Audience Development (6) – Do-it-yourself-Vermittlung 3: Überlegungen zu Raum und Zeit

Dem Jazz wird oft vorgeworfen, er hänge von der Art seiner Präsentation immer noch in den goldenen Zeiten der 1950er und 60er Jahre fest. Auch wenn es längst viele lobenswerte Veränderungen gibt – einige habe ich in der einleitenden Folge dieser Blogserie bereits genannt –, würde mir doch auf die Frage „Wie läuft ein Jazzkonzert ab?“ zuerst folgendes Verlaufsklischee einfallen:


Das Publikum wird eine halbe Stunde vor Beginn des Konzertabends in den Raum/ Saal gelassen und nimmt in Reihen oder an kleinen Tischen Platz. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos mehr oder weniger bekannter Jazzgrößen. Mit leichter bis mittlerer Verspätung betritt ohne Ankündigung eine Band die etwas erhöhte Bühne und beginnt mit dem ersten von zwei Sets, die jeweils etwa 45 Minuten dauern. Nach dem ersten Stück heißt der Bandleader das Publikum willkommen. Sofern die Musik der Gruppe ausreichend klare Trennungen zulässt, wird nach jedem Solo routiniert bis begeistert geklatscht. Die Pause zwischen den Sets wird genutzt, um neue Getränke zu ordern. Eine über Applaus und gegebenenfalls stilles Füßewippen hinausgehende Interaktion zwischen Publikum und Band während der Sets ist nicht vorgesehen. Vor dem letzten Stück stellt der Bandleader nochmal die Band vor und verweist auf das aktuelle Album, welches im Anschluss an das Konzert käuflich erworben werden kann. Zum Ende stellen sich die Musiker Arm in Arm in eine Reihe und verbeugen sich. Wenn nicht alles schief gelaufen ist, erklatscht sich das Publikum ein oder zwei Zugaben. Nach einer kurzen Verschnaufpause begibt sich die Band an die Bar, wo sie auf die wenigen Gäste trifft, die den Spielort nicht direkt nach Konzertschluss verlassen haben. Man bleibt jedoch gerne unter sich, es sei denn, man kennt sich bereits. Gibt es am Veranstaltungsort keine Bar, entfällt der letzte Punkt.

Ein derart ritualisierter Konzertabend schafft verlässliche Strukturen, was durchaus gut und hilfreich sein kann. Der Reiz des Neuen und Unvorhergesehenen geht dabei jedoch „nur“ von den jeweiligen Musikern und ihrer Musik aus.
Hinzu kommt die Frage nach der Beschaffenheit des Konzertraums. Was Jazzliebhabern und Stammgästen egal oder sogar gerade recht sein mag, wirkt auf mögliche Neuankömmlinge vielleicht langweilig oder gar abschreckend: Möchte man wirklich seine kostbare Freizeit damit verbringen, Konzerte mit ohnehin schon schwer zugänglicher Musik auch noch in einem Mehrzweckraum mit Weißlicht und unbequemen Stühlen zu hören?

Auch wenn ich das Widerständige, das unpoliert Trotzige an dieser Art der Musikpräsentation durchaus schätze (vielleicht gilt es ja eines Tages wieder als cool, wer weiß…?), hier ein paar Beispiele, an welchen Schrauben man drehen könnte – an denen vielerorts auch längst schon gedreht wird:

1) Miteinbeziehen des Raums in stilistische/ programmatische Überlegungen

Mancher Jazz eignet sich eher für stilles Zuhören und den eigenen Gedanken nachsinnen; mancher Jazz fordert den Bewegungsdrang heraus. Die Frage, ob Jazz nun in den Club, auf die Tanzfläche oder in den Konzertsaal gehört, kann getrost mit „alles drei“ beantwortet werden – es muss nur stilistisch passen. Oder ganz bewusst gebrochen werden. Die Frage nach der Kompatibilität von Musik und Raum müssen sich Musiker („welche Räume passen zu meiner Musik?“) und Veranstalter („welche Musik passt zu meinem Raum?“) gleichermaßen stellen.

2) Bühnenposition

Ein wesentlicher Grund für den derzeitigen Erfolg der amerikanischen Band Snarky Puppy ist die clevere Vermarktung über die neuen Medien (Millionen Clicks auf Youtube, über 170.000 Facebook-Freunde, über 24.000 Follower auf Twitter, gute Homepage etc.). Bemerkenswert ist jedoch auch, dass sie ihre Alben seit vielen Jahren als Live-Konzert vor einem kleinen Studiopublikum in Ton und Bild aufnehmen und als Live-DVDs herausbringen. Das Publikum sitzt hierbei nicht, wie üblich, getrennt von der Band, sondern ist mittendrin im Geschehen. Band und Publikum sind gleichermaßen im Raum verteilt.
Auch wenn längst nicht jeder Spielort die baulichen Gegebenheiten und technischen Möglichkeiten haben wird, seine Bühne derart flexibel zu gestalten, ist die Durchbrechung des Frontal-Konzepts doch in jedem Fall einen Gedanken wert. Andere Sparten wie die neue Musik oder der zeitgenössische Tanz könnten hier als Inspirationshilfe dienen.

3) Jazzkonzerte beginnen abends und dauern 90 Minuten…

… unterteilt in zwei Halbzeiten, wie beim Fussball. Warum nicht mal ein langes Set? Oder auch deren zwei, nach amerikanischem Vorbild? Wie wäre es, schon um 18h anzufangen, nach der Arbeit und vor dem Essen, als Startpunkt des Abends? Wenn Spielorte mit angeschlossener Restauration konzertanten Jazz in der Mittagspause anbieten würden? Wenn Brötzmann statt Dixieland zum Frühschoppen aufspielte (so schnell wach würde man sonst nie…)?
Auch wenn all das vermutlich schon ausprobiert wurde, scheint es mir wichtig zu sein, angestammte Formate von Zeit zu Zeit auf den Prüfstand zu stellen und den Mut zu haben, auch sperrige Kost zu servieren.

4) Jazz ist dienstags / Jazz ist immer hier.

Die Kehrseite folgt auf dem Fuße: Feste Zeiten schaffen Verbindlichkeit. Dann noch ein hochklassiges Programm über einen langen Zeitraum, mit genügend Leidenschaft, Durchhaltevermögen und am besten (Achtung, Wunschdenken!) ein paar finanziellen Reserven, um auch Phasen schwachen Zuschauerzuspruchs zu überstehen. Volker Rennerts Swingladen Lübbenau etwa feierte kürzlich das 200. Konzert und den 21. Geburtstag der Reihe. Waren anfangs viele Konzerte äußerst schwach besucht, sind die Konzerte mittlerweile regelmäßig ausverkauft.

5) Jazz an ungewöhnlichen Orten.

In der einleitenden Folge dieser Blogserie habe ich bereits etliche Beispiele genannt, hier noch zwei weitere: Eines meiner liebsten Formate ist das jährlich in diversen Städten stattfindende Festival „Musik in den Häusern der Stadt“, in denen Privatpersonen Konzerte in ihrer Wohnung oder ihrer Firma veranstalten. Oder wie wäre es zum Beispiel mit spontan auftauchenden Jazzkonzerten in leerstehenden Gewerberäumen, ähnlich der „Pop-up-Stores“?

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