Win-Win-Wochenende in Bremen: Werder, der Jazz und Mario Barth

2:0 gegen Hertha Ende April beim Heimspiel im Weserstadion. 3.000 Musiker, Agenten, Labelchefs und andere Vertreter nicht nur der europäischen Jazzszene versammelten sich parallel in den Messehallen sechs und sieben. Und was Mario Barth gleich nebenan beizutragen hatte, erfuhr Klaus von Seckendorff  im Gespräch mit Hans Peter Schneider, dem Geschäftsführer der Messe Bremen, und dem Trompeter Uli Beckerhoff, der die jazzahead! zusammen mit Peter Schulze künstlerisch leitet.

JazzZeitung.de: Tausend ausstellende Firmen, 40 Konzerte ­– aber der Parkplatz des Messegeländes ist nur zu einem Bruchteil besetzt. Ist die jazzahead! als Messe gesehen kein Großereignis?


Hans Peter Schneider: Wenn wir eine Oldtimer-Messe machen, beträgt deren Gesamtfläche bestimmt das Zehnfache und die Fachbesucherzahl das Fünfzehnfache. Aber die Frage ist ja: Wie wichtig ist man innerhalb der Nische, die man besetzen will. Und die Jazzbranche ist nun mal etwas kleiner als zum Beispiel die Lebensmittelbranche. Es gibt in Deutschland drei sehr gute Oldtimer-Messen, und wir sind qualitativ ganz oben, aber beim Jazz sind wir weltweit die einzigen, die sowas in dieser reinen Form machen. Deshalb ist es eigentlich eine große und vor allem eine großartige Messe.

JazzZeitung.de: Angefangen haben Sie 2006 mit rund 900 Fachbesuchern. Mittlerweile „muss“ man nach Bremen kommen, wenn man in der Jazzszene eine Rolle spielt. Gab es denn Trittbrettfahrversuche an anderen Orten?

 

Hans Peter Schneider, Foto: Messe Bremen

Schneider: 2010 hat man in Berlin versucht, mit einer Jazzkomm bei der Popkomm anzudocken. Keine gute Idee. Unser Ausgangspunkt war ein ganz anderer. Es gab Jazz bei der Popkomm oder bei der riesigen Musikbranchenmesse Midem in Cannes, aber irgendwo in Halle 26, hinterste rechte Ecke, die Treppe hoch und wieder runter. In Bremen spielt Jazz die Hauptrolle.

JazzZeitung.de: Aber nicht das ganze Jahr über.

Schneider: Im HFK-Club der Musikhochschule und an diversen anderen Spielorten gibt es jede Woche Sessions und Konzerte. Und dann ist da die Jazzreihe von Peter Schulze im Sendesaal mit monatlich drei bis fünf Konzerten von hohem Niveau.

JazzZeitung.de: Wie kam das enorme Wachstum der jazzahead! zum maßgeblichen Treff in Europa zustande?

Schneider: Da spielte natürlich auch Marketing eine Rolle. Aber vor allem verdanken wir das einer unglaublich positiven Mundpropaganda.

JazzZeitung.de: Sind denn die Jazzer irgendwie anders drauf als Messegänger aus anderen Branchen?

Schneider: Es fällt auf, dass auf der Jazzmesse sehr früh der Wein aufgemacht wird. Und es wird sich sehr viel umarmt, statt das Messer zu zücken. Reifenhersteller checken vielleicht erst mal, ob der Kollege Waffen dabei hat. In der Jazzbranche wird eventuell bestehender Feindschaft nicht genügend Ausdruck verliehen. Spaß beiseite, das eigentlich Schöne ist für mich, dass ich kaum Menschen sehe, die den ganzen Tag alleine von Stand zu Stand ziehen. Die Jazzleute sind schon besonders kommunikativ. Es geht ja bei Messen nicht darum, dass man Produkte hinstellt. Menschen wollen sich persönlich kennenlernen, sich miteinander unterhalten, trotz WhatsApp und Videokonferenzen.

JazzZeitung.de: Welche Rolle spielen denn Lust und Neugier auf die vielen Showcasekonzerte?

Uli Beckerhoff, Foto: Frank Pusch

Uli Beckerhoff: Wir haben in den ersten Jahren für die Abende große Namen gebucht, Joe Zawinul oder Maria Joao. Das mussten wir machen, um für jazzaffine Leute attraktiv zu sein, um die Bevölkerung reinzukriegen. Für die Kongressbesucher selber war das weniger wichtig. Die haben jemand wie Zawinul tausendmal gehört. Gebracht hat das Ganze nicht viel, obwohl es natürlich sehr teuer war.

Schneider: Wir mussten auch erkennen, dass Bremer Bildungsbürger zwar gerne an vertraute Kulturorte wie in die „Glocke“ gehen, aber nicht in die Messehalle 4.1 nach oben, um sich dort John Abercrombie anzuhören.

Beckerhoff: Mittlerweile sind wir auch bei reinen Konzertbesuchern so etabliert, dass das nicht mehr nötig ist. Wir haben ein großes Galakonzert in der „Glocke“. Und wir haben vor allem die Clubnacht am Samstagabend mit 40 über die ganze Stadt verstreuten Spielorten für ein normales Ausgehpublikum. Die Venues entscheiden selbst, was bei ihnen läuft, während bei den Showcases ja Jurymitglieder auswählen. Manches ist kein Jazz, aber wer zur Clubnacht geht, sagt anschließend: Wir waren bei der jazzahead!

JazzZeitung.de: jazzahead! geht auch ohne große Namen?

Beckerhoff: Auf diese Weise wurden Messehalle und Schlachthof frei für unser Kerngeschäft: Wir können sie auch abends für unsere Showcases nutzen. Da bekommen die Musiker übrigens keine Gage bezahlt. Aber sie erreichen wichtige Leute aus der Branche, werden oft anschließend für Festivals oder Clubauftritte gebucht und kriegen vor allem eine hochprofessionelle Aufzeichnung ihres Konzerts, die auf dem freien Markt so zwischen 4.000 und 5.000 Euro kosten würde.

JazzZeitung.de: Grund genug für Hunderte von Musikern und Bands, sich zu bewerben. Und wer trifft die Auswahl?

Beckerhoff: Anfangs saßen in den Jurys Journalisten. Mittlerweile haben wir da nur noch Veranstalter, denn das sind die Leute, die genau das tun, worum es bei den Showcases geht: Bands buchen. Und wir wechseln jedes Jahr die Besetzung, damit nicht die Vorlieben oder Abneigungen bestimmter Leute eine dominante Rolle kriegen. Nur die Qualität der Musik soll zählen. Ein Problem gibt es allerdings dabei. Unter den acht als Favoriten ausgewählten Bands sind schnell mal vier Klaviertrios. Dann müssen wir uns auf zwei oder drei einigen, um mehr Vielfalt bei den Besetzungen zu erreichen.

JazzZeitung.de: Die jazzahead! wird häufig als „Familientreffen“ beschrieben. Aber es geht doch auch hier um Konkurrenz und Business.

Beckerhoff: Ursprünglich hat sich die deutsche Jazzszene immer irgendwie zerstritten. Mittlerweile ziehen zum Glück fast alle am selben Strang, unabhängig von Stilistiken, Ambitionen u.s.w. Das war keine geringe Leistung. Es geht beim Jazz um einen kleinen Ententeich, und da wird erst mal gekuckt: Wer ist hier der Boss? Radioleute oder Labelmacher sagten sich: Ich weiß wie Jazz geht, und ich würde das hier alles anders machen. Sowas ging schnell auch mal ins Persönliche. Aber das hat sich völlig gelegt. Wir haben aber auch unglaublich großen Wert darauf gelegt, dass sich ALLE hier wohlfühlen können.

Schneider: Natürlich gibt es immer wieder auch Unzufriedenheit: Man ist gut und wird nicht genügend gewürdigt, und da müsste doch die Messe… Solchen Leuten sag ich immer: Freunde, ist Euch eigentlich klar, was wir hier für ein Rad drehen? Ist Euch klar, dass ich Mario Barth parallel machen muss, um mir diesen Luxus leisten zu können?

JazzZeitung.de: Mario Barth querfinanziert die jazzahead!?

Schneider: Na klar, aber da muss schon noch das Sechstagerennen dazu. Jedenfalls bin ich als Messemacher absolut gegen dieses Kuchendenken: Wenn der Konkurrent ein Stück mehr ergattert, dann fehlt das zwangsläufig bei mir. Der Fischhändler sagt: Es werden 14,7 Kilo Fisch pro Nase in Deutschland konsumiert. Wir dürfen Marketing für Hering nicht zulassen, weil wenn die Leute mehr Hering essen, verkaufe ich weniger Lachs. Ich habe denen gesagt: Vorsicht! Euer Feind heißt nicht Hering. Euer Feind heißt Hühnchen. Und den Jazzleuten sag ich immer: Euer Feind ist nicht die andere Jazzstilistik oder der Festivalkollege. Schnappt der Klassik was weg oder bei den Pophörern.

In der Halle 6 war Jazz-Networking angesagt. Foto: Jan Rathke / Messe Bremen
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