Hilde: Klangbiotope zwischen Abstraktion und Schönheit

Von Stefan Pieper. Schwingende Saiten, Luftströme und Stimmbänder sind in der Band „Hilde“ unmittelbar miteinander konfrontiert, was auf der Debut-CD dieses mutigen Quartetts für ein Hörerlebnis sorgt, das ins Innerste vordringt. Die Fähigkeiten dieser vier Musikerinnen, allesamt Mitglieder des „The Dorf/Umland“-Kollektivs, sind spektakulär und vereinen sich hier zum gemeinsamen Abenteuer in Sachen musikalischer Freiheit.


Emily Wittbrodt, Cello und Julia Brüssel, Violine halten bei der Behandlung ihrer Streichinstrumente mit ihren Erfahrungen nicht hinterm Berg. In herausfordernden Interaktionen, aber auch in radikaler solistischer Improvisation blühen Elemente aus klassischer Moderne, Neuer Musik, zuweilen auch orientalischen Spieltechnik auf – und wirken hier im Dienst einer frei wuchernden Fantasie. Als andere, starke Komponente kommen sich flexibel eingesetzte Geräuscheffekte, mikrotonale Linien, perkussive Aktionen der Posaunistin Maria Trautmann und die immense Ausdruckspalette der Sängerin/Vokalistin Marie Daniels verblüffend nah. Letztere sprengt mit ihrer stimmlichen Variabilität, ihrem Tonumfang und ihrer Experimentierlust ohnehin alle Grenzen – von abstrakter Vokalartistik bis zu tief geerdetem Bluesgesang reicht ihre treffsicher eingesetzte Skala.

Und wo andere vielleicht versucht wären, all dies eitel aufzutürmen, wissen diese kreativen Musikerinnen aus Köln und Essen bestechend gut, was sie damit wollen und tun. Sie erforschen in vielen Livesessions, in großen und kleinen Räumen regelmäßig neue Möglichkeiten. Die Kür liegt jetzt darin, aus dieser Substanz heraus mit einem Tonträger ein stimmiges Kunstwerk zu kreieren – hierfür wurden Live-Takes aus dem Kölner Loft, der „Blackbox“ in Münster und schließlich dem Kölner Arttheater in kluger Mischung ausgewählt. Etwas skizzenhaft wirkt, dass einige davon manchmal etwas früh ausgeblendet werden – aber es soll hier ja um das ganze Spektrum, die weite Vielfalt der Ansätze und Atmosphären gehen…

Klangbiotope

Die Tracks haben eigene Namen, wirken aber wie Abschnitte einer Suite. Die Eröffnung demonstriert, dass es hier um alles geht: Obskure Flagoletts eröffnen ein obertonreiches Klangbiotop. Vokale Fantasiegestalten wie aus imaginären Dschungel-Landschaften mischen sich dazu. Aus dem Chaos entsteht Harmonie – Marie Daniels intoniert aus tiefer Seele einen empfindsamen Song, der wie ein ruhender Pol, ein emotionales Zentrum wirkt. Immer wieder fordern sich Stimme und Posaune zu imaginären Lautpoesie-Duellen heraus, während Streichertremoli die Stimmung weiterhin fieberhaft aufladen. Faszinierend wirken Julia Brüssels punktuelle Anspielungen auf Folk und orientalische Tonalitäten. Viele weitere solche Mutationen und Wechsel erzeugen eine starke Sogkraft, ziehen hinein in eine Labyrinth der Ideen, wo sich unvorgesehene öffnen, hinter denen sich Lyrik und – ja- Schönheit offenbart!

Beitragsbild: Karl-F. Degenhardt

CD:

Hilde: Umland Records 2020

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