Nov 072015
 

Jetzt ist der zweite Tag des Berliner Jazzfestes auch schon rum. Und ist eigentlich schon jemand aufgefallen, dass noch kein Tenorsaxophonist die Bühne betreten hat? Kommt morgen mit Charles Lloyd zu Ehren. Alle (?) warten gespannt.

Gestern war, neben der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises an Achim Kaufmann am Nachmittag, auf der großen Bühne die zweite Show des Jazzfests Berlin 2015 mit dem Keith Tippett Octet und mit dem Miguel Zenón Quartet. Tippett, der eine lange musikalische Geschichte(n) mit sich mitschleppt hinter dem Kanal spielte auf vor dem jungen Altsaxophonisten von jenseits des Atlantiks. Der Abend war dabei mehr oder minder deutlich der Abstraktion und dem strukturellen rhythmischen, erzählenden Denken gewidmet und konnte Spuren von traditioneller Musik enthalten. Wer da allergisch drauf ist, geht jetzt auf eine andere Website.

Lagerfeuer seziert: Das Keith Tippett Octet

Unter dem Titel „The Nine Dances Of Patrick O’Gonogon“ spannte Tippett am Klavier eine Suite auf, die auch traditionelle Musikinhalte miteinbezog (Schlussstück „The Last Rose Of Summer“ zum Beispiel). Die Aufstellung war Struktur pur: Links die rhythm section – recht abgesetzt die Bläser (hinten zwei Posaunen, davon zwei Saxophone und Trompete, umgedrehte olympische Ringe): Ein Bigband-Torso. Die Größe „Oktett“ lagert zwischen reiner Kammermusik und BigBand: mit allen Vor- und wenigen Nachteilen. Hier Beweglichkeit, frische Kombinatorik der Gruppenimprovisationen (auch mal zwei Posaunen allein, düsterdüster). Die Trennung der beiden Apparate, die autonom agieren, förderlich aber auch starr. Bewegliche Metren in Baß, Schlagzeug und Klavier, dagegen die Bläsersätze. Musik, manchmal wie auf dem kalten Seziertisch in der Pathologie – mit Lagerfeuer-Feeling und manchem Sprung über die Glut.

*) Alle Fotos stammen vom HuPe-kollektiv (mehr dann sicherlich bald dort), zu 99 Prozent von Petra Basche.

Die Songs waren insgesamt wie eine große Erzählung angelegt, die manchmal dann doch auch etwas ermüdende Passagen in sich barg. Umso schöner dann in dieser Abstraktionswolke ein geradezu anrührendes Trompeten-Solo (Fulvio Sigurta) zu hören, oder gegen Ende den stimmlichen Einsatz von Julie Tippett. Oder der so zurückgenommene verlöschende Klavierklang von Tippett selbst.

Rhythmus gerupft: Miguel Zenón Quartet

„Identities Are Changeable“ heißt das Projekt des Quartetts um den Saxophonisten Miguel Zenón mit Henry Cole (drums), Hans Glawischnig (double bass) und Louis Perdomo (piano). Im Rang klang es einfach nicht so gut, der Bass zu leise, das Schlagzeug zu laut, Saxophon und Klavier überkreuzten sich akustisch. Ton in Ton biss sich. Es passt alles zusammen, es blieb aber alles zu eng. Man stellte sich die Musik durch ihre Fülle zu und war sich damit gerne selbst im Weg. Die Kompositionen von Miguel Zenón hatten es freilich in sich. Während bei den meisten Stücken das Schlagzeug deutlich zu präsent war und das Saxophonspiel doch leerlief, drehte man bei letzten Stück am Rad. Henry Cole am Schlagzeug hatte genug zu koordinieren, um das 7 gegen 5 (so habe ich es jedenfalls gehört) zu akzentuieren und war damit einigermaßen beschäftigt, so dass sich Zenón in dieses eben doch durch Abstraktion gewonnene Muster einflechten konnte, was er auch nutzte.

Genauso bei der Zugabe: Fluide wechselten die Pulse im Tempo. Es kam zu Effekten wie man sie in der optischen Wahrnehmung als Kippbilder kennt. Im eigenen resonierenden Körper und räsonnierendem Kopf hinkte man schnell hinter der Musik her, die dann, wenn man sich umgewöhnte, schon wieder einem anderen Puls folgte. Das war technisch einwandfrei gespielt. Aber nie hatte man so ganz das Gefühl, dass die Musiker wirklich darüberstanden und über diese Möglichkeiten frei verfügten.

Resumé

Ein Doppel-Konzert, das statt des Funkenregens am ersten Tag des Jazzfests Berlin 2015 mit kompositorischer Finesse ebenso ergänzte, dabei aber nicht die gemächliche Freude versprühte. Dennoch, Respekt für die Idee des Festivalgestalters Richard Williams, dieser Farbe des Jazz am zweiten Tag einen Raum zu geben. Nur welche farbliche Synästhesie da in Frage käme? Eher die Nichtfarben Schwarz (verrauscht) und Weiß (mit Schmutzfasern).

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