Obrigado – ihr seid unglaublich! Jazz, Naturklänge und brasilianische Regenwaldstimmung im Leeren Beutel
Beim Anblick des Amaro Freitas Trio, das durch den Mittelgang im Leeren Beutel Regensburg die Bühne enterte, konnte man auf die Idee kommen, ein Konzert mit wenig Abstufungen und Nuancen stünde bevor. Zwei der Musiker, Bassmann Sidiel Vieira und Rodrigo Braz am Schlagzeug waren ganz in weiß gewandet, lediglich Namensgeber Freitas am Flügel trat in schwarz auf, dem internationalen Bekleidungscode der Kunstszene.
Nach dem ersten langen Stück, das vor Energie, Tempo und Abwechslung barst, war diese einschränkende Vorstellung komplett pulverisiert. Was der Pianist aus dem nordöstlichen Brasilien in diese Komposition alles hineingepackt hat, würde bei manchen anderen Musikern für ein ganzes Album oder mehr reichen. Es fanden sich darin brachiale freie Passagen, die in der Form, weniger in der Kompromisslosigkeit und Härte an Cecil Taylor erinnerten.
Genauso gut schien der 35-jährige Tastenzauberer auch den üppigen Stil eines McCoy Tyner, wie becircende Minimalisten und moderne Romantiker des Klaviers zu kennen. Abrupt wechselte er vom wilden funkensprühenden Ritt in eine fast süßliche Melodie, die mit rhythmischer Raffinesse von seinen Mitmusikern gebrochen wurde. Dann nahm das Spiel Freitas wieder Fahrt auf und steigerte sich zur orchestralen Klangfülle, bevor es sich in einem befreienden Taumel entlud.
Was sich zunächst wie zeitgenössischer Jazz anhörte, der basierend auf der Jazzgeschichte aus vielen Quellen schöpft, bekam gegen Ende eine eigene kulturelle und regionale Verankerung. Brasilianische Rhythmen schoben sich in den Vordergrund und dockten den dichten hochemotionalen Sound an die Traditionen dieses riesigen Landes an. Damit stehen die drei Musiker in einer Linie, die von den frühen Bossa Nova Erfindern Antonio Carlos Jobim und Joao Gilberto über Egberto Gismonti bis zum – im vergangenen Jahr verstorbenen – Hexenmeister Hermeto Pascoal reicht. So hat sich auch Amaro Freitas in seinem letzten Album „Y’Y“ mit indigenen Kulturen Amazoniens und deren Verbindung zur Natur, zu Flüssen und Wäldern beschäftigt und dieses Wissen in einzigartige Stücke fließen lassen.
Nach der Pause eröffnete der Pianist den zweiten Teil des Abends mit langen vocals und schwebenden Sounds, die er über ein Effektgerät kreierte, das er im Flügel verankert hatte. Nach und nach kamen diverse Flöten hinzu mit denen er Vogelstimmen imitierte und Loops erzeugte. Eine imaginäre Landschaft von Regenwald, Naturgeräuschen und Tierstimmen verband sich mit den jazzigen Klängen von Bass und Schlagzeug zu einem gewaltigen musikalischen Epos. Es war und ist eine Hommage an die Kraft der Natur und gleichzeitig eine Mahnung Flüsse, Wälder und Lebewesen ebenso zu achten, wie die magischen Lektionen alter Kulturen. Denn ihre Bedeutung für unser eigenes Überleben – so die unausgesprochene Botschaft – kann uns heute weiterbringen.
In dieses machtvolle musikalische Gemälde band Freitas dann auch das Publikum mit einfachen Melodien und Liedzeilen ein. Auf rituelle Weise schuf er für kurze Zeit eine Verbindung als Form und Ausdruck menschlicher Gemeinschaft über Grenzen und Trennendes hinweg. „Obrigado! You are incredible“, „danke, ihr seid unglaublich“, freute er sich mit warmer, weicher Stimme und man musste diesem kräftigen, großen Mann eine gewisse Rührung abnehmen. Mit lautstarkem Beifall überschlug sich das Publikum vor Begeisterung.
Beitragsbild: Amaro Freitas Trio, Foto: Michael Scheiner