Aus dem „Jazz auf dem Bauernhof“, wie Gründer und Veranstalter Paul Zauner sein auf dem elterlichen Bauernhof in Diersbach nahe Schärding gelegenes „Inntöne Festival“ im Untertitel treffend beschreibt, wurde in den vergangenen Jahren ein echtes Jazz-Woodstock. Denn wegen und seit Corona verlegte er die drei Tage von Pfingsten in den Juli und von der Scheune auf die Wiese, samt großer Open-Air-Bühne. Das Risiko aber war zu groß. Hätte es im vergangenen Jahr einen Tag länger geregnet, wären die Böden für Bühnenaufbau, Camping und Parken nicht rechtzeitig getrocknet. Auch das Problem mit der Sommerhitze deutete sich stark an, heuer wären wohl einige umgekippt. Aber Zauner ging diesmal in den August und holte zumindest die Haupt-Acts zurück in die Scheune. Der Stimmung tat dies – fast erstaunlicherweise – keinen Abbruch.
Ein Jazz-Volksfest kann man jetzt nennen, was sich zwischen der – erstmals eigens zu buchenden – Scheunen-Hauptbühne, dem überdachten Biergarten im Hof und den gleich drei Nebenbühnen abspielte, einer (kleineren) Open-Air-Bühne, dem bereits bewährten „St. Pigs Club“ (dem ehemaligen Schweinestall) und dem „Blues Club“ im Keller des Nebengebäudes, in dem oben wieder eine Ausstellung der originellen Objekt-Trouvaillen von Alois Jurkowitsch zu sehen war. Ein Setting, das Zauners Motto entspricht: „Jazz ist wie Kochen: Mit vielen Gewürzen wird es nie fad“. So hatte das Programm heuer noch mehr Zutaten, als sie der ohnehin stets alle genreübergreifenden Jazz-Spielarten einbeziehende Paul Zauner bislang aufgeboten hatte.
Vom Frühschoppen mit traditioneller Blasmusik bis zur Mittelalter-Band mit Dudelsack und Laute reichte schon die Umrahmung. Und zwischen den fünf hochtalentierten Youngsters aus London, die Zauners britischer Einflüsterer Oliver Weindling (als Club-Mitgründer Label-Chef und Festival-Dauerreisender intimer Kenner jedes Jazzers der Insel) als „Vortex London Whirlpool“ gecastet und auf eigene Rechnung nach Diersbach geholt hatte, dem R’n‘B-Showman Blair Clark und dem witzigen Classic-Jazz-Entertainment der schwedischen Sängerin, Trompeterin, Posaunistin und Step-Tänzerin Gundhild Caring fand sich auf den Nebenbühnen auch feinster Modern Jazz: Recht kurzfristig hatte Zauner noch den Weilheimer Saxofon-Riesen Johannes Enders für eine Hommage an Pharoah Sanders engagiert, das der – durch sein Projekt „The Creator has a Master Plan B“ qualifiziert – mit Gene Calderazzo am Schlagzeug und Joris Teepe am Bass geradezu zu einer Weihestunde machte.
Aber auch auf der Scheunenbühne tummelten sich maximale Kontraste. Da war der französische Bassist Stephane Kerecki, der mit seinem exquisiten Quartett die Musik von Charlie Hadens Liberation Music Orchestra feinsinnig zum Statement aktueller politischer Entwicklungen machte. Da war das fast romantische Fusion-Solo des polnischen Klavier-Weltmusikreisenden Krzysztof Kobylinski. Der zwischen Ätherisch-Elegischem und purer Wucht vermittelnde, umjubelte Auftritt des unfehlbaren Trompeters Markus Stockhausen und seiner virtuosen Group, der zu den absoluten Höhepunkten gehörte. Die nicht zuletzt wegen ihrer musikalischen Komik hinreißende Freejazz-Verwandlung von Ellington im eingespielten Gespann der Pianistin Aki Takase und Daniel Erdmann (ein Wunder, wie das Publikum hier ernst bleiben konnte). Einen ebenfalls den üblichen Rahmen sprengenden Act hatte Zauner ebenfalls noch ganz kurzfristig ins Programm gehievt: Chris Jennings spannungsgeladenes und abwechslungsreiches World-Jazz-Projekt Drums & Koto mit Patrick Gorager an Santur und Schlagzeug und Mieko Miyazaki an der Koto, verstärkt durch Gitarrenstar Nguyên Lê. Wie schon beim Abschlusskonzert des Internationalen Gitarrenfestivals Hersbruck zwei Tage vorher war das ein fulminantes, von insgesamt 96 Saiten angeregtes Klangbad. Zehn Jahre lag dieses Projekt auf Eis, man wünscht sich sehr, dass es diesmal kontinuierlich weitergeht.
Aber auch – je nach Blickwinkel des Betrachters – Enttäuschungen gab es. Die im Vergleich zu Takase weit weniger strukturierten freien Klanggebilde des Quartetts vom Trompeter Luis Vicente wirkten mit der Zeit beliebig und ermüdend. Der britische Crooner Gavin Skeggs blieb den Nachweis schuldig, eine eigene Idee für sein Standard-Programm zu haben. Und auch das Repertoire von Dee Alexander war „bewährt“, um das Wort „altbekannt“ zu vermeiden. Immerhin ist ihr bluesiger und souliger Chicago-Jazzgesang authentisch.
Alles in allem hat Paul Zauners Festival-Rezept gemundet. Zumindest war für jeden Geschmack etwas dabei. Nach dieser weiteren gelungenen Transformation der Inntöne muss man sich wohl damit abfinden, noch einen Termin im Festival-überfluteten August rot einzutragen.
Text und Fotos: Oliver Hochkeppel
Das Titelbild zeigt Ngyuen Le