Audience Development (4) – Do-it-yourself-Vermittlung 1: Text, Bild und Ton

Wie in der letzten Blogfolge deutlich wurde, spielt die Vermittlung zwischen Künstler und Publikum eine zentrale Rolle für Zuspruch und Akzeptanz der jeweiligen Musik. Als grob vereinfachende Faustregel könnte gelten: je kopflastiger, sperriger, dissonanter die Musik, desto weniger ist sie unmittelbar zugänglich, desto mehr Vermittlungsangebot wäre sinnvoll.


Hätte man ausreichend finanzielle Mittel, könnte man die Vermittlungsarbeit an Experten abgeben. Im Jazzbereich stehen jedoch in der Regel sehr geringe finanzielle Mittel zur Verfügung, weshalb vieles notgedrungen in Eigenregie entsteht. Daher möchte ich zunächst jene möglichen Vermittlungsbereiche beleuchten, die Musiker und Veranstalter – als unmittelbar am Konzert beteiligte Personen – direkt beeinflussen können.

1) Bandinformationen, Ankündigungs- und Pressetexte

„Unverwechselbarer Bandsound“? „Facettenreiche Musik“, in der sich „kantige Grooves“ mit „balladesken Stimmungen“ und „komplexen rhythmischen Strukturen“ abwechseln? „Tradition achten“ und doch etwas „ganz eigenes“ machen? Diese häufig verwendeten Textbausteine wecken (zumindest in mir) meist wenig Lust, sich vom heimischen Sofa durch den strömenden Regen in den Jazzclub zu bewegen.

Nun sind die wenigsten Jazzmusiker gleichzeitig Schriftsteller oder Journalisten, weshalb man ihnen textliche Unzulänglichkeiten schwerlich vorwerfen kann. Gleiches gilt für Veranstalter, die aus dem verfügbaren Pressematerial sprachliche Flickenteppiche knüpfen. Dennoch sollten wir die Texte als wichtiges Werbe- und Vermittlungswerkzeug verstehen, da sie in vielen Fällen die erste Berührungsinstanz mit dem Publikum sind.
Im Zweifel lohnt sich der Gedanke, das Verfassen dieser Texte jemandem zu überlassen, der sich in diesem Metier besser auskennt. Im günstigsten Fall ist dieser Jemand Mitglied im Förderverein oder findet sich im Familien- oder Freundeskreis. Vielleicht gibt es in der Nähe auch eine Journalistenschule oder eine Hochschule mit Literatur-, PR-, Werbungs- oder Journalismusstudiengang, mit der man kooperieren könnte?

2) Bandfotos

Klar, die Musik soll für sich sprechen. Bevor aber die Musik überhaupt sprechen darf, sieht der künftige Zuhörer in der Konzertankündigung erstmal Text (s.o.) und Bild. Der visuelle Reiz des beliebten Motivs „unbeteiligt dreinblickende Band in nicht wirklich zusammenpassenden Straßenklamotten vor Backsteinmauer“ hält sich indes in engen Grenzen.
Dies ist beileibe kein Appell für mehr schwarze Anzüge, aber es lohnt sich, das Bandfoto als aussagekräftige optische Visitenkarte zu verstehen. Was macht ihr für Musik, welche Stimmung(en) sind besonders präsent? Passt dazu hell und grell, oder eher melancholisch, düster, abgerockt? Welche Bandfotos gefallen euch und warum? Welcher Typ Kleidung könnte zu der Musik passen? Vielleicht sogar: welche Gesichtsausdrücke? Eine Aussage hat euer Foto in jedem Fall – warum dann nicht eine musikalisch stimmige?

Fehlt euch die zündende Idee, spielt anderen Menschen eure Musik vor und fragt nach ihren Assoziationen. Finden sich gute Fotografen im Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis? Oder an der nächsten Medien- oder Kunsthochschule?

3) EPKs, Videoteaser, Musikvideos

Das Visuelle spielt im Zeitalter der digitalen Vermittlung eine enorm wichtige Rolle. Electronic Press Kits (EPKs), noch vor wenigen Jahren eine Ausnahmeerscheinung, gehören heute wie selbstverständlich zur Werbestrategie für ein neues Album. Gleiches gilt für Videoteaser und Musikvideos: eine gute Präsenz auf Youtube o.ä. ermöglicht etwaigen Konzertbesuchern, sich vorab ein Bild (mit Ton) von eurer Band zu machen. Da die ungefragte Veröffentlichung verwackelter Handyaufnahmen im Internet durch das Publikum im Jazzbereich bisher eher Ausnahme als Regel ist, lässt sich eure audiovisuelle Verfügbarkeit sogar relativ gut steuern.
Viele Veranstalter sind inzwischen dazu übergegangen, Konzertankündigungen mit Videolinks zu verknüpfen. Umso wichtiger ist es für Musiker, sich Gedanken über Qualität und Aussagekraft ihrer Videos zu machen.

Was für eine Videoästhetik passt zu eurer Musik? Soll es ein reines (Live-)Musikvideo werden oder gibt es Text- und/oder Sprachpassagen? Falls letzteres, was wollt ihr über euch, eure Musik, euer Album sagen? Hat das Video informativen oder rein künstlerischen Charakter? Ist die Bild-/ Tonqualität ausreichend gut, um für euch und eure Musik wirklich zu werben? Welches Stück ist bzw. welche Stücke sind besonders repräsentativ für eure Musik?

4) Homepages

Die meisten Jazzmusiker haben sie, die allermeisten Veranstaltungsorte sowieso. Wenn aber der aktuellste Konzerteintrag von 2011 ist, das Layout unübersichtlich wirkt und die Seitenoptik die Geschmacksnerven des Betrachters frontal angreift, ist der Werbeeffekt fraglich. Ein gelungener Internetauftritt dagegen erhöht tatsächlich die Chancen, „sein“ Publikum ansprechen zu können.

Je schmaler das Budget, desto wichtiger das aktive Einbeziehen des Umfelds, der fantasievolle Umgang mit Fragestellungen und die Fähigkeit zum reverse engineering. Vielleicht könnt ihr eine der obigen Leistungen auch im Tauschhandel erstehen, gegen Freikarten, signierte CDs, Unterrichtsstunden…?

Advertisements

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.