Die Trompeterin Heidi Bayer – ein Porträt

„Es macht mir einfach keinen Spaß, andere nachzuspielen“ – Sie hat sich als feste Größe in der Kölner Jazzszene und vielerorts in Deutschland etabliert. Sie spielt gleichermaßen gern in Bigbands wie in kleinen Formationen, seien es die von Kollegen oder in ihrer eigenen Band. Sie beherrscht ihre Instrumente Trompete und Flügelhorn meisterhaft. Sie liebt Jazz und interpretiert ihn auf ihre ganz eigene Art. Sie hat in beeindruckender Weise ihren Weg aus dem fränkischen Kulmbach, wo sie 1987 geboren wurde, über Studien in Marburg, Mainz und Miami bis in die vitale rheinische Szene zurückgelegt – die Jazzmusikerin Heidi Bayer.


Im Gespräch erweist sie sich als zugewandte, ernsthafte als auch humorvolle und lebensfrohe junge Frau. Ihr Curriculum Vitae könnte als Vorbild gelten für junge Jazzmusikerinnen, die fest an sich glauben, unentwegt an sich arbeiten, um sich in der noch immer männlich dominierten Jazzwelt zu behaupten und sich schließlich eine Existenz als  professionelle Musikerin aufzubauen. Dabei wurde sie, wie sie nicht müde wird, dankbar zu betonen, während ihrer musikalischen Ausbildung stets von ihren Eltern unterstützt. Das war nicht selbstverständlich, denn sie und ihr älterer Bruder wuchsen keineswegs in einem – wie es landläufig gern heißt – „musikalischen Elternhaus“ auf. Aber die Eltern – der Vater stammt als Donaudeutscher aus dem Banat, die Mutter aus Oberschlesien – wollten als Zugewanderte ihren Kindern all das ermöglichen, was den einheimischen Sprösslingen auch geboten wurde, also eine musikalische Früherziehung, zeitigen Musikunterricht, für beide ein Keyboard. In der 3. Klasse, mit neun Jahren, hat Heidi dann mit Klarinettenunterricht begonnen.

„Eigentlich wollte ich Oboe lernen, weil die mir in ‚Peter und der Wolf‘ so gut gefallen hat. An der Musikschule hieß es aber: ‚Oboe haben wir nicht, dann nimm doch Klarinette, das ist doch das Gleiche.‘  So hat mich meine Mutter eben für Klarinette angemeldet.“

 

Bis zur 8. Klasse, fünf lange Jahre, erhielt Heidi gründlichen Unterricht in klassischer Klarinette mit Notenmaterial aus dem 19. Jahrhundert, bei immer dem gleichen Lehrer, einem sehr strengen und konservativen Herrn aus Polen, der ihr dann schließlich doch „zu streng“ wurde. Wieder war die Mutter mit viel Verständnis zur Stelle, suchte einen anderen Klarinettenlehrer, was an der kleinen Musikschule nicht so einfach war, aber mit ihm öffnete sich bereits ein kleiner Spalt zum Jazz.

„Der neue Lehrer, Thomas Schimmel, war eigentlich Jazzpianist, der im Nebenfach Klarinette und Saxophon studierte hatte. Diesem Thomas Schimmel habe ich viel zu verdanken, ein perfekter Grundlagenlehrer, didaktisch hervorragend.“

So zeigt Heidi ihre Hochachtung vor diesem Lehrer, der ihr die Tür zum Jazz noch weiter aufstoßen sollte. Vorerst war der klassische Klarinettenunterricht bei Thomas Schimmel noch weiter geführt worden, bis immerhin zum Bayerischen Leistungsabzeichen in Silber. Dann aber fragte er Heidi, ob sie nicht Lust habe, „mal was mit Jazz zu machen“.

„Und dann ging’s halt los, mit Improvisation, mit Jazzetüden, und das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich geübt habe wie eine Wahnsinnige. Das war wie eine Befreiung.“

Nach weiteren zwei Jahren riet ihr Thomas Schimmel zu einem zweiten Instrument, um in der Musikschul-Bigband Fuß fassen zu können. Es lag nahe, dass er ihr Saxophon vorschlug. Aber in der Schulbigband, in der sie mit der Klarinette auch schon die Trompetenstimme „mitgehupt“ hatte, saßen schon genügend Saxophonisten, aber nur je zwei Trompeten und Posaunen:

„…und da dachte ich, versuch’s mal mit Trompete – bei den Trompetern hatte ich mich immer wohlgefühlt, hatte auch Lust, etwas ganz Neues zu lernen und nicht nur eine von gefühlt dreizehn Saxophonisten zu sein. Und so begann ich mit 17 Jahren, Trompete zu lernen. Der Unterricht bei Thomas lief weiter, aber meine Eltern haben mir noch zusätzlich den Unterricht bei einem klassischen Trompetenlehrer, Harald Streit, an der gleichen Musikschule, ermöglicht. Später kam dann für kurze Zeit Sebastian Strempel in Bamberg hinzu, ein toller Jazztrompeter, bei dem ich dann bis zum Abi Jazz-Trompete lernte, so dass parallel beides lief.“

Nach dem Abitur stand Heidi Bayer wie so viele Abiturienten vor der Frage: Was mache ich nun? Wie geht es weiter? Am liebsten hätte sie Musik studiert, aber obwohl sie mittlerweile drei Jahre Trompete gespielt hat, Mitglied im Bayerischen Landesjugendjazzorchester war und auch in der Schul-Bigband die dritte oder vierte Trompete ständig mit ihr besetzt war, fühlte sie sich für eine Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule noch nicht gut genug. So entschloss sie sich für ein Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Marburg. Warum gerade Marburg?

„Weil es dort einen speziellen Studiengang namens ‚Kunst, Musik und Medienorganisation‘ gab und ich mir dachte, da ist von allem was dabei, was mich interessierte, das kann so falsch nicht sein. Ich bereue auch nicht, dass ich das gemacht habe, denn es hat mir viel gebracht: wissenschaftliches Arbeiten, Sicherheit beim Verfassen von Texten, Einblicke ins Kulturmanagement, die Konzeption von Ausstellungen, die Organisation von Konzerten, Buchung von Künstlern…“

Natürlich spielte Heidi während der Marburger Jahre auch in der Uni-Bigband mit und jammte regelmäßig auf den Sessions im Jazzclub „Cavete“. Aber bald wollte sie mehr, wollte noch besser werden mit der Trompete und zunehmend auch dem Flügelhorn. Die Freunde aus der Studenten-Bigband drängten sie: „Du musst zu Axel Schlosser an die Uni Mainz gehen“, den kannten sie alle von der HR Big Band. Sie nahm eine Stunde bei ihm und bestand kurze Zeit später erfolgreich die Aufnahmeprüfung. Und so studierte sie noch volle vier Jahre in Mainz und schloss mit dem Bachelor of Music ab, hatte somit zwei voneinander unabhängige Studienabschlüsse absolviert. Zum Studium bei Axel Schlosser kamen später auch noch Stunden bei Frank Wellert hinzu, der ebenfalls an der Hochschule für Musik in Mainz unterrichtete.

„Bei beiden, bei Axel und Frank, habe ich unheimlich viel und doch auch Unterschiedliches gelernt. Beide sind ja großartige Techniker, wobei Axels Hauptaugenmerk auf der Improvisation lag und Frank die technischen Aspekte des Trompetenspiels beleuchtete. Letzterer hat mir bei meinen Ansatzproblemen enorm geholfen. Noch heute arbeite ich weiter nach der bei ihm gelernten Methodik.“

Während ihres Studiums in Mainz gab es noch einen weiteren wichtigen Lehrer: Karsten Gorzel in Freiburg, einen „ehemaligen“ Saxophonisten, der sich im Laufe der Zeit aufs Arrangieren und Komponieren konzentriert hatte und bei dem die stets wissbegierige Heidi einmal im Monat Unterricht nahm.

„Bei Karsten ging es nicht darum, wie klingst du nach diesem oder jenem berühmten oder angesagten Star, sondern wie kannst du gut üben, ohne jemanden 1:1 zu kopieren. Wie kannst du es schaffen, bei deinem Spiel immer du selbst zu bleiben und deine eigenen Linien finden. Diese grundlegenden Dinge haben mir sehr geholfen und viel bedeutet.“

Bewusst wurde ihr das auch, als Heidi im letzten Studienjahr im Rahmen einer Kooperation zwischen den Hochschulen noch ein Semester in Miami verbrachte. Die Studien bei ihrem dortigen Trompetenlehrer Brian Lynch erwiesen sich – wenn auch ganz anders als erwartet – als zielführend für ihre weitere Entwicklung.

„Brian Lynch ist zweifelsohne ein brillanter Spieler, technisch auf hohem Level und beeindruckend als Improvisator. Jedoch bestand der Großteil seines Unterrichts aus dem Einüben von Licks  – also aus dem Auswendiglernen und Nachspielen bestimmter jazzhistorisch relevanter Phrasen berühmter Jazzmusiker. Das hat mich aber gar nicht interessiert. Ich will nicht klingen wie tausend andere oder wie eine Mischung aus vielen. Es macht mir einfach keinen Spaß, andere nachzuspielen. Ich habe es fast schon gehasst, wenn das von mir verlangt wurde. Im Nachhinein war es trotzdem gut und wichtig, es gemacht zu haben, weil ich daraus ableiten konnte, was ich eigentlich will und was ich  nicht will.“

Foto: Ninette Niemeyer

Dieses selbstbewusste, fast schon trotzige Statement kennzeichnet  den Weg zu ihrem eigenen Stil auf Trompete und Flügelhorn.

„Dass ich solchen Anforderungen nur mit Widerwillen gefolgt bin, hat wohl dazu geführt, dass ich daraus meiner Art zu spielen näher gekommen bin, dass sie einfach aus dieser Abwehrhaltung nach und nach entstanden ist. Ich hatte ja nicht eigentlich danach gesucht. Natürlich hatte ich auch Vorbilder. Meine erste Platte war von Chet Baker ‚Easy To Love‘ (lacht). Dann kam Kenny Wheeler, den ich sehr, sehr toll fand. Und den ich rauf und runter gehört habe. Er hat mich auch beeinflusst, aber nicht so stark, dass ich mich nicht davon freimachen könnte und ihn einfach nachspielte. Ich mag sein Spiel einfach gern, weil er sehr tiefgehend und melodiös ist, und ich mag Melodien.“

Auf Kenny Wheelers Einfluss könnte Heidis Liebe, wenn nicht  Vorliebe zum Flügelhorn zurückzuführen sein. Sie erklärt das technisch durch die sich von der Trompete unterscheidende konische Bauweise des Flügelhorns, die eine leichtere, melodischen Passagen besser entsprechende warme Tongestaltung ermöglicht. Der Saxophonist, Komponist und Bandleader Sven Decker, der für sein „JULI Quartett“  (CD „Lost in Poll“, Green Deer Music) die zweite Bläserposition bewusst mit Heidi Bayer besetzt hat (zu Conrad Noll, b, und Jo Beyer, dr), findet sie nicht nur „sehr sympathisch, bodenständig, witzig und engagiert“, sondern schätzt sie vor allem als professionelle Kollegin:

„Ihr Trompetenspiel ist zunächst einmal geprägt von einem unglaublich schönen und breiten warmen Sound, obertonreich und klar in allen Registern. Gepaart mit diesem warmen, ausgewogenen Sound an Trompete und Flügelhorn ist ihr ideenreiches und klischeefreies Spiel im Improvisationskontext. Sie bedient sich keiner  Licks aus der Jazzhistorie, sondern bewegt sich immer authentisch am Puls der Zeit und entwickelt ganz eigene Melodien und harmonische Rückungen. Für mich hat sie bereits jetzt einen unverwechselbaren Sound und Improvisationsansatz entwickelt. Oft sind ungewöhnlichere Intervallik und ein eben solches vertikales Melodiekonstrukt die Folge, was ich als sehr spannend und erfrischend empfinde. Außerdem hat Heidi eine unglaublich gute Time und liest extrem gut Noten vom Blatt weg.“

Auch der Keyborder Thomas Bracht, der unlängst für ein Live Recording Konzert im Kölner LOFT sein Quartett durch Heidi Bayer und Sven Decker ergänzte, war begeistert von Heidis Spiel, ihren Soli auf Trompete und Flügelhorn, die sie perfekt in sein anspruchsvolles Konzept einfügte.

Stefan Karl Schmid, wie Sven Decker Kölner Saxophonist, Komponist und Bandleader, kennt Heidi von der gemeinsamen Arbeit im Subway Jazz Orchestra, in dessen Trumpet Section sie fest gesetzt ist. Auch in seinem aktuellen Oktett „PYJAMA“ wirkt sie mit. Er beschreibt Heidi Bayer als

„… eine wunderbare Musikerin. Sie agiert in verschiedensten Kontexten immer musikalisch und auf technisch höchstem Niveau. Besonders schätze ich ihre eigene Stimme am Instrument, die sehr ausdrucksstark und kraftvoll ist und damit nicht nur für die Kölner Szene eine große Bereicherung darstellt.“

Die Kölner Szene! Als Heidi 2015 aus Miami  zurückgekehrt war, stand ihr Entschluss fest, professionelle Musikerin zu werden. Bei allem Verständnis und aller Unterstützung hatten ihre Eltern „doch erstmal schlucken müssen“. Heute sind sie längst stolz darauf, wie ihre Tochter sich durchgesetzt hat und von ihren Kollegen, dem kennerischen Publikum und der Kritik anerkannt wird. Mainz erschien Heidi für den Start einer professionellen Karriere als nicht sehr geeignet. In der engen Auswahl deutscher Städte mit mehr oder weniger ausgeprägten Jazzszenen fiel ihre Wahl schnell auf Köln, dessen spezielles kreatives Fluidum für Jazzmusiker sich längst herumgesprochen hatte. Sie kannte schon ein paar Kollegen, hatte bereits einige Kontakte geknüpft. Aber der Start war doch mühsamer, als sie es sich erhofft hatte.

„Es hat schon eine Weile gedauert, bis ich sagen konnte, jetzt kann ich von der Musik leben. Der erste Kontakt kam über Frank Wellert zustande, der mit dem Bandleader und Arrangeur Stefan Pfeifer-Galilea befreundet ist. Dieser leitet die ‚Big Band Convention‘, die ebenso wie das ‚Grand Central Orchestra‘, einmal monatlich im Klub Berlin spielt. Bei beiden Bigbands habe ich einige Jahre immer wieder gespielt. Das war toll, weil man in einer Bigband auf Anhieb viele Kollegen kennen lernt, die wiederum über Kontakte verfügen. So kam ich nach kurzer Zeit an meinen ersten Unterrichtsjob an der Städtischen Musikschule in Neuss. Das habe ich immerhin mehr als drei Jahre gemacht, bis ich es im April diesen Jahres zugunsten einer festen Stelle als Dozentin für Schulmusiker an der Universität  Oldenburg aufgab.“

Es fand sich – Zufall oder Fügung – eine Band, die für Heidi zu einer musikalischen Heimat werden sollte: das Subway Jazz Orchestra, eine Formation junger Musiker, Komponisten und Arrangeure mit fest gesetzten Mitgliedern. Der Trompeter Christian Mehler ging für seine Master-Studien nach New York und sie bekam seinen Job zunächst als Vertretung, dann als festes Bandmitglied.

„Hier fühle ich mich super wohl, auch in meinem Satz. Ich lerne viele interessante Leute kennen, denn wir spielen jeden Monat andere Programme, entweder Projekte von Mitgliedern der Band oder auch von Guest Stars wie Seamus Blake, Loren Stillman, Miho Hazama, Anna Webber u. a. Ich bin ja, was Big Bands anbelangt, mit Straight Ahead groß geworden. Aber zum zigsten Male Count Basie, irgendwann hat man das auch schon über, es ist oft das Gleiche. Beim Subway geht es unkonventioneller zu, zeitgemäßer, wenn auch nicht zu experimentell oder avantgardistisch. Ähnlich ‚modern‘ sieht es bei einer anderen Kölner Big Band aus, dem ‚Cologne Contemporary Jazz Orchestra (CCJO)‘, bei dem ich auch schon ausgeholfen habe, oder auch beim ‚Essen Jazz Orchestra‘. Fest engagiert bin ich auch bei den Bigbands des Stuttgarter Pianisten Tobias Becker und der Kölner Bassistin Hendrika Entzian. In diesem Herbst geht mit dem ‚Fuchsthone Orchestra‘, einer Bigband von Caroline Thon und Christina Fuchs, eine weitere Bigband mit einem ganz eigenen Programm an den Start, in deren Trompetensection ich mitspielen darf.“

Mit dem Subway Jazz Orchestra kamen dann auch die kleinen Formationen der Bandmitglieder oder anderer Musiker aus deren Umkreis. Sven Decker, Stefan Karl Schmid, Johannes Ludwig, Sebastian Scobel (mit letzterem bildet Heidi auch ein Duo, welches 2018 den Folkwang Jazz Preis gewonnen hat).

„Das sind alles tolle Musiker und fantastische Kollegen. Mein Terminkalender ist mittlerweile gut gefüllt. Aber es hat schon an die zwei Jahre gedauert, bis das mit den kleinen Bands und diesen Gigs losging.“

Zugleich war in der ewig lernbegierigen Heidi der Entschluss gereift, noch ein – selbst finanziertes – Masterstudium aufzunehmen. Sie war beeindruckt von dem  in Köln lebenden US-amerikanischen Trompeter Ryan Carniaux,  Professor für Jazz-Trompete an der Essener Folkwang Universität der Künste, einer Pflanzschule für junge Jazzmusiker. Sie nahm eine Stunde bei ihm, bewarb sich erfolgreich um einen Studienplatz und studiert seit Oktober 2017 auf den Master als „Improvising Artist“. Nach einem Jahr muss man in diesem Studiengang den Dozenten im Hauptfach wechseln, und so studierte sie noch ein Jahr bei dem Pianisten Thomas Rückert.

„Da ging es mehr um mentale Dinge, die man auf der Bühne braucht, nicht um die äußere Präsenz, sondern darum, wie man sich sammelt, Hemmungen abstreift, sich nicht ängstlich fragt, ob man sich gut genug vorbereitet oder ausreichend Zeit hatte (und wann hat man die schon?). Es gibt Tage, die kennt jede und jeder, an denen viel zu viel passiert, man ist gestresst, hat das Gefühl, nicht alles unter einen Hut zu bekommen. Das sollte man beim Auftritt nicht alles an sich ranlassen, auch wenn es schwierig ist und oft auch nicht klappt. Stattdessen ist es doch viel schöner, Dankbarkeit zu empfinden, Freude und Glück, dass man diese Musik spielen darf, weil es das ist, was man immer wollte. Ich spiele einfach besser, wenn ich den Spaß an der Musik behalte und empfinde. Und vor allem gelingt einem nur in solchen Momenten das, was viele Musiker suchen: im Moment ganz bei sich zu sein. Das kann man trainieren. Und wie man das zu erreichen lernt, dabei hat mir Thomas Rückert sehr geholfen.“

Während des Studiums in Essen wuchs auch die Lust, selbst kreativ zu sein, eigene Stücke zu komponieren, eine eigene Band auf die Beine zu stellen, vielleicht auch eine erste CD unter eigenem Namen aufzunehmen. Gedacht, getan. Im Frühjahr letzten Jahres begann sie mit der Suche nach geeigneten Kollegen, mit denen sie ihre eigenen Stücke ausprobieren konnte und die – was ihr wichtig ist – auch menschlich zusammenpassten. Das waren und sind jetzt: Johannes Ludwig am Altsaxophon, Calvin Lennig am Kontrabass und Leif Berger am Schlagzeug.

„Johannes kenne ich am  längsten, seit dem Anfang meiner Kölner Zeit. Wir sind voll auf einer Wellenlänge, können prima zusammen lachen. Er hat schon diverse Platten mit eigenen Bands herausgebracht, daher frage ich ihn oft, wie jetzt der nächste Schritt gehen soll. Wir tauschen uns aus, ob es um die Kompositionen geht oder Auftritte oder ums Marketing. Und ich mag sein Altsaxophonspiel sehr. Wir haben schon so viel miteinander gespielt, dass jeder weiß, wie der andere tickt. Johannes hat mir auch Calvin empfohlen. Ich habe ihn erst bei der ersten ‚Jam‘ in dieser Besetzung kennengelernt, und ich wusste sofort, dass ich ihn gerne als Bassisten und Menschen in meiner Band hätte. Es kommt nichts aus ihm heraus, was nicht in ihm war oder der Musik dienlich ist. Wenn er soliert, ist er wunderbar ‚melodie-denkend‘, was mir sehr entgegenkommt. Leif hat eine absolut eigene Klangfarbe am Schlagzeug. Er spielt sehr virtuos, zugleich mit einer filigranen Leichtigkeit und er nimmt alles intuitiv auf, was um ihn und durch uns passiert. Du legst ihm ein Stück vor, und er weiß sofort, was dieses Stück braucht und wie er es zum Klingen bringt.“

Heidi hat lange mit sich gehadert, ob sie Piano oder Gitarre als Harmonieinstrument dazu nimmt, als ansonsten – wie sie sich sieht –  Melodie und Harmonie liebender Mensch. Aber in Sven Deckers pianolosem JULI Quartett hatte sie die Erfahrung gemacht,

„dass mir diese Transparenz und diese Ruhe, die durch die fehlende Überfrachtung an Harmonie eintritt, sehr zusagt. Zudem hatte ich durch die reduzierte Besetzung andere kompositorische Möglichkeiten. Ich habe den Bass und sonst nur noch zwei Töne, die ich vergaben kann, Saxophon und Trompete. Das heißt, ich arbeite mit Dreiklängen. Das empfand ich als befreiend. Auf einmal entstanden ganz andere Stücke, als wenn ich für Klavier oder Gitarre geschrieben hätte. Ich weiß natürlich nicht, ob ich in den nächsten zehn Jahren immer ohne Harmonieinstrument auskommen werde, aber im Moment ist es genau das Richtige, und das möchte ich jetzt genießen.“

Heidis Band heißt übrigens „Virtual Leak“. Der Name versucht, die gewollt durchlässige Auffassung und Interpretation der ansonsten klar vorgegebenen Kompositionen zu beschreiben: ein Ausbrechen ist jederzeit möglich, wird vom Zuhörer aber dennoch als homogener Gesamtklang wahrgenommen. Das erste Album wird  im Oktober diesen Jahres aufgenommen und Anfang nächsten Jahres bei Janning Trumanns Label „Tangible Music“ erscheinen. Vielversprechende „Leaks“ können bereits auf Youtube gehört werden. Die Band ist im Kölner Großraum auch immer wieder live zu hören (Kalender bei www.heidi-bayer.de).

Die zwischen Selbstbewusstsein und Bescheidenheit changierende Heidi Bayer auf die Frage, wieweit sie auf dem Wege ihrer künstlerischen Selbstfindung gekommen sei, erwidert – zuerst lachend:

„Ich weiß nicht, ob die jemals abgeschlossen sein wird. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ich mich beim Spielen nicht verleugne, dass ich nicht so klinge, wie ich gar nicht bin. Natürlich bin auch ich nicht immer, sogar eher selten, richtig zufrieden mit dem, was ich fabriziere. Das wird mich aber auch noch in dreißig Jahren verfolgen, falls ich dann noch spielen sollte. Das dürfte aber jedem Musiker, jedem Maler, auch jedem Journalisten (lacht) so gehen. Aber man entwickelt sich schon weiter, macht Fortschritte, auch wenn man sie meist erst später merkt, zum Beispiel wenn man frühere Aufnahmen von sich hört. Ich finde schon, dass ich mich weiter entwickelt habe, im Spiel und auch als Person. Dieses Bemühen und die eigene Weiterentwicklung ist doch für sich genommen schon das Bereichernde. Aber wo es noch hingeht?“

Nun, es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorherzusagen, dass die Musik- und Jazzwelt von der schon jetzt brillanten Trompeterin  Heidi Bayer noch viel hören wird, immer Neues, immer Überraschendes, Faszinierendes auf ihren Instrumenten und mit ihren Bands, aber nie Gewohntes, niemals auch jene von ihr so ungeliebten Licks.

CD-Rezension zum Sven Decker-Projekt Juli Quartett von Dietrich Schlegel hier.

 

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Ein Kommentar

  1. Toller Artkel über eine tolle Frau. Bin sofort auf die Suche im Netz gegangen und habe Musik mit Heidi gehört. Klasse Sound, time, Melodien. Besonders mag ich auch die Statements der Musikerkollegen über Heidi. Dieser Artikel hat mir grosse Lust gemacht, Heidi und ihre grossartige Musik und Improvisation kennenzulernen. Live und aus der Konserve. Dankeschön!

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