Initiiert und organisiert von sieben Jazz-Frauen – das Festival PENG

„PENG – wir lassen es wieder knallen!“ Die Headline der Einladung zum vierten, vom Frauen Jazzkollektiv PENG in Essen organisierten gleichnamigen Festival war kein leeres Versprechen. Die sieben Bands in drei Konzerten konnten sich beim aufgeschlossenen, offenbar auch sachkundigen Publikum für reichen Beifall bedanken. Das Angebot reichte von modernem Straight Ahead bis zur mit Elektronik gespickten Avantgarde. Die kahle Hülle des alten Maschinenhauses in der längst stillgelegten Zeche Carl im Essener Stadtteil Altenessen wirkte durch geschickte Licht- und vorzügliche Tontechnik fast so intim wie ein Jazzclub, zumal die Zuhörer ziemlich nah an der Musik waren.


Das Besondere an diesem Festival beginnt schon mit seiner Gründung. 2015 fanden sich sieben Jazzmusikerinnen, allesamt Absolventinnen oder (noch) Studentinnen der Folkwang Universität der Künste Essen, zusammen, um mit einem speziellen Festival „eine größere Präsenz und Akzeptanz von Frauen im Jazz und Musikerinnen generell in der Gesellschaft zu schaffen“. 2016 ging das erste PENG Festival über die Bühne. Es fand über die Stadt Essen und das Ruhrgebiet hinaus in der deutschen Jazz-, Musik- und Kulturszene eine beachtliche Resonanz, so dass an einen jährlichen Turnus gedacht werden konnte, mit dem Ergebnis dieser – sicherlich nicht letzten – vierten Ausgabe.

Und noch immer sind es dieselben sieben Musikerinnen, die das Jazzkollektiv PENG gegründet hatten und die Festivals organisierten, durch deren Hände auch diesmal alle Fäden zusammenliefen. Alle sieben sind Jazzsängerinnen, Komponistinnen und leiten eigene Bands. Sie sind im Ruhrgebiet und im Rheinland sowie in vielen Fällen auch international aktiv, und sie haben sich allesamt einen Namen gemacht und Preise eingeheimst. Sie müssen spätestens an dieser Stelle auch genannt werden: Barbara Barth, Marie Daniels, Rosa Kremp, Maika Küster, Mara Minjoli, Christina Schamei und Johanna Schneider. Es lohnt sich, ihre Homepages aufzurufen, um Näheres über ihre Musik und ihre Karrieren zu erfahren.

Diese „glorreichen Sieben“, die mit spürbarem Enthusiasmus überall in den Mauern des alten Maschinenhauses präsent waren, verdienen uneingeschränkte Bewunderung und höchste  professionelle Anerkennung für die perfekte Organisierung auch dieses vierten PENG Festivals. Um die Zusammenstellung und Abfolge der Konzerte mag sie manch anderes, prominentere Festival beneiden. Dass alle Bands von Frauen geleitet wurden,  entsprach der Zielsetzung von PENG. Und dass in den Bands bis auf eine Ausnahme (Maria Trautmann, tb, und Caris Hermes, b, in Maika Küsters Band „Wir hatten was mit Björn“) ausschließlich Männer spielten, spiegelte  wiederum das viel beklagte Übermaß an männlicher Präsenz in der Jazzszene.

Überraschende Klanggebilde

Zum ersten  Konzert wurden gleich zwei renommierte Instrumentalistinnen aufgeboten: einmal als Opener die junge amerikanische Trompeterin Allison Philips, die zwischen New York und Amsterdam pendelt und nach Essen als ihr hochgelobtes Trio mit Sean Fasciani, g, und Robin van Rhijn, dr, anreiste, mit dem italienischen Gitarristen Dario Trapani als Gast. Zum zweiten die international aktive, mehrfach preisgekrönte Altsaxophonistin Angelica Niescier, ebenfalls als Trio, mit ihren erstklassigen Kollegen Matthias Akeo Nowak, b, und Christoph Hillmann, dr.  Zwei Highlights aus dem Space room, zwischen denen sich Maika Küsters „Björn“-Band, die gewissermaßen das Ruhrgebiet repräsentierte, mit überraschenden Klanggebilden behauptete.

Den zweiten Konzertabend eröffnete das Duo Barbara Barth & Manuel Krass,  in demonstrativer völlig gleichberechtigter Partnerschaft. Die Kölner Vocalistin und der Keyborder aus dem Saarland, beide auch mit elektronischer Zurüstung, trugen in fein austarierter Abstimmung Songs aus beider Album „In Spheres“ vor, bis auf zwei neu arrangierte Traditionals alles Kompositionen und Arrangements von Barbara Barth, die auch die Lyrics selbst schreibt. Mit diesen Texten und ihrer höchst wandlungsfähigen, phasenweise vom Wohlklang bewusst abweichenden Stimme, gestaltet sie jeden Song zu einer eigenen Erzählung.

Antrieb vom Drumset aus

Dass eine Frau aus Franken sich in New York als Schlagzeugerin durchsetzt, sich eine eigene Band mit Musikern aus USA, Kanada und Deutschland bildet und zusammenhält, mit der sie nicht nur zwei Alben produziert hat, sondern auch aktuell durch deutsche Clubs und Festivals tourt – das muss man erst mal bringen! Mareike Wiening treibt vom Drumset ihre Männer gehörig an: Rich Perry, ts, Glenn Zaleski, p, Alex Goodman, g, Johannes Felscher, b, spielten einen frischen modernen Straight Ahead Jazz, bei dem – außer der Drummerin selbst – nach subjektivem Urteil besonders der Pianist herausragte.

Den Abend beschloss wieder eine Vocalistin, die viel gerühmte Norwegerin Hanne Hukkelberg, die Songs aus ihrem neuen Album „Birthmark“ vortrug, wobei sie ihre ausdrucksstarke Stimme zwar vom Keyboarder Andreas Paleologs einfühlsam begleiten ließ, sich jedoch gegen die harten Beats ihres  Drummers Jonas Barsten nicht immer durchsetzen konnte. Ein Hingucker war dessen minimalistisches elektronisches Drumset allemal.

Der dritte Tag des Festivals begann erst mittags, aber dennoch mit einer morgendlich frischen Bö: Romy Camerun wirbelte herein mit ihrem Bremer Quartett aus ausgeschlafen inspirierten Musikern: Joe Dinkelbach, p, Ingo Senst, b, und Christian Schönefeld, dr, dazu als Gast den überragenden Ryan Carniaux, tp + flh. Die amerikanische, lange in Deutschland lebende Sängerin hatte ein Heimspiel. Sie wirkt seit Jahren als Dozentin für Jazzgesang an der Folkwang Universität, äußerst beliebt bei ihren Studentinnen, zu denen auch die sieben PENG-Frauen gehörten. Das ist nur zu gut zu verstehen, wenn man Romy Camerun live erlebt als einen Ausbund von Vitalität, zugewandt ihren Musikern und dem Publikum. Ihre volle bluesige Stimme, ihre virtuosen Scats, ihre Time – alles vollkommen. Sie präsentierte Songs von ihrem jüngsten Album „ROMY Camerun Live“ mit Titeln vorzugsweise von Thelonius Monk, auch von Benny Golson das berührende „Along Came Betty“, bei dem sie sich am Klavier begleitete, und zum Abschluss wunderbar gelassen Brubecks „In Your Own Sweet Way“. Ein überaus gelungener musikalischer Abschluss des Festivals.

Podiumsdiskussion Musik. Macht. Markt

Erstmals wurde das Konzertprogramm des PENG mit einer Podiumsdiskussion gekrönt. Ganz im Geiste der PENG-Gründung lautete das Thema „Musik. Macht. Markt. – Gender und Gerechtigkeit im Jazz“.  Aufgerufen wurden die alten und leider immer noch nicht verklungenen Fragen zur Männerdominanz im Konzertbetrieb, in Jurys, „hinter den Kulissen“, in der Szene selbst. Vieles habe sich verbessert, so der allgemeine Tenor, aber es gebe noch manche offene Baustelle.  Sachkundige Teilnehmer diskutierten unter der Leitung von Laura Block, Projektleiterin Gleichstellung bei der Deutschen Jazzunion: Karolina Strassmayer, Saxophonistin und einzige Frau in der WDR Big Band; Michael Rüsenberg, Musikjournalist, WDR-Jazzpreisträger; Lena Müller, Bookerin (Handshake Booking); Pia Lenz, Dokumentarfilmerin („Panorama“); Maika Küster, Sängerin und PENG Festival Organisatorin; Dr. Daniel James, Philosoph und „verhinderter Jazzmusiker“.

Es liegt auf der Hand, dass in diesem Rahmen der Verlauf einer solchen Diskussion nicht protokollartig referiert werden kann, zumal die lebhafte Diskussion angesichts des Gesprächsbedarfs nicht immer klar strukturiert verlaufen konnte. Auch liegt es in der Natur solcher Podien, dass keine konkreten Ergebnisse, etwa in Form von Resolutionen, erwartet werden sollten. Aber es gab doch einige aufhellende Informationen und Einsichten. Gleich eingangs wurden Passagen aus dem im ARD-Programm „Panorama“ ausgestrahlten Dokumentarfilm „Der kleine Unterschied“ von Pia Lenz gezeigt – erschreckende Beispiele male-chauvinistischer Verhaltensweisen gegenüber hochqualifizierten Frauen. Wie aktuell das Thema auch in unserer gesamten Gesellschaft noch immer ist, zeigte erst jüngst das Aufsehen, das die Berufung der ersten Frau als Co-Vorstand in ein DAX-Unternehmen erregt hat. Im Bereich des Jazz geht es nicht einmal um vergleichbare Führungspositionen, sondern beispielsweise um die berufliche Qualifikation, die Frauen abgesprochen wird, wenn sie sich wie Lena Müller gegenüber Konzertveranstaltern oder Agenten in einer Art Beweispflicht sehen, dass sie auch als Frau „etwas von Jazz verstehen“. Sie bestätigte auch, dass es noch immer nicht einfach sei, Instrumentalistinnen zu buchen. Gern würde dann gefragt, ob die Musikerin zusätzlich auch singen könne, um sich eine Sängerin zu sparen.

Wie ein Mann spielen

Karoline Strassmayer schilderte, wie sie sich in ihren ersten Berufsjahren immer dem Druck ausgesetzt sah, „wie ein Mann zu spielen“, auch absolut „perfekt“ zu sein, eben wie männliche Instrumentalisten das von sich behaupteten. Ohnehin vertrügen sich Perfektionismus und Jazz nicht, Fehler seien der improvisierten Musik immanent. Als Jazzmusikerin müsse man den Mut haben, zu sich selbst zu stehen, auch bewusst als Frau Jazz zu spielen, fraulich eben oder – woran aus dem Publikum erinnert wurde – „reichlich weiblich“,  wie in den Neunzigern eine Band mit prominenten Jazzmusikerinnen hieß. Allerdings, wie Michael Rüsenberg wusste, mit einem männlichen Schlagzeuger, wohl weil es damals keine Frauen am Schlagzeug gab, im Gegensatz – was er als großen Fortschritt sah – zu heute, wo es viele qualifizierte Frauen an diesem Instrument gibt, wie das Beispiel Mareike Wiening zeigte.

Die Forderung nach einer Frauenquote wurde gegensätzlich diskutiert. Für bestimmte Institutionen könne sie sinnvoll sein. Die praktizierende Musikerin Karoline Strassmayer fühlte sich gespalten. Sie hätte es als abwertend und demütigend empfunden, wenn sie bei der WDR Big Band als Quotenfrau eingestellt worden wäre und nicht aufgrund ihrer Qualifikation.

Klischees auf beiden Seiten

Einig waren sich die Panelteilnehmerinnen und -teilnehmer darin, dass es „auf beiden Seiten“ noch zu viele Klischees gäbe. So verwahrte sich Rüsenberg dagegen, dass „die älteren Männer an allem Schuld“ seien. Aber, so wurde gefragt, gibt es sie nicht doch noch in wichtigen Positionen, die inzwischen sprichwörtlichen „alten weißen Männer“? Und kann man mit denen wirklich in einen offenen, vorurteilsfreien Dialog treten? Zweifel blieben.

Tröstlich und vielversprechend für die Zukunft der Gendergerechtigkeit auch im Jazz konnte immerhin vermeldet werden, dass sich laut soziologischer Erhebungen der Anteil weiblicher Besucher von Jazzkonzerten von noch vor Jahren bescheidenen 20 Prozent aktuell auf etwa die Hälfte erhöht habe. Wenn sich das nur annähernd auch auf die Konzertbühnen ausweitete, wäre schon viel gewonnen. Dass Jazz-Frauen Bands leiten können, fantastische Jazzmusikerinnen sind, Konzerte und Festivals erfolgreich organisieren können, hat das vierte PENG Festival jedenfalls erneut bewiesen.

 

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