„After The Last Sky“ – das aktuelle Meisterwerk von Anouar Brahem

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Gut acht Jahre nach Anouar Brahems Meisterstück „Blue Maqams“, veröffentlichte das Münchner Label ECM am 28. März sein mit Spannung erwartetes neues Album „After the Last Sky“. Seinerzeit eingespielt im „klassischen“ Quartett bestehend aus Oud, Bass, Piano und Schlagzeug, wartet Anouar Brahem auf seinem neuen Album wiederum in Quartettbesetzung auf und vertraut Dave Holland am Bass und dem Pianisten Django Bates. Als zusätzliche Klangfarbe gesellt sich diesmal die Cellistin Anja Lechner dazu. Der tunesische Großmeister kombiniert meisterhaft arabische Musik als Grundlage seines Schaffens mit Improvisationen, einschließlich westlicher, klassischer und zeitgenössischer Zitate. Was ist Weltmusik, Jazz oder Klassik? Diese Frage stellt sich diesem Quartett nicht wirklich. Alle vier Musiker sind Meister ihres Instrumentes und in diesem Kontext erschaffen sie eine komplett eigenständige, herausragende Klangwelt die ihresgleichen sucht. Ein Zitat sei hier erwähnt, das inhaltlich für die Musik von Anouar Brahem beeinflusst: Werbung „Wohin sollen wir nach den letzten Grenzen gehen! Wohin sollen die Vögel nach dem letzten Himmel fliegen?“ Auf diesen Zeilen von Mahmoud Darwisch basiert der Titel „After The Last Sky“. Mahmud Darwisch wurde als einer der herausragenden zeitgenössischen …

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Schmid / Duppler / Jensson – Blíður

Irgendwo zwischen Dichterliebe und Future … 17 Tonträger:innen im Schnelldurchlauf

17 Platten aus dem Jazz und an- und umgrenzenden Bereichen. Lock: Ephemerist +++ Stax + Max Stadtfeld: Fancy Future +++ Gabriel Vicéns – Mural +++ Live At FreeJazzSaar 2019 +++ Koppel/Blade/Koppel – Time Again +++ Koppel: Story Of Mankind – A Requiem +++ Taranczewski: LOM +++ Poetzsch / Dirks – Collateral Flow +++ Ensemble Ambidexter – Ensemble Ambidexter +++ Kaan Bulak – No Clouds in Haraz +++ Eichheuser Quintett – Irgendwo dazwischen +++ Randalu – Dichterliebe +++ Paeffgen – Gia +++ Ullmann – Hemisphere 4 +++ Kamperman – Maison Moderne +++ Ohlmeier / Klein – Left side right +++ Schmid / Duppler / Jensson – Blíður

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Achim Kaufmann & Kalle Kalima  – CD Ilmonique

Von Michael Scheiner. Wer Kalle Kalima als Gitarrist von diversen Bands und Projekten her kennt, weiß, da fliegen einem häufig rockige Sounds und schrille Heuler um die Ohren. Von der E-Gitarre natürlich. Etwas anderes würde man von einem finnischen Musiker, der unter anderem bei Raoul Björkenheim studiert hat, kaum erwarten. Kalimas Spiel auf den sechs Saiten aber beinhaltet mehr, ist vielfältiger, überraschender und fantasievoller als das, was man zu kennen glaubt. Meditativer Dialog wacher Geister Jetzt hat er seinem ausgedehnten Klangkosmos eine weitere Facette hinzugefügt. Eher hervorgekramt, denn er fühle sich mit diesem Projekt „in meine Teenagerzeit zurück versetzt“. Damals begeisterte sich der Teenager für Ralph Towner, Jimmy Page und andere, von deren Spiel er überwältigt war. Bei der Entwicklung der Musik für das Duo mit Achim Kaufmann fand er endlich die Möglichkeit, dies Erfahrungen „in meine Musik mit Achim zu integrieren“. Dafür musste er die akustische Gitarre wieder „zähmen“, wie er es in einem Gespräch am Telefon beschreibt. Werbung Meditativer Dialog Zusammen mit dem Pianisten hat er vergangenes Jahr ein Album aufgenommen, auf dem er ausschließlich akustische Gitarre spielt. „Ilmonique“ ist ein von den beiden …

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Andreas Schaerer: Anthem For No Man’s Land

(Text und Fotos: Robert Fischer) „Was singt der da?“, dürften sich wohl die meisten fragen, die das neue Album des Schweizer Sängers und Vokalartisten Andreas Schaerer hören. Dafür ins Studio gegangen ist er mit  den bewährten Komplizen Luciano Biondini (Akkordeon), Kalle Kalima (Gitarre) und Lucas Niggli (Schlagzeug). Herausgekommen sind die auch als „A Novel of Anomaly“ firmierenden Vier mit nicht weniger als einem Meisterwerk, das die Beantwortung der eingangs gestellten Frage plötzlich sonnenklar erscheinen lässt. Doch dazu später. Vokalartist und mehr Dass Andreas Schaerer, ich sage das mit größtem Respekt, ein bisschen „dada“ ist – ein Musiker nämlich, der den Esprit, den Humor und die Kunst der Dadaisten zu neuem Leben zu erwecken mag –, das kann man spätestens wissen, seit er mit seiner Band „Hildegard Lernt Fliegen“ die kleinen, großen und größten Bühnen zu erobern begann. Aber was macht ein Sänger, der eine solche Ausnahmeerscheinung ist wie sonst vielleicht nur noch sein Landsmann Christian Zehnder, wenn er nicht zum wiederholten Male auf das reduziert werden möchte, was nur sehr unzureichend als „Vokalartistik“ beschrieben wird und ein unfassbar reiches Maß an Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme meint? …

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Masako Ohta & Matthias Lindermayr mit neuen Duo-Album: Nozomi

(Von Thomas J. Krebs) Am Abend des 13. Februar fand im Münchner Theater Schwere Reiter das Release Konzert des neuen Albums der Pianistin Masako Ohta und dem Trompeter Matthias Lindermayr statt. Ein ganz normaler Tag bis 10.30 Uhr, als sich in München, in mittelbarer Nähe des Theaters, der Anschlag am Stiglmaierplatz ereignete. Alle stehen noch sichtlich unter Schock. Betroffenheit Christiane Böhnke-Geisse, künstlerische Leiterin der Sparte Musik, trat an dem Abend sichtlich betroffen vor das Publikum und bat um eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags, bevor die Musiker die Bühne betreten. Ein versöhnlicher Trost, das Konzert konnte trotz der tragischen Umstände stattfinden. Werbung Nach dem 2022 erschienen Debutalbum MMMMH und unzähligen erfolgreichen Konzerten sind Masako Ohta und Matthias Lindermayr wieder ins Studio gegangen, um beim Münchner Label Squama das Nachfolgealbum Nozomi aufzunehmen. Der Abend begann mit den ersten drei Titeln der neuen Aufnahme „Hatsuhinode“, „Agora“, „Ostinato“, gefolgt von „Shizuku“, „Maya“ und als Abschluss des ersten Sets „Hibari“, einer einfühlsam melancholischen Komposition von Ryūichi Sakamoto. Vertrautes Im zweiten Set hörte das Publikum vertraute Kompositionen wie „Sora“, zwei weitere neue Stücke „Niwa“ und „Tio“, sowie das Bonusstück …

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Spindrift: CD Pre-Release mit dem Benny Lackner Quintet im Jazzclub Unterfahrt

Der Pianist Benny Lackner wirbelt mit seinem Quintett feinste Melodien auf, mit zeitlosem Wiedererkennungswert, die dem Hörer lange Zeit im Gedächtnis bleiben. Jazz für die Ewigkeit! Im Jazzclub Unterfahrt fand letzte Woche ein Pre-Release Konzert von Lackners bei ECM erschienen Aufnahme „Spindrift“ statt. Mit von der Partie auf der Bühne im Club waren der Saxophonist Maciej Obara und Harish Raghavan am Bass, anstelle von Mark Turner und Linda May Han Oh, die auf der CD zum Ensemble gehören. Mosquito Flats Das Konzert begann mit dem lyrischen Titel „Mosquito Flats“. Gleich zu Beginn zeigte Lackner mit seinem Ensemble auf wo seine Stärken liegen: Kompositionen mit klaren Melodielinien, als Grundlage für tiefgründige Improvisationen und ein herrliches Zusammenspiel der Protagonisten. Im Laufe des Abends wurden alle zehn Titel der CD Spindrift präsentiert. Im zweiten Set gesellten sich zwei ältere Stücke von seinem ersten bei ECM erschienen Album dazu, „Camino Cielo“ und „Open Minds Lost“. Der Abend vermittelte einen unglaublich intensiven Eindruck von Lackners Kompositionen. Lediglich „Chambary“ stammt aus der Feder des Schlagzeugers Matthieu Chazarenc, das sich stilistisch nahtlos zu den vorangegangenen Stücken gesellte. Werbung Unabhängig von der musikalischen …

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CD – Philipp Schiepek Solo & Trio: Meadows and Mirrors

Der aus Dinkelsbühl stammende Gitarrist Philipp Schiepek ist ein ausgesprochen ruhiger, überlegter Zeitgenosse. Nach drei ganz unterschiedlichen Alben, seinem Debut „Golem Dance“ im Quartett mit Seamus Blake, dem Duo Album „Cathedral“ mit dem Pianisten Walter Lang und „Versuch zu Träumen“ im Trio mit Henning Sieverts und Bastian Jütte, präsentiert Philipp Schiepek nun mit „Meadows and Mirrors“ sein neuestes Werk. Musikalische Weggefährten Der Bassist Henning Sieverts und Schlagzeuger Bastian Jütte sind mit Philipp Schiepek seit Jahren nicht nur freundschaftlich verbunden, sondern auch enge musikalische Weggefährten (bereits auf „Golem“ aus dem Jahr 2019 waren die beiden mit von der Partie). Das neue Album „Meadows and Mirrors“ strahlt eine ungemeine Ruhe aus. Fernab von der Zivilisation, tief im Wald, in der Natur herrscht Frieden, „während der Blick in die Weite schweift, wo sich der Himmel im Grün der Wiesen spiegelt“ – so der Text auf der Innenseite des Covers. Überaus treffend auch für die Musik: überlegte, ruhige Stücke, größtenteils aus der Feder von Philipp Schiepek, gespielt auf seiner klassischen Nylon-String Gitarre, abwechselnd solo und im Trio fesseln und begeistern vom ersten bis zum letzten Ton. Werbung Das Album …

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Mosaic Records: Classic V-DISC Small Group Jazz Sessions

Mosaic Records setzt seit nunmehr 42 Jahren Maßstäbe für Wiederveröffentlichungen oder Entdeckungen im Jazz. Gegründet wurde das feine Jazzlabel 1982 von Michael Cuscuna und Charles Lourie. Anfang der 1980er-Jahre waren viele wichtige und richtungsweisende Jazzveröffentlichungen vergriffen. Da kam Mosaic Records ins Spiel. In streng limitierter Auflage wurden so Perlen des Jazz wieder veröffentlicht. Neu gemastert, mit Alternative Takes sowie detaillierten Informationen und Fotos zu den Sessions. Bis heute unvergessen als Mosaic die verschollenen Charlie Parker Benedetti Sessions komplett auf 7 CDs / 10 LPs veröffentlichte. Nun hat das Label erneut einen Coup gelandet: auf 11 CDs liegen nun die Classic V-Disc Small Group Jazz Sessions in einer grandiosen Box mit einem umfangreichen Booklet vor. V-Discs Die sogenannten V-Discs (Abkürzung für „Victory Disc“) waren ein ganz eigenes Kapitel in der Geschichte des Jazz, der Klassik und Unterhaltungsmusik. Während des sogenannten „recording ban“ in den USA von August 1942 bis November 1944 ( siehe dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Recording_ban ) sind dies die einzigen offiziell genehmigten Aufnahmen und Produktionen mit Instrumentalmusikern, die nur in einem ganz speziellen Rahmen hergestellt und veröffentlicht werden durften: nämlich für die US-Armee in Übersee als …

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Sven Faller und August Zirner und ihr Mingus-Album

(Von Michael Scheiner) Eine Zigarre zwischen den Lippen, den Blick am Bass vorbei zur Seite geneigt: Charles Mingus war kein besonders angenehmer Zeitgenosse. Davon zeugen ausgeschlagene Zähne bei einem Mitmusiker, Publikumsbeschimpfungen (noch vor Peter Handke), Clubbesitzer die sich weigerten ihn einzuladen und häufige Besetzungswechsel in seinen Bands. Duke Ellington legte dem in Watts/Los Angeles aufgewachsenen Bassisten nach einem Streit mit Juan Tizol nahe zu kündigen, „weil er einen ganzen Sack voll neuer Macken“ mitgebracht zu haben schien. Transatlantische Jazzgeschichten Diesem Nörgler und Choleriker haben Sven Faller und August Zirner ein ganzes Album gewidmet, das Mitte November bei GLM Music erscheint – „Mingus“. Denn auf der anderen, der künstlerisch-kreativen Seite, war der „Zuhälter und Feingeist“, wie er im Beiblatt beschrieben wird, ein genialer Komponist und überragender Instrumentalist. Viele seiner Kompositionen werden bis heute gespielt. Es gibt Bands, die ganze Programme mit Stücken von ihm bestreiten oder sich danach benannten. Mingus gehört mit seinem einzigartigen Stil aus Gospel, Bebop, Blues und klassischen Formen unzweifelhaft zu den herausragenden und einflussreichsten Figuren des modernen Jazz im 20. Jahrhundert. Werbung Kreativität ist es, das Komplizierte einfach zu machen Zirner und …

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Cimbiosis Trio und Ligeti Ensemble mit „Responses to Ligeti“

(Von Mathias Bäumel) Das Budapester Musikzentrum mit dem dazugehörigen CD-Label BMC Records nahm den 100. Geburtstag György Ligetis zum Anlass, ein in dieser Art wohl einmaliges Klangwerk entstehen zu lassen, das mit zwei Kammermusik-Gruppierungen – dem Ligeti Ensemble und dem Miklós Lukács Cimbiosis Trio – beim „Ligeti 100 Festival“ im Mai 2023 aufgeführt und dann aufgenommen wurde. Im Zentrum dieser Musik stehen Ligetis „Zehn Stücke für Bläserquintett“, aber ganz wesentlich sind die markanten Motivelemente und bizarren Klangschreie, die das Lukács Cimbiosis Trio, gewissermaßen als „Antworten“, in die Abfolge der Ligeti-Stücke hineingibt. Lukács tritt mit seinen Mitspielern – Abschnitt für Abschnitt – in Dialog zur Ligeti-Musik, indem sein Trio mit kleinen, offenbar wie improvisiert wirkenden Präludien und Postludien die Einzelstücke Ligetis dialogisch, miteinander verschränkend, verbindet. Auf diese Weise würde, so eine Formulierung auf dem CD-Cover, die „dünne Linie zwischen zeitgenössischer Musik und Jazz verschwimmen“. Das Analysieren und Erkennen des Aufbaus dieser (und weiterer) Musik ist das Eine, die emotionale Wirkung, die sie auf den Hörer auslöst, ist das Andere, das dabei jedoch im Vordergrund steht. Das Bläserquintett Ligetis lotet die Möglichkeiten seiner Instrumente aus. Dazu und …

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