Kamasi Washington in der Unterfahrt – ganz großer Bahnhof

Kamasi Washington in der Unterfahrt – ganz großer Bahnhof: das Konzert seit 5 Monaten ausverkauft, ein Zusatzkonzert vorgeschaltet, um der Nachfrage zumindest ein wenig gerecht zu werden, ein 18m langer Nightliner vor dem Club, sowas erlebt die Unterfahrt auch nicht alle Tage…und dann: Jazzer steigen aus, ohne Allüren, entspannt, freundlich, den Fans zugewandt und in grandioser Spiellaune. Das Konzert selbst ein Hammer. Kamasi Washington zündete mit seinem Oktett ein wahres Jazzfeuerwerk und begeisterte das Publikum. Der kann wirklich was! Glückliche Fans kamen zum Schluss auch noch bei der Signierstunde seines Albums auf ihre Kosten und mit dem Meister sowie seinen Mitstreitern ins Gespräch. Vorspann und Galerie: Thomas J. Krebs/Text: Ralf Dombrowski


Als Kamasi Washington den Vertrag für sein Konzert in der Unterfahrt unterschrieb, war noch nicht klar, dass er so berühmt sein würde. Wenig später jedoch nahm der Hype seinen Lauf und so quollen die Reservierungslisten derart über, dass er gleich zweimal hintereinander spielen musste, zwei Konzerte auf unterschiedlichem Niveau der künstlerischen Energie. Denn die erste Runde um sechs war zwar konzentriert, aber im Vergleich zum Konzert um neun Uhr doch deutlich gedämpfter. Ein wenig erholt von den Strapazen einer eng getackteten Europatournee, drehte die Band schließlich auf und präsentierte eine unterhaltsame, stellenweise zu sich hypnotisch steigernden Kollektivmomenten verdichtete Musik, die deutliche Wurzeln im Soul Jazz der Sechziger hatte.

Manches wurde adaptiert wie Oscar Pettifords „Oscalypso“ oder eine freche 6/8-Fassung von Debussys „Claire De Lune“ im Late-Night-Gewand, anderes geriet wie „The Magnificent Seven“ zu aufwallenden Energiewogen, die etwa in eine hiphop-getönte Rhythmusschlacht der beiden Drummer Tony Austin und Roland Bruner Jr. mündete. Zum Oktett um Posaune, Gesang und Sopransaxofon aufgestockt, entwickelte Washingtons Band über den Abend hinweg eine jazzende Druckwelle, die er selbst immer wieder mit ausladenden Improvisationen nachfeuerte. Unterm Strich war das souverän gespielte und verinnerlichte Alte Schule souljazziger Modernität mit viel Kraft und einem offenen Blick nach vorne.
Ralf Dombrowski

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