„Strengt euch an!“ – das Moers-Festival 2019 zeigte sich empfindsam für Menschen und Klänge

Stell Dir vor, ein riesiger, hölzerner Kampfpanzer „ziert“ die Bühne auf einem friedlichen Musikfestival und keiner begehrt dagegen auf. Dabei hatte Tim Isfort bei der jüngsten Ausgabe des Moers-Festivals ausdrücklich angeregt, sich durch Bemalen oder Besteigen des martialischen Ungetüms einzumischen. Denn das Motto fürs Moers-Festival 2019 lautete: „Strengt euch an!“ Vielleicht so wie damals, als 1968 die Panzer mit Blumen beworfen wurden, woran Günter Baby Sommer in einer Bühnenansage erinnerte…


WDR Bigband beim Moers-Festival 2019. Foto: Stefan Pieper

Angestrengt haben sich auf jeden Fall alle Beteiligten, mit der dritten Festivalausgabe noch einmal weit über sich selbst hinaus zu wachsen. Das Moers-Festival im dritten Jahr unter Leitung von Tim Isfort will ganz und gar Begegnung und Inszenierung sein.

Vorbei sind die Zeiten einer allzu radikalen Ästhetik der Brüche, stattdessen überspannen geschmeidige Bögen weite Horizonte. Isfort weiß, wen er auf die Bühne holt und warum. Es geht um Entdeckung, nie um den wohlfeilen Wiedererkennungseffekt. Also „versteckte“ sich auch der wohl bestbezahlte Artist in diesem Jahr,  Joshua Redman, im zugegebenermaßen etwas kryptischen Programmheft. Was ihn und die WDR Bigband sowie das Ensemble Musikfabrik aber nicht davon abhielt, zu einer grandiosen Jazz-Sternstunde unter Vince Mendozas Gesamtleitung abzuheben.

Wenn es um relevante Figuren in der aktuellen Szene geht, kommt man um den Schlagzeuger Christian Lillinger nicht herum. Er und seine Mitstreiter Christopher Dell sowie Jonas Westergard und Johannes Brecht favorisierten einen extrem direkten Diskurs, der auf stringenten, an der Neuen Musik orientierten logischen Prozessen aufbaut. Ein anderer Freigeist und genialer Rhythmiker ist Oliver Steidle, der  in seiner Band „Killing Popes“ ähnlich komplex und mit explodierender Leidenschaft die Halle zum Beben brachte.

Trondheim Voices beim Moers-Festival 2019. Foto: Stefan Pieper

Eine mutig-frische Herangehensweise, heutigen Jazz wieder aus zu viel Selbstbezogenheit zu befreien, pflegt die Saxophonistin Angelika Niescier: Deren fabelhaftes „New York Trio“ fusionierte mit den sirenenhaften Stimmakrobatinnen der „Trondheim Voices“. Spätestens hier stellten sich wieder einmal diese spezifischen Moers-Momente ein: Man ist irgendwo tief drin, denkt nicht mehr über das Woher? und Wohin? nach, fühlt sich beglückt und dankbar für neue Horizonterweiterung.

In vielen Gesellschaften und politischen Systemen ist kultureller Freigeist und Weltoffenheit gerade alles andere als auf dem Vormarsch. Umso mehr gilt es, sich kreativ anzustrengen und auch von Moers aus musikalische Appelle in die Welt auszusenden. Unlängst ist in Brasilien ein rechtsautoritärer Autokrat „gewählt“ worden, der wohl auch nicht als Symbolfigur für Tolerenz in die Geschichte eingehen wird.

Tom Zé beim Moers-Festival 2019. Foto: Stefan Pieper

Wie eine direkte, wütende Antwort wirkte, wie das Urgestein des politisch-künstlerischen Tropicalismo, der Sänger Tom Zé, sein innerstes mit geballter Exzentrik und bohrender Stimme nach außen kehrte. Die eingeblendeten Übersetzungen ins Englische halfen, die sarkastischen Seitenhiebe wenigstens ansatzweise zu verstehen. Der Beifall für alle Slogans und wütenden Gesten des 83-Jährigen zeigten, dass es viele ausdrückliche Anhänger des Brasilianers in die Festivalhalle gezogen hatte – ebenso wie Tom Zé ausschließlich für dieses Exklusivkonzert aus São Paulo nach Moers gekommen war!

In die Welt hinausreisen und dabei empfindsam für Menschen und Klänge sein, ist Sache des Saxophonisten Hayden Chisholm. Der gebürtige Neuseeländer, der schon von allen drei bisherigen künstlerischen Leitern nach Moers geholt wurde, lebt heute in Belgrad, wo er über die Musik Freunde fand – mit diesen zelebrierte er eine Musik, die sich aufgrund ihrer elementaren Kraft so ganz über jede Folklore erhebt. Tim Isfort und sein Team setzen sich einfühlsam mit ihrem Publikum und den Menschen in Moers auseinander. Eine Folge davon ist der Wille, die Atmosphäre wieder an den Ursprungsgeist anzugleichen: Neuerdings ist die Halle nicht mehr komplett mit Sitzreihen zugestellt, stattdessen gewährt ein großer Teppich vor der Bühne Freiraum zum Sitzen, Liegen und Chillen.

„Anguish“ beim Moers-Festival 2019. Foto: Stefan Pieper

Wer in Moers am Pfingstmontag verfrüht abreiste, der verpasste mal wieder ein eindringliches Finale, denn gerade hier wird nichts dem Zufall überlassen. Die Spannung wuchs und die Farben wurden zunehmend düsterer, ja psychedelischer zum Ende hin. An „Shoegazer“-Bands der 1990er erinnerte die Londoner Band „Black Midi“. Große Cowboyhüte beschatten die Gesichter der extrem jungen Musiker, dass diese kaum erkennbar sind. Warum auch – geht es doch hier um den treibenden, berstenden Wall of Sound aus verzerrten elektrischen Gitarren und peitschenden repetitiven Beats! Zum martialischen Panzer passte schließlich das gewaltige Finale: Schleppende Hiphop-Grooves, knarzende Illbient-Elektronikwände und ein gespenstisch klagendes Saxophon der deutsch-amerikanisch-schwedischen Band „Anguish“ umrahmten die Wortsalven von Rapper Dälek. Doch das Moers-Festival möchte nicht einfach Freifahrtscheine für den Untergang mit auf den Nachhauseweg geben, geht es doch darum, Menschen zu vereinen, die stärker als Kriegsgeräte sind. Und deswegen wirkte es umso befreiender als sich beim Abschlussevent im Schlosspark gleich vier französische Noise- bzw. Metal-Bands mächtig anstrengten, um  eine glücklich tanzende Menge zu beschallen, damit diese noch einmal eine Emotion teilen durfte, wie sie nur so ein mit ganzer Leidenschaft konzipiertes Festival aufbauen kann!

Text und Fotos: Stefan Pieper
Beitragsbild: „Anguish“ beim Moers-Festival 2019

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