Csaba Palotaï: Widerborstigkeit, die man mögen lernt

Der Kerl scheint ein gitarristisches Chamäleon zu sein. Das Konzept des auf BMC bereits mehrfach als Bandleader vertretenen ungarischen, in Paris lebenden Gitarristen Csaba Palotaï ist schwer greifbar. Mal wirken die Solo-Gitarrenstücke wie ein ferner, aufgehübschter Wiederhall der melodisch kargen Klangarbeit eines Loren Mazzacane Connors, mal erinnert diese Musik an die – allerdings vom Blues befreiten – John-Lee-Hooker-Sounds des Films »The Hot Spot«, mal rufen sie Klang-Erinnerungen an Marc Ribots CD mit den Los Cubanos Postizos wach, mal sogar an Gary Lucas’ Gitarre für Captain Beefheart. Man kann es sich nicht bequem machen in ihnen. Obwohl Palotaïs Solo-Stücke nicht nach Freejazz oder nach Experimentalmusik klingen, wirken sie irgendwie sperrig – sogar dort, wo sie lyrisch klingen. Garagen-Jazz nennt der Künstler selbst seine Kreationen. Wer zuvor die drei CDs der Gruppe von Palotaï ausführlich gehört und genossen hat, erhält hier eine reduzierte, karge, transparente und insofern »gnadenlosere« Variante von Palotaïs Ideen. Das ist eine Herausforderung – aber die anzunehmen kann sich lohnen. Wir hören hier »Songs«, die nicht durch ausschweifende Improvisationen brillieren wollen, sondern mit der Synthese aus Klang und Komposition. Eine skurrile Widerborstigkeit, die man …

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Gyula Babos: Wie die Weitergabe des Feuers klingt

Der Krabbenfänger (Rákfogó). So hieß eine Gruppe in Ungarn, die in ihrer Kernform nur kurze zwei Jahre von 1972 bis 1974 existierte und die trotz der Tatsache, dass sie damals keine LP veröffentlichen konnte, bis in die Gegenwart hinein einen großen Einfluss auf den ungarischen Rock- und Fusion-Jazz ausübte. Rechnet man die Vorgängergruppe »Új Rákfogó« und die personell verbundenen Bands »Syrius« und »Kex« dazu, existierte damals ein Pool von exzellenten Musikern, aus dem sich bis heute immer neue, brillante Musik entwickelt. Aktuelles Beispiel: Die CD »Makrokozmosz« des Gitarristen Gyula Babos. Die Musik auf dieser CD scheint wie eine Vertonung des bekannten Mottos von Thomas Morus zu sein, das – zum Beispiel – Gustav Mahler so formulierte: »Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.« Schon mit dem ersten Stück der Scheibe – gewidmet dem in der Ungarischen Tiefebene in der Mitte des 19. Jahrhunderts aktiven Räuber und Revolutionär Sándor Rózsa, einer Art ungarischem Robin Hood – wird loderndes Feuer weitergegeben! Rasante Themen und Motive erinnern an die Ästhetik Miles Davis’ (Trompete hier der grandiose Kornél Fekete-Kovács) an der Schwelle zu »Bitches …

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Prager Gitarrist Radim Hladík verstorben

Radim Hladík lebt nicht mehr. Der Super-Jazzrock-Gitarrist aus Prag verstarb kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag am vergangenen Sonntag an den Folgen einer Lungenfibrose. Von Mathias Bäumel – Älteren Rockfans in der DDR haben Hladík erstmals schon in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre wahrgenommen – als Gitarristen der Gruppe Matadors, deren Langspielplatte in der tschechischen Inland-Version 1968, in der Export-Version etwas später erschienen war. Die Gruppe begeisterte von 1966 bis 1968 nicht nur mit zahlreichen, hexenkesselartigen Live-Auftritten in der DDR und der CSSR, sondern auch mit den an Blues-Rock und Merseybeat erinnernden, fulminant klingenden Titeln dieser LP. Rückblickend erwies sich diese Band auch als »Kinderstube« der wichtigsten tschechischen Jazz- und Prog-Rock-Gruppe überhaupt – Blue Effect –, die 1968 von Radim Hladik gegründet wurde. Und Blue Effect war sofort präsent. Auf dem Meisterwerk »Coniunctio« (mit Jazz Q Prag) kam es zur Begegnung von Free Jazz und freiem Rock – eine Mischung, wie es sie in einer solchen Stilistik bis dahin noch nirgends auf der Welt gegeben hatte. Die Musiker griffen die von Ornette Colemans »Free Jazz«-Platte (1961) inspirierte Idee der doppelten Rhythmusgruppe auf und ergänzten sie mit …

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Jazz mit viel Pep und einer Portion Glück – Ugurel-Hengst-Meinold alias Pep Ventura mit neuer CD

In Barcelona gibt es eine Metro-Haltestelle namens Pep Ventura. Ob die drei Musikanten sich dort besonders gern getroffen und deswegen ihren Bandnamen gewählt haben, war mir zunächst nicht bekannt. Diese Station ist nach einem katalanischen Kultmusiker – José María Ventura Casas, genannt Pep Ventura – benannt, der für die katalanische Volksmusik, deren Tänze und Ensemblebesetzungen, sehr wichtig war. War Pep Ventura der Namensgeber für Pep Ventura? Die Titel auf der CD klingen häufig sehr enigmatisch – wer wüsste schon ohne Begleitinformation aus dem Internet, dass mit „Der Kwisatz Haderach“ ein Wesen in der Science Fiction-Trilogie Dune gemeint ist und was das mit dem Musikstück zu tun hat? Andere Stücke haben Namen, deren Bedeutung nur dem tief Eingeweihten etwas sagen. So ist, beispielsweise, „Jaume I“ dem Gitarristen Jaume Llombart gewidmet, der dem Bandchef Christian Ugurel den sechsten Modus der Messiaen-Skalen näher gebracht hat – die Komposition verwendet folgerichtig nur Töne dieses Modus. Doch eigentlich kann das Komplizierte ganz einfach sein: Pep Ventura heißt die Band ihrem Chef zufolge, weil „wir den Namen inspirierend fanden“. Er erklärt weiter: „Pep klingt nach Pep, Ventura nach Abenteuer. Dass es …

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Paradiesischer Saxophonsound von Frank Gratkowski

»Z-Country Paradise«, Z-Paradise Records/nrw distribution Sie gehören zur Creme des zeitgenössischen Jazz, haben auch Erfahrungen in anderen Bereichen gesammelt – und klingen so wuchtig, verrückt, erfrischend, provokativ wie Captain Beefheart, wie Broken Heart Collector, Zoogz Rift oder die Flying Luttenbachers. Klar – die Instrumentierung von Frank Gratkowskis »Z-Country Paradise« weicht von denen der genannten Bands durchaus ab, aber der Freigeist, die raffinierte Rhythmik, die Expressivität, die Offerten des Unerwarteten, auch manche musikalische Skurrilität sprechen eine eindeutige Sprache: Mit Z-Country Paradise ist eine Band geboren, die die Hochglanz-All-Inklusive-Ressort-Musik à la Tom Gaebel, Torsten Goods oder Viktoria Tolstoy mit Stürmen sauerstoffreicher Frischluftwirbel hinwegfegen kann. Die Serbin Jelena Kuljic singt Texte von Arthur Rimbaud, dem serbisch-stämmigen US-Amerikaner Charles Simic und der in Amsterdam lebenden kanadischen Künstlerin Gabriele Günther, und ihr Gesang wirkt eindringlich, gewagt, entfesselnd. Kann sich jemand eine rasende Fahrt mit dem Motocross-Motorrad über die zerklüfteten Schrammsteine im Elbsandsteingebirge vorstellen? Frank Gratkowski (as, bcl) selbst nennt diese seine Band eine Traum-Band. Ich kann dem Meister da nur Recht geben: Traumhaftes Zusammenspiel (Christian Marien, dr; Oliver Potratz, b; Kalle Kalima, g), zum Mit-der-Zunge-Schnalzen (ein »Träumchen«), zum Träumen einladend, …

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Umwerfend schön: „Bell presents Obsessions“ – eine CD

Von Mathias Bäumel – Was für ein Wiederhören! Zugegeben: Ich hatte den Namen fast schon vergessen, nun „leuchtet“ er umso mehr. Boris Bell war der Drummer der einstigen deutschen Geheimtipp-Band Frigg, die mit ihren CDs auf 99Records und den Konzerten zwischen 1995 und 2000 zwar die gesamte deutsche Szene in Verzückung spielte, leider es aber doch nicht ganz schaffte, New York zu erobern! Auch an die raffinierten Duette mit dem Pianisten Benoît Delbecq (»Anschläge«) vor fast zwanzig Jahren kann ich mich erinnern. Und nun, nach so langer Pause, diese umwerfend schöne, überraschende, abenteuerliche, vielseitige Musik! Silke Eberhard (as, bcl), Nikolaus Neuser (tp), Antonis Anissegos (p, wurlitzer) und eben Boris Bell schaffen ein klingendes, vierzehnteiliges Meisterwerk zeitgenössischer Musik. Es ist eine Musik der Bewegung – aus Motiven entwickeln sich Melodieketten, die wieder verglühen, verschwinden und in neue Motive einsickern. Es ist eine Musik der Begegnung. Rockige Riffs treffen auf jazzige melodische Ideen. Es ist eine Musik der Kontraste. Irrlichternde, silbrig wirkende Soli werden gestoppt von einem einzigen Ton oder münden in rhythmisch stark akzentuierte, straffe Melodieketten. Jeder der vier Instrumentalisten brilliert mit Ideen und Spieltechnik, und …

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Musik aus Stadt und Sand – Rudi Mahall und István Grencsó veröffentlichen CD „Marginal Music / Rétegzene“

Von Mathias Bäumel – Da treffen zwei der fulminantesten und ausdrucksstärksten Holzbläser ihrer Länder – der Deutsche Rudi Mahall und der Ungar István Grencsó – aufeinander, und was wird gespielt? Eine zwar kraftvolle, aber dennoch überaus lyrische, atmosphärische Musik. Die beiden kommen bekanntlich aus verschiedenen Freejazz-Kulturkreisen. Mahall ist stark geprägt von der Berliner Großstadt-Jazz-Atmosphäre, ist bekanntgeworden durch Gruppen wie Der Rote Bereich, Günter Adler oder Die Enttäuschung, durch seine Zusammenarbeit mit Aki Takase und vor allem durch seine Mitwirkung am Projekt „Monk’s Casino“, der einzigartigen Einspielung der Kompositionen Thelonius Monks. Mahall steht für eine souveräne Verbindung von Free Jazz mit Bebop und dem Großstadt-Jazz früherer Zeitepochen. Grencsó dagegen entstammt dem eher ländlichen Nordosten Ungarns, in dem auch slowakischer, ukrainischer und rumänischer Kultureinfluss spürbar ist. Seit mehr als zwei Jahrzehnten mit eigenen Projekten eine individuelle Stimme im Jazz Ungarns, zeigt sich István Grencsó doch stark geprägt vom großen György Szabados und dessen Balance von freien Improvisationen, folkloreinspirierten Melodien und vorgegebenen Strukturen. Durch seine Mitwirkung im Ungarischen Königlichen Hoforchester (Magyár Királyi Udvari Zenekar – MAKUZ) hatte Grencsó Anteil an der Einspielung der von György Ligeti hochgelobten CD …

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Neues aus dem Osten: Veranstaltungstipp TU Dresden und Rock-Buch

+++ Musikwelten aus der »Stadt der Winde« – (von Mathias Bäumel) +++ Am 29. Januar 2016 findet ein Konzert des Triestiner Duos WindRose als Auftakt eines Kolloquiums des Italienzentrums der TU Dresden statt: Kaum jemand vereint die Essenz der Kulturregion rund um Triest und Friaul Julisch-Venetien mehr in sich als Alfredo Lacosegliaz. Der Künstler, ein Kind slowenischer Eltern (der Name »Lakoseljac« wurde italianisiert), lebt und arbeitet in der ehemals österreichischen, seit Ende des Ersten Weltkrieges italienischen Hafenstadt, die vom Schriftsteller Veit Heinichen »Stadt der Winde« genannt wurde. Von Anfang nahm Lacosegliaz alle multikulturellen Einflüsse der Großregion auf, was seine Aktivitäten als Musiker und Textdichter geprägt hat. Nach allerersten, jugendlichen, eher rockigen Musikprojekten in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre gehörte Alfredo Lacosegliaz in der Mitte der siebziger Jahre zu den Mitbegründern der Triestiner Gruppe Giorni Cantati, für die er auch die erste LP mit einspielte. Diese Gruppe – sie existierte etwa 1974 bis 1979 – war ein typisch Triestiner »Kind«. Sie zählte zur sogenannten Folk Revival-Bewegung und spiegelte die Musik aus Julisch Venetien wider, Klänge verschiedener Nationalitäten, Italiener, Slowenen, Kroaten, Rumänen, Deutsche, Juden aus der …

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CD-Rezension: Grencsó Open Collective »Flat«

Improvisatorische Kraft, die Freude macht Von Mathias Bäumel – Wer glaubt, der Titel »Ivan’s Childhood« auf der vorliegenden CD »Flat« des Grencsó Open Collectives bezöge sich auf den gleichnamigen, ersten abendfüllenden Film von Andrej Tarkowski, der irrt. Gewidmet ist dieses Stück dem 1946 geborenen ungarischen Musiker (Gitarre, Flöten, Perkussion), Volksmusikforscher und Musikpädagogen Iván Nesztor. Nesztor hat viele seiner etwas jüngeren Musikerkollegen in Ungarn beeinflusst – sowohl durch seine Lehrtätigkeit – inklusive seiner Lehrbücher zum Jazzschlagzeug – als auch durch gemeinsames Musizieren. Als Deutscher ein ganzes Stück vom ungarischen Musikleben entfernt, weiß ich nichts darüber, wie Nesztors Kindheit verlaufen ist. Hört man das Stück, scheint sie sehr lebendig gewesen zu sein: Eine warm klingende, kräftige Bassklarinette skizziert eine optimistische, wie Zeichentrickfilmmusik wirkende Melodie, die immer mehr durchsetzt wird von skurrilen Ragtime- und Boogie-Phasen, schnellen melodischen Fetzen und verzögert durch rhythmische Dehnungen, bis die Musik in spielerische Tollheiten mündet. Was in diesem Stück im Kleinen erklingt, steht auch für das Ganze der CD. Stilisiert Altes steht im Kontrast zu forcierten, modernen, individuellen Soli, kräftige, vor allem stets sehr melodisch improvisierte Saxofonlinien werden gebrochen von splittrigen Piano-Clustern. Auch …

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Ungarische Klassiker „verjazzt“

Von Mathias Bäumel – Neue CD »Hungarian Jazz Rhapsody« von Mihály Borbély bietet Hingabe und Substanz Wie sagte einst meine ungarisch-jüdische Nenn-Oma aus Budapest auf meine Frage, wieso es bei ihr immer so gut schmecke? »Nun, man darf nicht nur mit Liebe kochen – man muss auch ein paar Zutaten hineingeben!« Diese ernst gemeinte, aber schalkhaft vorgetragene Weisheit hat mein Leben bisher mitgeprägt. Die Nenn-Oma liegt längst auf jenem jüdischen Friedhof in Budapest, auf dem auch der Komponist des Liedes vom traurigen Sonntag, Rezsö Seress, liegt, und ich selbst bin seither immer wieder auf der Suche nach der Verbindung beider Aspekte: Hingebung und Substanz, auch im Rahmen meines Interesses für Jazz. Kürzlich wurde ich diesbezüglich wieder einmal fündig. Und – wieder einmal – in der Musik des ungarischen Saxofonisten und Tárogató-Spielers Mihály Borbély. Der hat, nach seinen großen Würfen, den Veröffentlichungen »Hommage à Kodály« und »Meselia Hill«, nun ein Album herausgebracht, das sich unter dem beziehungsreichen und von Attila Zoller stammenden Namen »Hungarian Jazz Rhapsody« einigen Kompositionen der ungarischen Populärmusik zuwendet, älteren und nicht so alten. »Várj, Míg Felkel Majd A Nap« (Warte bis die …

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