Nov 082015
 

Nach dem spröd-abstrakten Konzert am Freitag, folgte irgendwie genau das gleiche Konzert, nur ganz anders: Tief gesättigt bis hinter die Ohrläppchen. Das Tigran Hamasyan Trio und Charles Lloyd mit seinem „Wild Man Dance Project“ enterten die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele.

Das Auditorium war restlos gefüllt, der Samstag ist so etwas wie der Königstag des Jazzfests Berlin. Und es ist wohl mehr als eine bloße Vermutung, dass dabei vor allem der Name Charles Lloyd gezogen hat. Doch der Reihe nach.

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Metrischer Trash: Tigran Hamasyan Trio

Scheiterte gestern noch Miguel Zenón mit seinem Rhythmuskonzept, so legte Tigran Hamasyan mit seinem Klaviertrio nach und konnte zeigen, wie es gehen könnte. Tigran Hamasyan hat dafür genügend Musikmaterial aus seiner armenischen Heimat mitgebracht. Er spielt es zu Beginn seiner Stücke regelmäßig sublim, feinfingrig, gegebenenfalls una corda. Man ist ganz lauschig. Danach knallt es sofort – whoooooom. Sam Minaie am E-Bass stellt sofort den Raum unter Strom, der Schlagzeuger Arthur Hnatek (zu Beginn süßlich noch mit den Händen auf den Toms) greift das rhythmische Bett der vermutlich armenischen Stücke auf. Währenddessen bewegt sich Hamasyan in die Bassregionen seines Flügels zu einer Repetitionattacke, natürlich auch fortissimo.

Das hat mehr Metal-Trash-Rock-Aspekte, bitte fragt nicht welcher speziellen Art, als es manchem im Publikum lieb sein mochte. Aber die unregelmäßigen Metren knallen einem nur so um die Ohren. Ab und an gibt es da auch feinfühlige Klangeffekte des Bassisten. Aber der Grundton ist irgendwie immer D-Moll (oder ähnliches). Das ist nix zum Tanzen, das ist zum Headbangen. Die Sache ist so simpel wie effektiv gestrickt. Und weil der Aufbau nahezu immer der Gleiche ist, nutzt er sich denn auch etwas ab. Aber weil er auch so simpel ist, überfordert er die Musiker nicht. Sie haben darin immer genug Raum, genug Möglichkeiten, damit flexibel umzugehen und sich, wie der Schlagzeuger dabei Klangräume zu erschließen. Klaviertrio brutal, Klaviertrio säuselnd.

Rationale Magie: Charles Lloyd und das „Wild Man Dance Project“

War gestern die Geschichte, die Keith Tippett mitgebracht hat, auch ein wenig wirr, war diejenige unter dem Titel „Wild Man Dance Project“ von Charles Lloyd von langem Atem gekennzeichnet, gut 90 Minuten am Stück mit seinen Musikern Gerald Clayton (piano), Joe Sanders (double bass), Eric Harland (drums), Socratis Sinopoulos (lyra) und Miklós Lukács (cimbalom). Es entfaltete sich vor Augen und Ohren ein durch den Raum vegetierender Organismus aus verdammt gut aufeinander eingestellten Musikern – deren impulsgebenden Elemente Gerald Clayton am Piano und eben „der“ Charles Lloyd waren. Endlich ein Tenorsaxophon. Und was für eines, fast unbeschreiblich gesättigt mit erdigen Farben. Zusammen mit den beiden jazzuntypischen Instrumenten Cymbalon und Lyra ereignete sich so etwas wie Polykulturalität – man wagt sich sicher nicht zu weit wenn man den beiden Instrumenten trotzdem keine große Zukunft im Jazz vorhersagt, obgleichder Cymbalist einmal sich bis an die Grenzen der Spielbarkeit des Instruments steigerte oder ein Duo zwischen Lyra und Kontrabass den einen oder anderen verzückte.

Polykulturalität, nicht Weltmusikgezwitscher! Also, das Ganze stimmig, zwischendrin die herzensreichen Töne von Charles Lloyd oder Gerald Clayton. Alles mit einem maximal möglichen Freiheitsraum, der sich gelegentlich an komponierten Wegmarken traf. Und dabei passiert dann musikalische Magie, so ein bisschen wie beim Art Ensemble Of Chicago das früher der Fall war, nur konventioneller. Mit klarem Kopf sich treiben lassen, so klingt Jazz als rationale Magie. Jedenfalls lange Zeit. Etwas profaner gesehen handelt es sich bei der Gesamtanlage um ein einfaches, wenn auch langgezogenes Steigerungsprinzip. Wie „Durch Nacht zum Licht“, nur dass hier nach 60 Minuten dann die Vorhänge zugezogen werden. Und die Musik mehr oder minder deutlich verläpperte, den langen Atem nicht halten konnte, in Miniaturen zerfaserte. Das war schade. Auch in Sachen Intonation im Duo zwischen Kontrabass und Lyra (ja, die beiden ganz allein) wurde deutlich, dass das Scharnier knarrte, die Spannung hin und wieder nicht hielt.

Charles Lloyd ist eine beileibe musikalisch imposante Person. Das spürt man auch über die Entfernung im Rang. Er klingt wie ein guter, weiser Prediger an seinem Instrument. Das musikalische Risiko lässt sich aber nicht wegzaubern. Es wäre auch nicht klug. Denn wenn einzelne Dinge scheitern, so spürt man doch, dass sie jedenfalls prinzipiell gelingen könnten.

Resumé

Keine Resumé. Eigentlich möchte man die Musik schon durch das eigene Schweigen verlängern und wenigstens ein paar Minuten in seinem Herzen mit sich herumtragen, bis sie dann eben doch verlöschen muss.

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