Die Geschichte des Jazz in Deutschland: Wolfram Knauers Buch „Play yourself, man!“

Leute lest – wenn nicht jetzt, wann dann!? Und da darf es in Zeiten von Corona, Ausgangsbeschränkungen und Kulturstillstand auch gern mal etwas Anspruchsvolles sein! Was für die Bildung tun, für den Background. Da kommt Wolfram Knauers „Play yourself, man!“ – Die Geschichte des Jazz in Deutschland genau richtig. Viel gibt es bis dato über den Jazz in Deutschland nicht wirklich zu lesen. Die Zeit des deutschen Jazz in den sechziger bis 80zigern wurde von Ekkehard Jost vor gut dreißig Jahren in seinem Buch Europas Jazz 1960-80 immerhin auf knapp 160 Seiten (wenn man das Kapitel über den Jazz in der Deutschen Demokratischen Republik mit dazu nimmt) beleuchtet und analysiert. Was bisher fehlte ist ein kompletter Abriss des Jazz in Deutschland von seinen Anfängen bis ins 21. Jahrhundert.


Auf gut 500 Seiten behandelt Wolfram Knauer, Leiter und Direktor des Darmstädter Jazzinstituts, in seinem bei Reclam erschienen Buch den Jazz in Deutschland von seinen Ursprüngen bis zur Gegenwart in elf ausführlichen, klar gegliederten Kapiteln. Was auf den ersten Blick und dem Umfang des Buches geschuldet einen eher trockenen, anstrengenden Lesestoff vermuten lässt, entpuppt sich bereits nach den ersten Seiten als eine ziemlich lässige, alles andere als trockene Analyse und Bestandsaufnahme, die dem Leser außer allgemein bekannten Fakten mit manchen Überraschungen und Klarstellungen die Augen öffnet.

Wer hätte gedacht (oder gewusst), dass der erste Jazz Anfang 1918 mit dem 15. Infanterie-Regiment und dessen Musikkapelle nach Europa kam, auch wenn außer dem Memphis Blues und „Plantagenmelodien“ natürlich Märsche oder klassische Ouvertüren gespielt wurden. Oder, dass bereits im Dezember 1919 mit dem „Tiger Rag“, eingespielt von der Original Excentric Band, die erste deutsche Schallplattenaufnahme erschien,. Auch das immer gern „zitierte“ Schild „Swingtanzen verboten Reichsmusikkammer“ wird als Erfindung der 70-ziger Jahre entlarvt. Jazz gab es im Berlin der 20-ziger Jahre genauso wie im dritten Reich, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Letztlich ist der Jazz in Deutschland eine stilprägende Institution, die nunmehr ein Jahrhundert überdauert hat und dabei lebendig geblieben ist. Was dieses Werk unverzichtbar macht ist nicht nur die komplette Geschichte des Jazz in Deutschland. Man kann sich die einzelnen Abschnitte der Historie so vornehmen, wie man es gerade mag. Die Kapitel sind übersichtlich gegliedert und eigentlich lässt sich jeder Abschnitt auch gesondert lesen. So kann der vermeintliche Kenner des Genres durchaus auch mal ein Kapitel überspringen, sich gezielt Aspekte heraussuchen oder im Nachgang zu Gemüte führen.

Mit „Play yourself, man!“ hat Wolfram Knauer ein Standardwerk geschaffen, das man sowohl als Nachschlagewerk, Geschichtslektüre oder einfach nur als Lesebuch gleichermaßen hernehmen kann. Darüber hinaus ist es ein ganz persönliches Buch, das nicht zuletzt zwischen den Zeilen die persönlichen Erfahrungen und Leidenschaften des Autors zu Wort kommen lässt – Wolfram Knauer hat Einiges erlebt und zu erzählen – und die Geschichte des Jazz in Deutschland einmal kompetent aufzuarbeiten war dringend nötig.

Thomas J .Krebs

Wolfram Knauer: „Play yourself, man!“ – Die Geschichte des Jazz in Deutschland
Reclam Originalausgabe
Geb. mit Schutzumschlag, Lesebändchen. Format 16 x 24 cm
528 S. 60 Abb., € 36,00,
ISBN: 978-3-15-011227-4

 

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