Lee Konitz. Fotos: Thomas J. Krebs

Dialoge und Rhapsodien – ein Nachruf auf Lee Konitz

Der am 13. Oktober 1927 in Chicago geborene Altsaxophonist Lee Konitz zählte zu den Erfindern und Virtuosen des sogenannten Cool Jazz. Mit seinem linearen Spiel prägte er Musiker wie Paul Desmond, Bill Evans, Hans Koller, Albert Mangelsdorff und schließlich sogar Avantgardisten wie Anthony Braxton. Im Andenken an den gestern in Greenwich Village im Alter von 92 Jahren verstorbenen Künstler veröffentlicht die JazzZeitung eine Laudatio auf Lee Konitz, die Andreas Kolb am 11. Juli 2013 anlässlich der Verleihung der German Jazz Trophy 2013 in  Stuttgart hielt. Fotos: Thomas J. Krebs Dialoge und Rhapsodien „Als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte“, sagte Johann Wolfgang Goethe über das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach. Von der Musik als Klangrede sprach der Dirigent Nikolaus Harnoncourt als er in den 80ern einen neuen Zugang zur Alten Musik suchte. Im Sektor des Jazz führte unser heutige Gast und Preisträger Lee Konitz mit die spannendsten und aufregendsten Musik-Diskurse – und das über sieben Jahrzehnte hinweg. Zu den wunderbarsten musikalischen Konversationen, die ich kenne, zählen die Duos von Lee Konitz mit „Gesprächspartnern“ wie Joe Henderson, Elvin Jones, Eddie Gomez, Karl …

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Mit Shearings Akkorden groß geworden, die eigene Handschrift gepflegt: Zum Tod des Göttinger Pianisten Reinhard Giebel

Am Sonntag, den 8. März 2020, ist der Wuppertaler Jazzpianist, Dolmetscher, Lehrer und Autor Reinhard Giebel im Alter von 80 Jahren gestorben. Der gebürtige Göttinger war Mitbegründer des Gunter-Hampel-Quintetts und spielte zu Lebzeiten mit Künstlern wie Benny Waters, Long John Baldry, Olaf Kübler, Werner Lüdi, Herbert Joos, Buschi Niebergall und vielen mehr. Giebel spielte in den 1970er-Jahren in einigen Wuppertaler Ensembles und war in den 1980-Jahren als Jazzkritiker tätig. Außerdem veröffentlichte er einige LPs, CDs, und Bücher. Eine ausführliche Diskografie, ein Nachruf von Giebels Verleger Alfred Miersch und ein Interview aus dem Jahr 2004, das Giebels musikalische Ausbildung und seinen Werdegang portraitiert ist abrufbar bei https://www.jazzage.de/pdf/Giebel_Interview_Nachruf_Disko.pdf Das Beitragsfoto von Reinhard Giebel machte Gerd Neumann

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Helmut Nieberle
Helmut Nieberle. Foto: Juan Martin Koch

Der übers Griffbrett tanzt – zum Tod Helmut Nieberles

Das kann einem als jungem Jazz-Novizen schon mal passieren: Da lauscht man einer Swing-Combo und ordnet das aberwitzige Speed-Solo jenem Instrumentalisten zu, der mit vollem Körpereinsatz in die Saiten greift. Erst später wird einem klar, dass es sich hierbei um den Rhythmus-Gitarristen handelt… Der Solist ist jener, der da ganz ruhig und mit leicht verschmitztem Blick über sein Griffbrett tanzt: Helmut Nieberle. Anfang der 1980er Jahre muss das gewesen sein. Die Combo war die „Rabo Swing Maschin“ Richard Wiedamanns, der den 1956 in Kaufbeuren geborenen Gitarristen als Lehrer an die Regensburger Sing- und Musikschule geholt hatte – allerdings erst, nachdem er sich in einer Session von seinem Spiel hatte überzeugen lassen. Durch Nieberles Geschick und seine Begeisterungsfähigkeit als Lehrer entwickelte sich die Stadt nach und nach zu einer Hochburg der Jazzgitarre, erst Recht, als sich ihm mit Hans „Yankee“ Meier und Helmut Kagerer weitere Saitenvirtuosen beigesellten. Mit Kagerer bildete Nieberle dann auch eine legendäre Duopartnerschaft, die 1991 mit dem Kultur-Förderpreis des Freistaates Bayern und 2007 mit dem Archtop Germany Award gewürdigt wurde. Der neugierige Traditionalist Entscheidend für Nieberles musikalische Berufung wurde nach autodidaktischer Beschäftigung mit …

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Der weite Raum der Sängerin Barbara Barth

Von Dietrich Schlegel. Für die Jazzsängerin Barbara Barth ist bezeichnend, dass auf sie dieser Begriff zu eng gefasst ist, denn sie besticht durch eine ungewöhnliche Bandbreite ihrer stimmlichen Präsenz. Folgerichtig zieht sie als Berufsbezeichnung auch „Stimme“ / „Voice“ vor. Die in Köln lebende Saarländerin bewegt sich bewusst zwischen den Polen swingender Standards und mit Elektronik experimentierender Avantgarde. In diesem weiten Spielraum bringt sie Erstaunliches an Klängen, Lauten, Geräuschen hervor, mit einer Stimme, die glasklar in den Höhen und voller Wärme in den tieferen Lagen klingt. Sie kann scatten like hell, fauchen, kreischen, flüstern, hauchen und auch wunderschön alte Songs singen, ein bestechender Reichtum an Facetten und Nuancen, dokumentiert auf bereits vier Alben. Eines nennt sie selbstbewusst „This is… Barbara Barth“. Zugleich bleibt sie selbstkritisch und bekennt „I’m still on my way…“ Von der Klassik zum Jazz Ihr Weg führte Barbara Barth, die 1983 in dem kleinen Dorf Braunshausen bei St. Wendel im Saarland geboren wurde, erst nach einem längeren Vorlauf zum Jazz. Gern gesungen hat sie schon als Kind und als Schülerin, sang in verschiedenen Chören, nahm dann an der Kreismusikschule in St. Wendel auch …

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Musik out of the Baustelle: Der Pianist Alain Roche beim Festival „Out of the Box“ im Münchener Werksviertel

Nach seiner Premiere im Januar 2019 wird das Festival Out Of The Box auch vom 10. Januar bis 2. Februar 2020 außergewöhnliche Orte im Münchner Werksviertel-Mitte bespielen. Der Veranstalter whiteBOX geht im neuen Jahr nicht nur mit Eismusik aufs Dach oder mit Musik unter Wasser, sondern sie schwebt mit „Piano vertical“ in schwindelnder Höhe.  Die Schweizer Produktion des Pianisten und Komponisten Alain Roche ist atemberaubender Stunt, urbane Poesie und technologisches Meisterstück in einem. „Piano vertical“ wird am 24., 25. und 26. Januar 2020 jeweils bei Tagesanbruch um 7.00 Uhr morgens auf dem Grundstück des zukünftigen Konzerthauses stattfinden. Alain Roche hängt dabei mit seinem eigens dafür konstruierten Konzertflügel in schwindelerregender Höhe von einem Baukran. Andreas Kolb, neue musikzeitung und JazzZeitung.de, begleitete den Künstler bei seinem ersten Gang über die Baustelle und bei seinen Gesprächen mit Vertretern von  staatlichem Bauamt und Bauträger des Werksviertel-Mitte. Im Anschluss nützte er die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Schweizer Höhen-Pianisten. Andreas Kolb: Alain Roche, wann haben Sie begonnen, hängendes Klavier zu spielen? Welche Idee steckt dahinter? Alain Roche: Alles begann 2013 in CICR Museum in Genf. Die Idee war, den …

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Eine ungewöhnliche Big Band – das Fuchsthone Orchestra

Von Dietrich Schlegel – Es hat sich zusammengefunden, was längst zusammengehört: Die Saxophonistinnen Christina Fuchs und Caroline Thon haben ihre Erfahrungen mit großorchestralem Jazz gebündelt zu einer neuen Big Band – das Fuchsthone Orchestra, das mit ersten Konzerten in Köln, Dortmund, Wuppertal und Aachen begeisterte. Ungewöhnlich ist allein schon die kooperative Leitung der Band durch zwei Musikerinnen. Und ungewöhnlich ist, was sie mit dieser Band bereits geschaffen – und möglicherweise noch vorhaben. Die beiden in Köln lebenden, mehrfach ausgezeichneten Jazzmusikerinnen kennen sich seit langem. Beide haben  neben ihrer instrumentalen und solistischen Arbeit immer auch kleinere und großorchestrale Formationen geleitet – Christina unter anderen das No Tango Quartett und das Duo KontraSax sowie das von ihr 1994 mitbegründete, bis 2009 bestehende United Women’s Orchestra. Caroline war vor allem mit dem Quintett Patchwork , von 2009 bis 2019  mit ihrem Thoneline Orchestra und letztlich auch mit dem  international besetzten und preisgekrönten Ensemble EURASIANS UNITY erfolgreich. Ihren Big Bands, die – und das war der eigentliche Sinn ihrer Gründung – ausschließlich Kompositionen und Arrangements ihrer Chefinnen spielten, widmeten Christina Fuchs und Caroline Thon in jenen Jahren all ihre …

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#10: JAZZ MOVES TV zu Gast im Knust

In Hamburg sagt man Knust 1.Teil: Jazzhouse Wer an Jazz in Hamburg denkt, dem kommt das Knust vermutlich nicht als erstes in den Sinn. Dabei hat der Club, der heutzutage vor allem Rock-, Pop- und Metal-Konzerte präsentiert und gerne zum Fußball gucken einlädt eine ganz andere Geschichte. 1966 eröffnete das Knust nämlich unter dem Namen Jazzhouse und machte diesen Namen zum Programm. Knapp fünfzig Jahre später wurde diese Tradition mit der Reihe Jazzhouse wieder zum Leben erweckt und gehört heute zu den bestbesuchten Jazz-Reihen in Hamburg. Amélie und Sophie waren mit der Kamera vor Ort und haben sich von Mitinitiator Tim Peterding erzählen lassen, was und wer hinter Jazzhouse steckt. Nachzugucken wie immer im JAZZ MOVES TV: https://www.youtube.com/watch?v=Eae0xQU4cmc

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Saxophonistin Carolyn Breuer räsoniert über 35 Jahre Jazz

Ende Juli hat die Saxophonistin Carolyn Breuer den Reigen der „Jazz Summer Weeks“ in der Unterfahrt eröffnet, mit dem der Münchner Jazzclub seit vielen Jahren nicht nur der Sommerflaute trotzt, sondern auch meist heimischen Musikern Gelegenheit gibt, über fünf Tage am Stück ein Projekt zu entwickeln oder gleich mehrere vorzustellen. Breuer stellte dabei ihr neues Quartett vor, an den letzten beiden Tagen auch um Gäste und das Eidos Streichquartett erweitert. Und zwar unter dem ganz persönlichen Titel „Celebrating 35 Years of Jazz“. Die ersten fünfzehn hat die Tochter des Pianisten und Ex-Posaunisten Hermann Breuer zum Studium und Karrierestart in Amsterdam verbracht, den Rest in der Münchner Szene. Zeit für eine Bestandsaufnahme – Oliver Hochkeppel traf sich mit Carolyn Breuer zum Interview. Oliver Hochkeppel: Haben Sie für sich persönlich erreicht, was Sie sich zu Beginn ihrer Karriere vorgenommen haben? Carolyn Breuer: Ich anfangs eine Zahl im Kopf. Mit zwölf hatte ich mit dem Saxophon angefangen, mit 15, als ich die ersten Gigs spielte, entschied ich mich, Musikerin zu werden und dachte mir: Mit 26 kannst du spielen. Ich weiß nicht, warum. Witzigerweise war das dann auch …

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Die Trompeterin Heidi Bayer – ein Porträt

„Es macht mir einfach keinen Spaß, andere nachzuspielen“ – Sie hat sich als feste Größe in der Kölner Jazzszene und vielerorts in Deutschland etabliert. Sie spielt gleichermaßen gern in Bigbands wie in kleinen Formationen, seien es die von Kollegen oder in ihrer eigenen Band. Sie beherrscht ihre Instrumente Trompete und Flügelhorn meisterhaft. Sie liebt Jazz und interpretiert ihn auf ihre ganz eigene Art. Sie hat in beeindruckender Weise ihren Weg aus dem fränkischen Kulmbach, wo sie 1987 geboren wurde, über Studien in Marburg, Mainz und Miami bis in die vitale rheinische Szene zurückgelegt – die Jazzmusikerin Heidi Bayer. Im Gespräch erweist sie sich als zugewandte, ernsthafte als auch humorvolle und lebensfrohe junge Frau. Ihr Curriculum Vitae könnte als Vorbild gelten für junge Jazzmusikerinnen, die fest an sich glauben, unentwegt an sich arbeiten, um sich in der noch immer männlich dominierten Jazzwelt zu behaupten und sich schließlich eine Existenz als  professionelle Musikerin aufzubauen. Dabei wurde sie, wie sie nicht müde wird, dankbar zu betonen, während ihrer musikalischen Ausbildung stets von ihren Eltern unterstützt. Das war nicht selbstverständlich, denn sie und ihr älterer Bruder wuchsen keineswegs in einem …

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