Elliot Galvin – höllische Klanggewitter, irritierte Zuhörer

In der britischen Jazzszene hat es neben einer breiten Trad-Linie und einem innovativen Fusionzweig seit den 1970er Jahren auch eine starke Free-Szene gegeben. Auf dem Festland ist diese nur wenig wahrgenommen worden. Umso höher ist es dem Jazzclub anzurechnen, dass er mit dem Quartett des britischen Pianisten Elliot Galvin ein Schwergewicht der gegenwärtigen Jazzszene eingeladen hat, der an diese frühen Avantgarde- und Freejazz-Strömungen anknüpft. Geisterhafte Klavierklänge Bevor die ersten geisterhaften Klavierklänge die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen, fielen bereits die ungewöhnliche Instrumentierung und geschlechterparitätische Besetzung ins Auge. Eigentlich schade, dass dieser Umstand noch immer einen  Aufmerksamkeitswert besetzt, obwohl doch die Gleichberechtigung in weiten Teilen der Gesellschaft längst zur Normalität gehört. Werbung Neben dem Bass als einzigem elektrisch verstärktem Instrument, gespielt von Ruth Goller, waren Piano, Schlagzeug und eine Geige im Einsatz. Die allerdings war, wie bei vielen E-Gitarristen mit einer ganzen Latte von Effektgeräten verbunden. In einem langen frei improvisiertem Solo steuerte Mandhira de Saram diese derart virtuos mit den Füssen, dass sich über der Zuhörerschaft ein geradezu höllisches Klanggewitter entlud. Mit der brachialen Geräusch- und Lärmorgie gab die Violinistin der anfänglichen morbid-verlorenen Stimmung, …

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Norbert Stein ist mit dem Pata Trio auf der Spur der „Planetentochter“

Tastend, fast zerbrechlich beginnt das Tenor sich einen Weg zur imaginären „Planetentochter“ zu bahnen, einem mythologischen Wesen, schön und versponnen. Genauso will es vom Pata-Trio des Saxofonisten und Komponisten Norbert Stein wahrgenommen und mit poetischem Eigensinn erspürt werden. Umgarnt von Beckengeraschel (Jörg Fischer) und flüchtig mäandernden Klaviersprüngen (Uwe Oberg) zieht es schließlich, begleitet von einem warmen Basston, fein flackernd seine Bahn im Universum des Pata-Masters. Werbung Vom Trio bis zum Orchester Seit Jahrzehnten erforscht und erweitert der Kölner mit unterschiedlichsten Besetzungen vom Trio bis zur orchestralen Formation ein Universum aus freier Improvisation,  Komposition und Lust am Schönen. Es sind die Klänge und ihre kommunikativen Beziehungen, die er nicht müde wird zu ergründen. Die „Planetentochter“, mit einem skurrilen, in Urzeiten einmal futuristischen Fluggerät auf dem Cover, nimmt die Nummer 27 in dieser Albumdiskothek ein und damit schon die dritte Zehnerstaffel ins Visier. The Raven Speaks Mit sechs Titeln und knapp vierzig Minuten ist es ein eher kurzes Album, nach dem üppigen letzten, mit zwölfköpfiger Besetzung eingespielten „Pata Kandinsky“. „The Raven Speaks“ ist ein Paradestück für die einerseits melodisch eigensinnige, sehr bildhaft wirkende musikalische Gewichtung Stein`scher Kompositionen …

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John Wolf Brennan – von Nacht I Gallen und anderen Tieren

Kein bisschen leise sagt man manchmal über Ältere, die entgegen äußerer Erwartungen auch in höherem Alter noch aktiv sind. Auf Musiker:innen und andere Kunstschaffende trifft dies fast immer zu. John Wolf Brennan, der irisch-schweizerische Pianist und Musikpädagoge, macht da keine Ausnahme. Der Output des Komponisten und Improvisationsmusikers ist fast schon spektakulär. Alleine in den letzten zwei Jahren sind es mehr als ein halbes Dutzend, insgesamt zählt sein Gesamtwerk über 80 CDs/Einspielungen. Aktuell gehören dazu Aufnahmen mit neuer Musik mit der Groupe Lacroix, mit weit gespanntem musikalischen Horizont mit den Pilgrims, mit dem Langzeitprojekt Pago Libre und gemischten Besetzungen. „Wild Card – Songs For A Farm“ ist nach dem erfrischend uncoolen 24er Album „FriendShip – Riffs ahead!“ mit tausenderlei Zitaten der Pop- und Rockgeschichte jüngstes Pago-Libre-Werk und Album Nummer 83. Es ist das 15. Album des renommierten Jazz-Quartetts und musikalisch und von seiner Entstehung her etwas ziemlich Ausgefallenes.  „Songs From A Farm“ ist kein  einfacher Gimmick, die Musik wurde tatsächlich auf einem Bauernhof eingespielt, was dem Album eine erdige Atmosphäre verleiht. Werbung Wilde Tänze mit Kobolden Tatsächlich regten Hühner, Raben, Zwergziegen und Alpacas die Musikanten an …

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Cecile Verny – Erinnerungen an Afrika  

(Text und Fotos: Michael Scheiner) Es war ein Einstand, der einem die Härchen auf der Haut zum Vibrieren bringen konnte. Mit einem dunklen bluesig-balladesken Song weckte die Sängerin Cecile Verny im Leeren Beutel Regensburg Erinnerungen an eine der größten Bluessängerinnen der Rockgeschichte, die unvergeßliche Janis Joplin. Gleichzeitig klang das harmonisch einfache „The Dream“, redundant gespielt, wie die Blaupause eines unbekannten Doors-Songs – intensiv, düster und erregend. Ein fernes Echo an jene bewegte Zeit, als Verny in der Elfenbeinküste gerade auf die Welt gekommen war. Tatsächlich gibt es etwas, was die beiden ganz unterschiedlichen Sängerinnen, die mehr als eine Generation und auch sonst Welten auseinanderliegen, verbindet. Beide sind ohne formale Gesangsausbildung zur Musik gekommen, haben autodidaktisch angefangen und sich ihren Ausdruck selbst erspürt und erarbeitet. Verny, die mit zwölf Jahren nach Frankreich kam und früh zu singen begann, kennt Joplin sicher, obwohl der Blues bei ihrer Liebe zum Jazz nur eine untergeordnete Rolle spielt. Mit ihrem vor Jahrzehnten gegründeten Quartett ist sie bereits mehrfach in Regensburg aufgetreten. Zuletzt vor knapp zehn Jahren, mutmaßten einige Jazzclubmitglieder, die sich die Köpfe darüber zerbrachen, wie oft Verny bereits beim Club …

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Achim Kaufmann & Kalle Kalima  – CD Ilmonique

Von Michael Scheiner. Wer Kalle Kalima als Gitarrist von diversen Bands und Projekten her kennt, weiß, da fliegen einem häufig rockige Sounds und schrille Heuler um die Ohren. Von der E-Gitarre natürlich. Etwas anderes würde man von einem finnischen Musiker, der unter anderem bei Raoul Björkenheim studiert hat, kaum erwarten. Kalimas Spiel auf den sechs Saiten aber beinhaltet mehr, ist vielfältiger, überraschender und fantasievoller als das, was man zu kennen glaubt. Meditativer Dialog wacher Geister Jetzt hat er seinem ausgedehnten Klangkosmos eine weitere Facette hinzugefügt. Eher hervorgekramt, denn er fühle sich mit diesem Projekt „in meine Teenagerzeit zurück versetzt“. Damals begeisterte sich der Teenager für Ralph Towner, Jimmy Page und andere, von deren Spiel er überwältigt war. Bei der Entwicklung der Musik für das Duo mit Achim Kaufmann fand er endlich die Möglichkeit, dies Erfahrungen „in meine Musik mit Achim zu integrieren“. Dafür musste er die akustische Gitarre wieder „zähmen“, wie er es in einem Gespräch am Telefon beschreibt. Werbung Meditativer Dialog Zusammen mit dem Pianisten hat er vergangenes Jahr ein Album aufgenommen, auf dem er ausschließlich akustische Gitarre spielt. „Ilmonique“ ist ein von den beiden …

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Sullivan Fortner – Blues, Jazz und Spielwitz

Zwischen dem Prager Club Jazz Dock und dem Wiener Konzerthaus legte der amerikanische Pianist Sullivan Fortner einen bejubelten Stop beim Jazzclub Regensburg ein. Der 39-jährige New Yorker gilt aktuell als einer der angesagtesten Acts, neben seinem eigenen Trio arbeitet er auch mit den Sängerinnen Cécile McLorin und Samara Joy zusammen. Mit Joy, einer jungen Musikerin aus der Bronx, hat er für das von ihm arrangierte „Twinkle Twinkle Little Me“ heuer einen Grammy für die beste Jazzperformance erhalten. Das Duo hat damit Größen wie Chick Corea und John Scofield ausgestochen. Southern Nights Im bis zu den hinteren Stehreihen bestens gefüllten Leeren Beutel spielte Fortner mit Tyrone Allen am Bass und Schlagzeuger Kayvon Gordon eigene Kompositionen aus dem  wenige Tage zuvor erschienen neuen Album „Southern Nights“ und Songs von John Coltrane bis Thad Jones. Gleich mit der ersten Nummer, einer Komposition des 2013 verstorbenen Pianisten Cedar Walton, setzte er eine markante Duftmarke des breitgefächerten musikalischen Kosmos, in dem er sich wie ein Fisch im Wasser bewegt. Werbung Wie der Texaner Walton ist auch Fortner fest in der afroamerikanischen Tradition des Jazz verwurzelt, spielt Blues, Soul und typische …

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Sven Faller und August Zirner und ihr Mingus-Album

(Von Michael Scheiner) Eine Zigarre zwischen den Lippen, den Blick am Bass vorbei zur Seite geneigt: Charles Mingus war kein besonders angenehmer Zeitgenosse. Davon zeugen ausgeschlagene Zähne bei einem Mitmusiker, Publikumsbeschimpfungen (noch vor Peter Handke), Clubbesitzer die sich weigerten ihn einzuladen und häufige Besetzungswechsel in seinen Bands. Duke Ellington legte dem in Watts/Los Angeles aufgewachsenen Bassisten nach einem Streit mit Juan Tizol nahe zu kündigen, „weil er einen ganzen Sack voll neuer Macken“ mitgebracht zu haben schien. Transatlantische Jazzgeschichten Diesem Nörgler und Choleriker haben Sven Faller und August Zirner ein ganzes Album gewidmet, das Mitte November bei GLM Music erscheint – „Mingus“. Denn auf der anderen, der künstlerisch-kreativen Seite, war der „Zuhälter und Feingeist“, wie er im Beiblatt beschrieben wird, ein genialer Komponist und überragender Instrumentalist. Viele seiner Kompositionen werden bis heute gespielt. Es gibt Bands, die ganze Programme mit Stücken von ihm bestreiten oder sich danach benannten. Mingus gehört mit seinem einzigartigen Stil aus Gospel, Bebop, Blues und klassischen Formen unzweifelhaft zu den herausragenden und einflussreichsten Figuren des modernen Jazz im 20. Jahrhundert. Werbung Kreativität ist es, das Komplizierte einfach zu machen Zirner und …

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Lorenz Kellhubers „Standard Experience“ in Regensburg. © Scheiner

Lorenz Kellhubers „Standard Experience“: Ausdrucksstarke Solisten und sparsame Begleiter

Wenn Frank „Ol’ Blue Eyes“ Sinatra einen Evergreen anstimmte, konnte man sicher sein, von Anfang bis Ende mitsummen oder im Kopf Zeile für Zeile den Text und Note für Note die Text mitsingen zu können. Stimmt dagegen ein Jazzmusikant einen Evergreen an, der im Jazzbereich – englisch gesprochen – Standard heißt, kann man davon ausgehen, diesen noch nie gehört zu haben. von Michael Scheiner Jedenfalls nicht in der Originalfassung, wie ein solcher Song erstmals in einem Musical oder Film gespielt wurde. Zuhörer konnten das hautnah beim Konzert von Lorenz Kellhubers Bandprojekt „Standard Experience“ im Neuhaussaal erleben. Der Pianist und Hochschulprofessor meinte zwar in seiner Begrüßung, dass sie „jetzt vier Stunden ohne Pause für Sie spielen“. Als er sah, wie der eine oder andere innerlich zusammenzuckte, schob er grinsend hinterher, dass das ein Insider-Witz sei. Werbung Statt 240 gab es in der Realität eines lauen Spätsommerabends dann 105 Minuten, eingerechnet einer vehement eingeforderten Zugabe – „Autumn Leaves“. Kellhuber, der bereits mehrfach in Regensburg mit einem Trio auftrat, ist für lange frei improvisierte Stücke bekannt, die er aus dem Stehgreif mit seinen Partnern kreiert. Dieses Mal spielte …

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Serenadenkonzerte mit Nils Wograms Bandprojekt Muse

Regensburg. Beim letzten der vier Serenadenkonzerte für heuer war alles ein wenig anders. „Wir wollten mal eine andere Klangfarbe reinbringen“, erläuterte Andreas Meixner, der zusammen mit Professor Stefan Baier die künstlerische Leitung der Veranstaltungsreihe in der Minoritenkirche innehat. Mit dem Posaunisten Nils Wogram und seinem jüngsten Bandprojekt Muse ist das dem Impresario-Duo auch in jeder Hinsicht voll gelungen. Neue Wege Wogram, der bereits mit verschiedenen Projekten und Gruppen nebenan beim Jazzclub im Leeren Beutel gastierte, hat mit dem kammermusikalischen Ensemble völlig neue Wege eingeschlagen. Bereits die Besetzung mit Harfe, gespielt von Kathrin Pechlof, Viola, Gerdur Gunnarsdottir, und Altsaxofon, Christian Weidner, ist untypisch für den Jazz und fremdelt andererseits erheblich mit klassischen Gewohnheiten. Spielen im Sitzen wiederum passt zu den Klassikern, irritiert aber leidenschaftliche Jazzhörer. Die hält es oft selbst kaum auf den Stühlen, wenn die geballte Energie eines treibenden Grooves durch Mark und Bein geht. Werbung Nichts davon in der Musik von Wogram. Als Komponist hat er für diese spezielle, mutmaßlich einmalige Besetzung im zeitgenössischen Jazzgeschehen, eine ruhige Musik voller Klangschattierungen und subtiler Färbungen geschrieben. Auf der gedämpften Posaune durchbricht er selbst die erwartungsvolle Stille …

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Zwischen Hardbop und Modern: CD von Werner Pusch  

75 ist kein Pappenstiel, da kann man schon zurückschauen und die eigenen Leistungen in den Blick nehmen. Wenn diese dann vor den eigenen und den Ohren anderer noch Bestand haben – sogar ohne nostalgische Verklärung oder Schönfärberei – steht einer Wiederveröffentlichung nichts mehr im Weg. So geschehen mit dem „meine Ziele“ (My Destination) betitelten Album des durchaus reisefreudigen Trompeters und Flügelhornisten Werner Pusch. Gerade mal 31 Jahre war der gebürtige Münchner alt, als er die Aufnahmen für die Schallplatte 1980 mit dem für seine ECM-Produktionen berühmten Tonmeister Martin Wieland in den Bauer Studios mit einem Quintett einspielte. Fünf Kompositionen waren seinerzeit auf „My Destination“ in die Rillen gepresst, zwei von Pusch, die übrigen von Pianist Peter Kosch. Während ihrer Hochphase in den 70er/80er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Band viel im Raum zwischen Frankfurt und Heidelberg unterwegs und spielte in amerikanischen und deutschen Clubs. „Sandra“, „Demiané“ und „Tango For Patricia“ sind Titel, die damals live bei Gigs der Band zu hören waren. Dabei bestechen die zupackenden solistischen Höhenflüge ebenso, wie die boppigen Unisono-Passagen aus Wilson de Oliveiras Tenor und Trompete in „Peterchen ́s Mondfahrt“. …

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