Transatlantisch: das Progressive Chamber Music Festival 2021 im Milla Club

Till Hoffmann fährt mit der Sohle über den Boden. „Da rutscht nichts“, meint der Münchner Veranstalter, der mit seinem Eulenspiegel Flying Circus über Pandemie-Monate hinweg bayernweit Konzerte ermöglichte und außerdem schon 2012 zum Gründungsteam des Milla Clubs gehörte. „Vielleicht fast ein bisschen zu viel Grip,“ erklärt er weiter, „aber wir haben den Boden hier aufwändig erneut. Und mit der Zeit verschleift sich das schon!“ Dabei hat Hoffmann Clubnächte im Sinn, voll gepackte Indie-Konzerte oder auch gut besuchte Gastspiele von Singer/Songwritern aus aller Welt, die bis zum Corona-Desaster die Kellerräume in der Holzstraße füllten. Das bleibt noch etwas Zukunft, in diesen Tagen war er schon zufrieden, dass ein Event wie das Progressive Chambers Music Festival stattfinden konnte, das über zwei Novemberabende (10./11.11) hinweg sechs Bands und ein zahlenmäßig kleines, aber begeistertes Publikum in die Milla lockte.

Kooperationen von Nah und Fern

Ähnlich ging es Gerd Baumann und Gregor Hübner. Der eine ist Gitarrist, Professor für Filmmusik an der Münchener Hochschule und ebenfalls Teil des Milla-Teams, der andere Geiger, Jazz-Professor an der HMTM und Teil des Sirius Quartets in seiner zweiten Heimat New York. Beide hatten lange die Idee eines kooperativen Festivals im Kopf, das sowohl am Hudson, wie auch an der Isar stattfindet, und neben den Städten auch Stile und Musiker verbindet, die gewillt sind, Spielgewohnheiten ihrer Kunst auf ihre Aktualität zu befragen. So entstand ein Projekt, das seit sechs Jahren auch mit Konzerten heranwächst und in diesem Herbst nach den Abenden im The Garage in Harlem neben dem eigens angereisten Sirius Quartet – pandemiebedingt zumindest innerdeutsch – Gäste wie den Trompeter Joo Kraus und den Bassisten Veit Hübner ins Glockenbachviertel holte. Die übrigen Musiker*innen stammten aus dem Umkreis der Münchner Szene, was sich nicht als Einschränkung, sondern stellenweise sogar als Entdeckung herausstellte.

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Klangfarbenspektakel

Während der erste Abend sich neben dem balladesk-kontemplativen Kammerjazz-Trio der Sängerin Fiona Grond vor allem den Kombinationen des Sirius Quartets zum einen mit Trompete und Kontrabass, darüber hinaus mit Gerd Baumanns Dreiviertelblut-Quartett widmete, die die eh kammermusikalisch offene Konzeption der New Yorker in Richtung jazzgetönter Improvisation und filmmusikalischer Präsenz erweiterten, zog der zweite Abend die Kreise noch ein wenig weiter. Das Duo Fallwander etwa stellte ein Programm synthetisch sinistrer Popmusik vor, textural schwebend, sehr soundsicher im aktuellen Vintage-Trend und mit viel stimmlich dunkler Emphase vorgetragen. Das Quartetto Barinetto rund um den Klarinettisten Wolfgang Roth gönnte sich burleske Bearbeitungen im Four-Brothers-Stil von Bebop-Anklängen bis zu John Williams. Und das Munich Composers Collective stellte unter Gregor Hübners Leitung in erweiterter Big-Band-Besetzung ein sehr dicht konzipiertes Soundgefüge an der Grenze zum Orchesterjazz vor. „So etwas haben wir nicht in New York“, stellte Ron Lawrence fest, Sirius-Bratschist und aufmerksamer Zuhörer bei den Konzerten der Kolleg:innen. „Diese Art der Klangfarben würde bei uns niemand so entwickeln. Und deshalb würde ich gerne genau solche Projekte nach New York holen“. Das Progressive Chamber Music Festival 2021 musste sich zwar pandemisch etwas bescheiden, aber es hat gezeigt, wie bunt es im nächsten Jahr weitergehen kann.

Beitragsbild: Gregor Hübner und Gerd Baumann. Fotos und Text: Ralf Dombrowski

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