(Von Stefan Pieper) Die 55. Ausgabe des moers festivals hat zu Pfingsten alles wieder auf Anfang gestellt. Nach einem Jahrzehnt in der Festivalhalle am Stadtrand ist das Festival zurück in die Innenstadt gekehrt: fünf Tage statt vier, eine große Freiluftbühne am Kastellplatz, dazu Kirchen, Clubs und zahlreiche weitere Spielorte drinnen wie draußen für circa 100 Konzerte insgesamt. Und drumherum Menschen aller Altersgruppen, die reichlich kamen – mit noch mehr kontroversen Meinungen und Empfindungen zum neuen Konzept.
Am Ende soll das Monster sterben. Teil drei von Gellért Szabós „Der moderne Mensch und der heilige Berg“ steuert auf der Open-Air-Bühne auf einen verstörenden Höhepunkt zu. Szabó selbst tobt, fuchtelt, treibt – und das hat etwas zutiefst Furchteinflößendes, umso mehr, als sein Leipziger „Ideal Orchestra“ dieser Raserei eine geradezu unheimliche Präzision entgegensetzt. Ein bizarres Hochamt aus Klangmassen und schauspielerischer Eruption, das zwei Tage zuvor in St. Josef noch auf ganz anderer spiritueller Wellenlänge funkte, als schließlich ein Bach-Choral spirituelle Erlösung spendete.
Erst durch Gleichgültigkeit werden die bösen Wölfe groß
Erlöst werden soll das Publikum in Moers von jenem Donald Trump, der in den Videoeinspielungen des STM-Schauspielers Matthias Hesse immer wieder auftaucht – ein Monster, das zu Macht gelangt, wenn man es lässt. Manche reagierten aggressiv auf diese theatrale Provokation: Ein Festivalwochenende brauche keine Diktatoren. Doch Gleichgültigkeit, so die Gegenrede des Festivalleiters Tim Isfort, lasse die bösen Wölfe erst groß werden. Genau deshalb will ein Festival wie Moers sein Publikum auch bei aller neuen Nähe zum Stadtleben aus der Komfortzone reißen.
Die Open-Air-Bühne am Kastellplatz ist ein attraktiver neuer Ort. Ja, es hat was, einen profanen Stadtraum für ein paar Tage in etwas vollkommen anderes zu verwandeln. Früher im Freizeitpark flutete das bürgerliche Publikum am Pfingstsonntag die Zeltstadt, oft mit voyeuristischem Blick. Jetzt ist das Festival den Moersern unmittelbar auf die Pelle gerückt. Eine Trennung zwischen drinnen und draußen gibt es kaum noch. Das Hochsommerwetter über alle fünf Tage half, dass diese Form von „Moersify“ die ganze Stadt mitschwingen ließ.
In diesem Setting musste sich eine der leisesten, fragilsten Musiken erstmal behaupten, nämlich. Morton Feldmans „Rothko Chapel“ , dargeboten mitten im Trubel der aufgeheizten Stadt. Tatsächlich gaben Hunderte diesem extrem leisen Stück eine Chance und lauschten konzentriert – trotz massiver Störgeräusche, vor allem aus der benachbarten Gastronomie und von einem hartnäckig bellenden Hund. Die Stadt nicht mehr als Kulisse mehr, sondern als Geräuschpartitur. Anders als Cages offene Klangräume vertragen Feldmans fein gewebte Texturen das Eindringen von außen aber schlecht – und der Kastellplatz zieht währen der fünf Tage auch zwangsläufig Menschen an, die mit der Musik des Festivals nichts zu tun haben wollen.
Geschützter verlief im Alten Landratsamt eine zweite Hommage zum hundertsten Geburtstag – diesmal an György Kurtág: Auszüge aus den Kafka-Fragmenten für Sopran und Violine, jene aphoristisch zugespitzten Miniaturen, in denen jeder Atemzug zählt. Ein konzentrierter Gegenpol zum offenen Klanggeschehen draußen.
Die ganze Welt kommt an den Niederrhein
Künstlerischer Aufruhr bleibt in Moers eine globale Angelegenheit. Riesiger Aufwand wird betrieben, um die ganze Welt an den Niederrhein einzuladen. Man muss das indonesische Duo Senyawa nur einmal erlebt haben: Wukir Suryadi bearbeitet sein elektrifiziertes Bambusinstrument, Rully Shabara hält mit erweiterter Vokaltechnik dagegen – mal Schrei, mal Gesang, mal Beschwörung. Gemeinsam türmen sie Drones zwischen Death Metal und Industrial auf, die schließlich sogar das Ordnungsamt auf den Plan riefen. Für Festivalleiter Tim Isfort eher ein Kompliment.
Musik mit Dreck unter den Fingernägeln gehört zum Kerngeschäft von Moers.Vor allem Frankreich setzte in dieser Hinsicht Akzente: Die junge Band Bonbon Flamme verbindet Metal-Einflüsse und Free Jazz, während Valentin Ceccaldi sein Cello bearbeitet, als wolle er dem Instrument die letzten Geheimnisse entreißen. Wie nah sich scheinbar fremde Welten kommen können, zeigte schließlich Burned Roads of Myanmar: Wenn Jan Klare in die unisono geführten Melodien der burmesischen Musiker einstieg, lag plötzlich nur ein Wimpernschlag zwischen traditioneller Spielkunst aus Myanmar und dem melodisch verschlungenen Gestus Ornette Colemans.
Empfindsame Gegenpole fehlten dennoch nicht. Bereits am Eröffnungsabend baute die Isländerin Lilja María Ásmundsdóttir in der Studiobühne des Schlosstheaters mit presence of a voice ihre Instrumente selbst – bizarre Konstrukte aus Saiten und Elektronik, aus denen sich vom bloßen Geräusch ausgehend allmählich eine elementare Lyrik emporschraubte. Erst musste man sich hineinfinden; am Ende applaudierten alle. Auch das ist Moers: die Geduld eines Publikums mit dem zunächst Sperrigen.
Gelebte Gegenwart
Eine leise, tief berührende Kraft entfaltete die Chicagoer Flötistin Nicole Mitchell mit ihrem Quartett Black Earth SWAY. Die einstige Präsidentin der legendären AACM hat ein reines Frauenkollektiv um sich versammelt, das „Afro-Folk-Futurism“ spielt: afroamerikanische Mythologie, Blues, Funk und experimenteller Jazz verschmelzen hier zu gelebter Gegenwart.
Was in Moers organisatorisch wie künstlerisch beeindruckt: Die Musikerinnen und Musiker verteilen sich über mehrere Spielorte und treten ständig in neuen Besetzungen auf. Wie selbstverständlich die jüngste Generation diese Bühnen bespielt, zeigte die Schweizer Bassistin Louise Knobil mit ihrem Projekt KNOBIL. Lakecia Benjamin spielte neben ihrem Hauptbühnen-Auftritt ein feines Duo mit Vibraphonist Jim Hart im Bollwerk – und Hart wiederum gehörte zur Formation der diesjährigen Improviser in Residence Evi Filippou. Vor allem in deren zweitem Teil wurde plötzlich ein Schalter umgelegt: Die Schlagwerker fielen gemeinsam übereinander her, ein perkussiver Sog entstand, der alles mitriss.
Der hohe Andrang stößt allerdings auch an Grenzen. Kleine Spielorte sind im Nu überfüllt; wer zu spät kommt, bleibt draußen. Die eigentliche Antithese zum neuen Konzept formulierte das Festival selbst – mit einem einzigen Konzert in der ehemaligen Festivalhalle, die sich heute nur noch Enni-Eventhalle schimpft. Und ja – auf Anhieb ist alles wieder da, was die Sache in ihrem Kern ausmacht: Nach der gleißenden Sonne draußen muss man sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Doch dann blitzt es darin auf: Die Klangmassen der Schlagzeuger Ches Smith und Chris Corsano, dazu Nate Wooleys siedend heiße Trompete.
Sofort durchschneidet jene fokussierte Intensität die Finsternis, in der sich alles vereint: Musik, Raumakustik, äußerste Hingabe und die Möglichkeit, sich hörend vollkommen zu versenken. Draußen im offenen Stadtraum läuft immer etwas mit. Hier sitzt man im Dunkeln und ist nur noch Ohr ohne irgendeine Reizüberflutung. Dieses spontan zusammengestellte Trio bündelte den kreativen Aufruhr des Festivals konzentrierter als alles andere – und wurde damit dem hundertsten Geburtstag von Miles Davis weit mehr gerecht als die wohlerzogene Perfektion jenes amerikanischen Jazztrios, das tags zuvor auf der Hauptbühne lief. Ohne Wenn und Aber: Die vor zehn Jahren mit immensen Fördermitteln eigens für das Festival ertüchtigte Halle bleibt als konzentrierter Konzertort allen anderen Lösungen überlegen.
Die eigene Unruhe als Überlebenselixier
Zwei Schlussgesten stehen exemplarisch für dieses Festival. Da ist Gordon Grdinas RU’YA, in der persische und arabische Einflüsse zusammenfinden: die starke Sängerin Ghalia Benali, Grdina selbst an Oud und Gitarre – und Texte, die den Finger in brennende Wunden legen, etwa wenn es um Gaza geht. Dann jener Moment, in dem die arabisch gefärbte Musik in freie Improvisation kippt: zwei Welten, die einander hörbar hochschaukeln. Spannend auch, Christian Lillinger einmal nicht als freien Improvisator zu erleben, sondern als zupackenden Motor einer treibenden Rhythmusgruppe. Und ja – diese Musik rockte gewaltig.
Und da ist schließlich Lakecia Benjamin mit ihrem Trio: großartig, wie sie und ihre Band den Kastellplatz zum Kochen bringen. Sie macht einen auf Coltrane, gewiss – bleibt dort aber nicht stehen. Dass der zweite Teil etwas redundantes Entertainment bot, geschenkt.
Dieser Relaunch, der auf Anhieb eine erfreulich neue Publikumsdurchmischung hervorbrachte – jünger, gemischter, unvorhersehbarer –, schafft neue soziale Andockpunkte für die mittlerweile 55 Jahre andauernde Mission von Moers. Am Ende dieser erstmals fünftägigen Ausgabe bleibt das Bild eines Festivals, das sein Überlebenselixier aus der eigenen Unruhe gewinnt. Tim Isfort denkt das Festival mit großer Beweglichkeit Jahr für Jahr neu, während andernorts viele Veranstaltungen längst zu statischen Gefäßen erstarrt sind. Allen Wölfen zum Trotz war diese Ausgabe ein gutes Festival. Ob es das bestmögliche ist, solange sein stärkster und aufwendigster Spielort weitgehend still bleibt, wird die Zukunft beantworten müssen. Denn worum es in Moers seit 55 Jahren geht, bleibt unverhandelbar: um die Qualität der Musik – und mindestens ebenso um die Qualität ihres Erlebens.