Intensiv, melancholisch, genreübergreifend: Das neue Album des Vokalquartetts Niniwe – Time Stands Still

Niniwe-TimeVon Michael Scheiner – „Classics reloaded“ werden Konzerte des Berliner Vokalquartetts Niniwe marktgerecht angekündigt. Mit ihrer aktuellen Cd „Time stands still“ definiert es aber eher Klassik auf eigene Weise und reiht sich damit in den schmalen, aber langen Seitenarm vom Third Stream der 50er Jahre über Jacques Loussiers „Play Bach“ bis zu vielfältigen heutigen Varianten von „Jazz meets classic“ ein. Der künstlerisch-musikalische Kern ist deshalb auch weit besser mit „redefined“ beschreiben als mit „reloaded“, auch wenn dieses Verb heute fester Bestandteil der Pop-Ikonografie ist. Winnie Brückner, die nach Studium und Jazznachwuchs-Stipendium das Ensemble 2002 gegründet hat, streift mit den delikaten Arrangements von Liedern mehrerer Jahrhunderte immer wieder die Genres Pop und Jazz. Mit der poporientierten, häufig groove-betonten Vokalmusik von Jungsbands wie Viva Voce und den Wise Guys aber haben Niniwe so gar nichts am Hut. Die vier Sängerinnen holen die alten Werke mit kunstvoll verschlungenen Arrangements und unverwechselbarem Sound in die heutige Zeit. Dabei bleibt Brückner, von der auch zwei eigene Stücke enthalten sind, manchmal eng an der Vorlage, wie bei Edvard Griegs „Solveigs sang“. Bei anderen Arien, wie Henry Purcells „If love´s a sweet passion“ aus dessen Oper „The Fairy Queen“, lässt sie das Original weit hinter sich. Nach einer sanft-süßen Einleitung wechselt sie die Taktart und plötzlich klingt die Barockmelodie fast wie ein zeitgemäßer Popsong – nur a capella. Verzückte Beglückung, dramatische Gefühlsaufwallung mit modernen Harmonien und ein Wiedereintauchen in seliges Schaukeln. Die Auswahl von Monteverdi bis Skrjabin, von der Renaissance-Komponistin Barbara Strozzi bis Schumann und Kapsberger enthält populäre Hits, wie Händels „Lascia ch´io pianga“ und Überraschendes, wie die als textlose Vokalise gesungene „Dvorák-Fantasie“. Ein Klavier-Präludium von Skrjabin erklingt mit zeitgenössischem Text in vierstimmig-polyphonem Gesang.

„Time stands still“ ist – wie es der Titel von John Dowlands innig-schönem Liebeslied verspricht – ein eher ruhiges Album, obwohl auch bewegtere und sogar explosive Momente enthalten sind. Und es ist ein Album voller Intensität, Schmerz und Melancholie. Musik, die einen gleichermaßen versinken, wie vergessen lässt. In der man aufgehen, sich in wechselvollen Eindrücken verlieren kann. In der sich aber auch außerordentlich viel an Farben, Nuancen, an fein herausgearbeiteter Modernität jenseits von Genregrenzen und ein Ensemble entdecken lässt, das stimmlich präzise und mit Hingabe auf sehr hohem Niveau agiert. Was noch fehlt, ist öffentliche Anerkennung, wie sie sich bei Jungsbands fast selbstverständlich einstellt. Stimmlich und musikalisch hält das weibliche Glücks-Kleeblatt jederzeit mit.


 

Niniwe – vocal art: Time Stands Still

Helbling Verlag Hl-C7728CD

 

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