Magische Klangmomente: Rockjazzformation OM gibt seltenes Konzert in Regensburg

Es sei das beste gewesen, was sie seit langem gehört habe. Etwas unsicher, aber mit leuchtenden Augen, hält die junge Frau Urs Leimgruber und Christy Doran nach deren Auftritt mit OM im Leeren Beutel ein abgelöstes Plakat zum Signieren hin. Sie spiele selbst Musik, erklärt sie und antwortet auf die Frage nach ihrem Alter: „18 Jahre.“ „So muss es sein“, strahlt sie darauf der 67-jährige Saxofonist an, „die Jugend hört unsere Musik“. Damit übertreibt der grauhaarige Musiker mit dem adretten Pferdeschwanz zwar leicht, denn das Gros der Zuhörer im Konzertraum gehört eindeutig älteren Semestern an. Vermutlich haben einige schon die erste Auflage des Quartetts in den späten 70er- oder frühen 80er-Jahren miterlebt.


Damals zählte OM aus dem zentralschweizerischen Luzern zu den aufregendsten Gruppen des sich neu entwickelnden Jazzrock-Genres. Selbst hat das – bis heute – kollektiv organisierte Quartett seine Musik allerdings immer als „Electric Jazz“ bezeichnet. Durchaus auch um sich gegen die einsetzende Kommerzialisierung und musikalische Vereinfachung abzugrenzen, die sich auch bald herausbildete und manchen Bands eine breitere Anerkennung verschaffte. Neben dem deutschen Trio Giger-Lenz-Marron und der englischen Band Nucleus um den Trompeter und Musikprofessor Ian Carr richteten die  schweizerischen Musiker einen starken Fokus auf Improvisation. Aber auch die  Erweiterung ihrer Klangmöglichkeiten mittels elektronischer Effektgeräte und ungewohnter Spieltechniken gehörte zum Experimentier- und Spielfeld der Vier.

Die einer solchen Musizierhaltung zugrunde liegende Neugier und Offenheit hat sich die Band bewahrt, sogar auf die Spitze getrieben. Wenn OM heute zu einem ihrer seltenen Konzerte zusammenkommt, spielen vorgegebene Rhythmen, ein harmonisches Gerüst oder arrangierte Teile überhaupt keine Rolle mehr. Vom ersten, zarten Knispern des mit einem Dämpfer versehenen Sopransaxofons bis zum letzten verklingenden Luftgeräusch war das Jazzclub-Konzert vollkommen frei improvisiert. Dabei können die Musiker auf ein viel breiteres und ausdifferenzierteres Spektrum an Klängen, Ausdrucksmöglichkeiten und musikalisch nutzbaren Geräuschen zurückgreifen, als ihnen in jüngeren Jahren zur Verfügung gestanden ist. Leimgruber, der auch im Bereich Neuer Musik und Improvisation tätig ist und sich klanglich vielleicht am weitesten vorgearbeitet hat, spielt sein Instrument mit und ohne  Mundstück, mit und ohne Rohrblatt. Er bläst wie in eine Querflöte quer hinein, bläst mit offenen Lippen oder pfeifend, haucht, hechelt, pustet.

Fast ein eigener Kosmos, entfaltet der Holzbläser ein lyrisch-zartes Klanggewebe voller Poesie, das bis an den Rand der Hörbarkeit geht. Dann wieder wird er schrill, kratzbürstig, spröde und herausfordernd laut, korrespondiert dabei auf eigenwillig exzentrische Weise mit dem viel körperlichen Spiel Christy Dorans auf der elektrischen Gitarre. In manchen Momenten lässt sich nicht mehr klar unterscheiden, ob einzelne Klänge und Soundfarben vom Gitarristen Doran erzeugt sind oder aus Leimgrubers Saxofon hervorbrechen. Gemeinsam mit dem 70-jährigen Kontrabassisten Bobby Burri, der noch heute als Dozent an der Hochschule in Luzern Jazzbass lehrt, und Fredy Studer, einem Magier am herkömmlichen Drumset, entwickeln sie aus dem Moment ihre Musik, die von Anfang bis Ende vor allem eines ist – höllisch spannend.

Über lange Strecken bauen die vier Soundarchitekten musikalische Räume auf, indem sie aufeinander hören, Motive, Klänge oder Muster aufgreifen, fortführen und neue Akzente in den Prozess hineingeben. Da tauchen rhythmische Formen ebenso auf und lösen sich in neuen freieren Formen wieder auf, wie melodische Fragmente oder Splitter. Tastend bewegen sich die vier aufeinander zu, umkreisen sich, bis neue Impulse gesetzt werden und sich der musikalische Prozess zu einem machtvollen Klanggewitter, einem atemberaubenden Soundgebirge türmt. Auf diesem wrid man wie von nicht beherrschbaren Wogen nach oben getragen. Erregende Momente voller Magie.

Text und Fotos: Michael Scheiner

Info: Ein Mitschnitt des Konzertes beim Jazzclub im Leeren Beutel sendet der Bayerische Rundfunk am 16. August 2019 (23 Uhr) in der Sendereihe Jazztime auf BR-Klassik.

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