte er bereits in seinem ursprünglichen Quintett vor 15 Jahren, genauso wie mit Drummer Bill Elgart. Dann gibt es Musiker, die hören Töne und sehen gleichzeitig Farben. Der renommierte Synästhetiker und Saxophonist Matthieu Bordenave, sowie der Münchner Bassist Andreas Kurz sind neu in der Formation und tragen die geistige Haltung des Quintetts mit: fließende, leise Töne wechseln sich ab mit spannungsgeladenen Modern- & Free-Jazz Passagen, nie abdriftend in oberflächlichem Wohlklang. Goodmans Arrangements sind wohl durchdacht, aber nie konstruiert oder gekünstelt. Der Schalk sitzt ihm im Nacken und augenzwinkernd, humorvoll aber bestimmt spielt sich das Quintett durch Goodmans aufregende Stücke. Lediglich eine Gemeinschaftskomposition „One Of Many Circles“ sowie ein Standard ist auf dem Album vertreten, George Shearings „Lullaby Of Birdland“. Der wiederum wird sowas von inbrünstig und hingebungsvoll vorgetragen, dass Shearing seine wahre Freude …

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„Local Heroes“: Live-Stream Konzertreihe aus dem Jazzclub Unterfahrt

Auf den ersten Blick scheint alles normal zu sein, die 31 Stufen hinunter in den Keller des Münchner Kulturzentrum Einstein, den langgezogenen Gang entlang zum Jazzclub Unterfahrt, aber dann – kein Licht am Ende des Tunnels! Alles ist dunkel und auch am Eingang des Clubs leere Plakatrahmen. Beim Betreten der Unterfahrt fällt der Blick leicht melancholisch und unweigerlich auf die Speisetafeln an der Küchenwand: zu sehen der „last order before shutdown“. In Coronazeiten ist der normale Konzertbetrieb eingestellt und alles verwaist. Alles? Nicht ganz, denn in solchen Zeiten sind Alternativen und Innovation gefragt! Gedacht, überlegt, konzipiert, getan! Seit über 50 Tagen ist der Jazzclub mittlerweile geschlossen und geplante Konzerte mussten, wie überall sonst auch, abgesagt werden. Was tun in diesen besonderen Zeiten, wo Booking und Reisen ein unmögliches Unterfangen ist? Zum Glück ist München eine Stadt mit einer ausgesprochen hohen Dichte an professionellen Musikern. Was liegt da näher, als lokale Jazzheroes einzuladen und Streaming-Konzerte, die ja sowieso in aller Munde sind, zu veranstalten? Gedacht, überlegt, konzipiert, getan! Den Auftakt bestritt die Münchner Sängerin Jenny Evans, die traditionell seit Jahren regelmäßig am Ostersamstag in der Unterfahrt …

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Young German Jazz: Neues von Jakob Manz und Johanna Summer

Im Rahmen der ACT Reihe „:young german jazz“ erscheinen aktuell zwei bemerkenswerte Veröffentlichungen. „Schuman Kaleidoskop“ von Johanna Summer und „Natural Energy“ von The Jakob Manz Project. Beide Künstler verbindet auf kuriose Weise das Jahr 2018: Die Pianistin Johanna Summer gewann damals mit knapp 23 Jahren den Jungen Münchner Jazzpreis und Saxophonist Jakob Manz mit gerade einmal 16 Jahren den Biberacher Jazzpreis. Dieses Jahr war damit der Startschuss für beide Künstler, die Szene horchte auf und seitdem geht es unaufhaltsam weiter. Jakob Manz gewann gleich ein halbes Jahr später den future.sounds Wettbewerb der Leverkusener Jazztage und spielte parallel dazu im BuJazzO. Seine eigentliche Liebe gilt dem Groove und dem Soul im Jazz. Und die teilt er mit seinen gleichaltrigen Freunden des Jakob Manz Projects, Frieder Klein am Bass, dem Pianisten Hannes Stollsteimer und Paul Albrecht am Schlagzeug. Eine kluge Entscheidung war es zudem, sich für das Debut Album nicht noch „verkaufsfördernde“ Stars mit an Bord zu holen, sondern sich auf die eigene Gruppe zu beschränken. Absolut irre Das zeigt, was alles in den Musikern steckt und es ist absolut irre – mit dem Jakob Manz Projekt kann …

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Die Geschichte des Jazz in Deutschland: Wolfram Knauers Buch „Play yourself, man!“

Leute lest – wenn nicht jetzt, wann dann!? Und da darf es in Zeiten von Corona, Ausgangsbeschränkungen und Kulturstillstand auch gern mal etwas Anspruchsvolles sein! Was für die Bildung tun, für den Background. Da kommt Wolfram Knauers „Play yourself, man!“ – Die Geschichte des Jazz in Deutschland genau richtig. Viel gibt es bis dato über den Jazz in Deutschland nicht wirklich zu lesen. Die Zeit des deutschen Jazz in den sechziger bis 80zigern wurde von Ekkehard Jost vor gut dreißig Jahren in seinem Buch Europas Jazz 1960-80 immerhin auf knapp 160 Seiten (wenn man das Kapitel über den Jazz in der Deutschen Demokratischen Republik mit dazu nimmt) beleuchtet und analysiert. Was bisher fehlte ist ein kompletter Abriss des Jazz in Deutschland von seinen Anfängen bis ins 21. Jahrhundert. Auf gut 500 Seiten behandelt Wolfram Knauer, Leiter und Direktor des Darmstädter Jazzinstituts, in seinem bei Reclam erschienen Buch den Jazz in Deutschland von seinen Ursprüngen bis zur Gegenwart in elf ausführlichen, klar gegliederten Kapiteln. Was auf den ersten Blick und dem Umfang des Buches geschuldet einen eher trockenen, anstrengenden Lesestoff vermuten lässt, entpuppt sich bereits nach …

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Foto: TJ Krebs

Die neue LBT Doppel-CD: Stereo

LBT – was verbirgt sich hinter diesen Buchstaben? Eigentlich nichts anderes als ein Trio mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Aber nur auf den ersten Blick! Inhaltlich gehen die Drei komplett neue Wege. Leo Betzl am Piano, Sebastian Wolfgruber an den drums und der Bassist Maximilian Hirning brechen auf zu neuen musikalischen Horizonten und haben mit ihrer Musik die Szene komplett aufgemischt. Da gerät der Jazz sprichwörtlich aus den Fugen! Aber der Reihe nach: im Juni 2017 legte der Pianist Leo Betzl im Münchner Jazzclub Unterfahrt seine Masterabschluss- und Maximilian Hirning am Kontrabass seine Master-Zwischenprüfung ab. Es brodelte bereits damals gewaltig im Club mit der Kombination von Jazz & Techno (siehe dazu: https://www.jazzzeitung.de/cms/2017/07/leo-betzl-absolvierte-seine-master-abschlusspruefung-in-der-unterfahrt/ ). Praktisch war das auch der Beginn von LBT. Damals wie heute sind sie ihrem Motto treugeblieben, dem Jazz wie auch Techno weiterhin verbunden und neuen Wegen unverdrossen aufgeschlossen. 2018 gewann das Trio damit den BMW Welt Jazz Award und im Folgejahr den Burghauser Nachwuchs Jazzpreis. Was die Jungs im übrigen auszeichnet ist ihre stete Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber der Techno-Szene und der Kombination mit dem Jazz. Groove ohne Ende Nach gut drei …

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Adam Baldych. Foto: TJ Krebs

BMW Welt Jazz Award 2020: Das Quartett von Jazzgeiger Adam Baldych bestreitet das dritte Dienstagskonzert

Das Instrument Geige führte viele Jahre ein Schattendasein im Jazz. Das hat sich längst geändert, und immer neue Stimmen geben diesem Streichinstrument, das wie kein zweites für Klassik, Hochkultur und Virtuosität steht, eine Heimat im Bereich des modernen Jazz. Derzeit angesagtester Vertreter dieser Gattung ist der Pole Adam Baldych, der trotz Orkan „Sabine“  zusammen mit seinem Quartett nach München in den BMW Doppelkegel gekommen war, um in den Wettstreit um die begehrte Trophäe des BMW Welt Jazz Awards einzusteigen. Die vier Polen lieferten eine hochprofessionelle Vorstellung, deren musikalische Bandbreite von Hildegard von Bingen, Thomas Tallis bis in die Gegenwart der improvisierten Musik reichte. Das sich Baldych nicht nur als der bekannte Paganini der Jazzgeige präsentierte, sondern seine Virtuosität in den Dienst der Musik stellt, auch mal leiseren Tönen Raum gab, berührte sichtlich einige Zuschauer. 90 Minuten großes Jazz-Theater – inklusive Zugabe. Alle Fotos: Thomas J. Krebs Siehe auch die Kritik von Ralf Dombrowski auf nmz.de  

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Pablo Held. Foto: TJ Krebs

Pablo Helds neue CD Ascent

Nach dem traurigen Ende des Münchner Pirouet Labels, auf dem das Pablo Held Trio 2008 sein erstes Album veröffentlichte, haben die Musiker offensichtlich eine neue Heimat bei dem im Jahr 2008 von Dave Stapleton & Tim Dickeson gegründeten britischen Label Edition Records gefunden. Bereits die erste Veröffentlichung des Trios im Frühjahr 2018 „Investigations“ überzeugte. So konnten nicht nur Fans aufatmen, die Zukunft dieses einzigartigen Trios war in trockenen Tüchern. In der Zwischenzeit haben Pablo Held, Robert Landfermann & Jonas Burgwinkel parallel Erfahrungen in anderen Bands oder Projekten gesammelt und sich entsprechend weiterentwickelt. Mit „Ascent“ erscheint nun die zweite Veröffentlichung auf Edition Records. Auch wenn der Titel offiziell unter dem Namen „Pablo Held“ läuft, präsentiert sich hier lupenrein das Pablo Held Trio, das sich als für das Album und die Musik prägenden Gast den inspirierten brasilianischen Gitarristen Nelson Veras dazu geholt hat. Zentrales Konzept des Trios ist nach wie vor sich beim Musizieren auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Schwerpunkt darauf zu legen was musikalisch wichtig ist und Ballast wegzulassen. Mit Nelson Veras Spiel auf der akustischen Gitarre funktioniert das tadellos. Der Opener „Unlocking Mechanism“ beginnt …

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Out Of The Box Festival - Foto: TJ Krebs

AAHHH  –  OH: Das Münchner Musikfestival „Out Of The Box“

Raus aus gewohntem Umfeld und rein in Erlebnis-, Gefühl- und Klangwelten für alle Sinne. Staunen, Assoziationen, Experimente,  Horizonterweiterung, Improvisation, Musik, Soundscapes, Jazz not Jazz vereint dieses Festival, das in diesem Jahr zum zweiten Mal von der whiteBOX im Münchner Werksviertel veranstaltet wurde. „Out Of The Box“ ist das zur Zeit wohl außergewöhnlichste Musikfestival Münchens. Das Motto der whiteBOX als Plattform und Bühne für internationale Künstler, kreative zeitgenössische Formate abseits des Gewohnten und Gewöhnlichen zu präsentieren, ist auch dieses Jahr wieder voll aufgegangen. Als Festivalbetreiber muss man natürlich auch Glück haben – es lässt sich nicht immer alles planen, vor allem wenn man Natur und Wetter mit in sein Programm einbezieht. So galt es im Vorweg Eis am Weißensee zu ernten für die Instrumente, die Terje Isungset daraus für seine Konzerte kreiert und die bei warmen Temperaturen logischerweise anfangen zu schmelzen. Dieses Jahr konnten wetterbedingt  alle ICE MUSIC Konzerte Open Air auf dem Dach des Gebäudes Hoch 5 im Werksviertel stattfinden. So kamen die Zuhörer vor imposanter Kulisse in den Genuss der einzigartigen Klänge von aus Eis geschnitzten Hörnern, einer Eisharfe, Eisbass, verschiedener Eistrommeln oder ein …

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