(Von Robert Fischer) Einmal ist immer das erste Mal. Die im Jahr 1983 in Madrid geborene, in der spanischen Hauptstadt auch aufgewachsene, seit 2011 in den USA lebende Marta Sánchez hat sich viel Zeit gelassen für ihr Solo-Debüt. Umso neugieriger durfte man sein, welches Konzept sich die in der zeitgenössischen Kreativmusikszene mit eigenen Bandprojekten sowie als viel gefragte Begleitmusikerin höchst aktive, auch international tourende Pianistin für dieses Debüt überlegt hat. Im Februar 2026 flog die Musikerin, die zuletzt 2025 mit dem Downbeat Critics Piano Rising Star Award ausgezeichnet wurde, für zwei Konzerte nach Deutschland, um das am 17. April erscheinende Soloalbum vorzustellen. Das erste der beiden Konzerte fand am 19. Februar in München statt, wo sie von Martin Kolb für seine verdienstvolle Reihe JAZZplus in die Seidlvilla eingeladen worden war.
Marta Sánchez ist leicht verschnupft. Erst an diesem Nachmittag kam sie nach einem langen Flug aus New York City, und nun sitzt sie schon in der Münchner Seidlvilla beim Soundcheck. Der ein bisschen länger dauert, denn ihr Soloalbum hat sie auf einem präparierten Klavier eingespielt, und diese Präparation gilt es nun für den Auftritt sorgfältig vorzubereiten. Wobei sie im Studio ausschließlich analoge Hilfsmittel wie Klebeband, Knetmasse, Magnete und Papier benutzte – für die Albumpräsentation am Abend wird sie auch auf einige digitale Effektgeräte zurückgreifen.
Schön irritierend – irritierend schön
Das Konzert zeigt dann eine bestens vorbereitete, sehr fokussiert zur Sache gehende Musikerin, die das präparierte Klavier weniger dazu nutzt, am offenen Flügel stehend perkussiv die Saiten mit Klangschalen und dergleichen zu traktieren, wie das etwa ihre ein Jahr jüngere Kollegin Jordina Millà gern macht, als vielmehr die Saiten so zu manipulieren, dass in ihrem mit linker und rechter Hand gleichermaßen virtuosen Spiel auf den 88 Tasten mal „normal“ klingende, mal verfremdete Töne zu hören sind. Das klingt im ersten Moment etwas irritierend, als wäre der Flügel „verstimmt“, dann aber auch gleich: irritierend schön. Das verfremdende Element fordert erhöhte Aufmerksamkeit, die die Pianistin mit einem spannenden, auf zwei Sets verteilten und vom Publikum begeistert aufgenommenem Konzert belohnt.
For The Space You Left
Im Anschluss an das Konzert ergab sich die Gelegenheit, der Musikerin einige Fragen zu stellen. Wobei die erste auch gleich die naheliegendste ist:
„For The Space You Left“ – wen oder was meint sie damit?
„Der Titel spielt auf verschiedene Dinge an. In den letzten Jahren hat sich viel verändert – wichtige Menschen und Aspekte meines Lebens haben sich verändert oder sind weitergezogen und haben Platz für Neues geschaffen. Das Album wurde vor über zwei Jahren aufgenommen, seitdem ist meine Mutter gestorben und einige wichtige Beziehungen haben sich weiterentwickelt – sie sind anders geworden, weniger intensiv oder enger als zuvor. Auch im Beruf, im Umfeld und im Alltag gab es Veränderungen. Ich würde sagen, dass sich abgesehen vom Tod meiner Mutter keine dieser Veränderungen negativ anfühlt. Dinge müssen sich verändern und weiterentwickeln, um Platz für das zu schaffen, was kommt. Aber ich wollte diesen Raum würdigen, diesen großen Raum, den manche Menschen, Situationen oder Orte in meinem Leben eingenommen haben und der sich danach leer anfühlte.“
In einer einsamen Waldhütte
Auch die nächste Frage bietet sich an: Warum erst jetzt?
Bereits kurz nach ihrem Umzug nach New York City gründete sie ihr Quintett, in dem neben Marta Sánchez selbst am Klavier Roman Filiu (as), Jerome Sabbagh (ts), Rick Rosato (b) und Daniel Dor (dr) spielen und mit dem sie bis heute vier hoch gelobte Alben veröffentlicht hat. Daneben leitet sie ein Trio mit Savannah Harris am Schlagzeug und Chris Tordini am Kontrabass, und sie arbeitet intensiv mit weiteren KünstlerInnen zusammen, etwa im David Murray Quartett, im Maria Grand Duo sowie in der Webber/Morris Big Band. Aber anders als andere Tastenkolleg:innen hat es Marta Sánchez ursprünglich nicht dazu gedrängt, solo zu spielen. Oder, wie sie das ausdrückt: sich „allein am Instrument zu öffnen“. Im Gegenteil, meint sie, das sei ihr „immer unangenehm“ gewesen.
Weil es ja manchmal hilfreich sein kann, den Stier bei den Hörnern zu packen, statt ihm aus dem Weg zu gehen, konzipierte sie ein Programm für präpariertes Klavier und bewarb sich auf eine MacDowell-Residency, die es ihr ermöglichte, 2017 in eine abgelegene Waldhütte bei Peterborough in New Hampshire zu ziehen. Sehr eindringlich schildert sie, wie sie inmitten winterlicher Schneestürme oft ganze Tage lang ohne jemanden zu sehen an den ersten Stücken ihres Soloprogramms arbeitete. Danach legte sie dieses aber erst mal wieder zur Seite, um an anderen Projekten zu arbeiten.
Alone, again
Erst in der Covid-Pandemie kam sie darauf zurück. In den ersten Wochen des Lockdowns schrieb sie einer engen Freundin, dass es nun an der Zeit sei, sich endlich ihren Soloprojekten zu widmen. Um sich in dieser unsicheren Zeit herauszufordern und gegenseitig zu motivieren, vereinbarten sie, jede Woche ein neues Stück zu schreiben. Also arbeitete sie erneut in völliger Isolation, aber diesmal in einem veränderten emotionalen Kontext: „Entspringen die MacDowell-Stücke der Einsamkeit und mangelndem Selbstvertrauen, so zeugen die Pandemie-Stücke von einer emotionalen Überforderung – obsessiven Kreisläufen, Abstraktion und einem gesteigerten Innenleben.“ Ob der Unterschied auch beim Hören des Albums wahrzunehmen ist, kann jeder für sich selbst überprüfen: „Frost Bloom“, Snowing in the Woods“, „Estalagtita“ und „One for Blake“ entstanden während der McDowell-Residency, die übrigen während der Pandemie. Wobei eines der „Pandemie-Stücke“, „The Regret“, im Kontrast zum übrigen Programm ohne Präparation gespielt wird. Ebenfalls nachhören kann, wer mag, die musikalischen Einflüsse aus der Anfangsphase des Projekts: „Ich habe mir damals viel afrikanische Musik angehört – insbesondere Marimba-basierte Traditionen und Vokalpolyphonie – und diese rhythmischen Empfindungen haben auch auf ganz natürliche Weise ihren Weg in das erste Stück des Albums, „Frost Bloom“, gefunden.
Live, at last!
In der Anfangsphase schrieb Marta Sánchez jedes Stück mit einer sehr spezifischen und komplexen Klaviervorbereitung. Doch nach den ersten Live-Aufführungen wurde deutlich, dass ein Wechsel der Vorbereitungen zwischen den Stücken unpraktisch ist und oft lange Pausen erfordert: „Daraufhin habe ich das Setup überarbeitet und eine einfachere, flexiblere Präparation entwickelt, die mit nur minimalen Anpassungen für den Großteil des Repertoires geeignet ist.“ Entstanden ist auf diese Weise eine melancholisch-zerbrechlich-offene Klangsprache, die live im Konzert ebenso überzeugt wie auf dem Album. Schlicht: schön!

Aktuelles Album:
Marta Sánchez: For The Space You Left
VÖ: 17.04.2026
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