Sven Deckers JULI Quartett mit „Lost in Poll“

Von Dietrich Schlegel. Im Sommer 2017 ging auf den Poller Wiesen am Rhein vor den Toren Kölns ein Bumerang verloren und eine Komposition ward geboren: „Lost in Poll“. Kurz darauf sollten noch acht weitere Kompositionen entstehen, in nur vier Tagen, in denen sich Sven Decker in einem Proberaum eingeschlossen „und der Kreativität freien Lauf gelassen hatte“. In diesem Proberaum traf der Kölner Saxophonist, Komponist und Bandleader dann bei Renovierungs- und Aufräumarbeiten drei andere Musiker. Beim Ausprobieren der Akustik in dem neu hergerichteten Raum kam es spontan zu einer gemeinsamen Probe und „schnell war klar, dass wir in dieser Besetzung zusammen arbeiten möchten“.


Diese Besetzung – das sind Sven Decker, Tenorsaxophon, Klarinette und Bassklarinette;  Heidi Bayer, Trompete und Flügelhorn; der Bassist  Conrad Noll und der Schlagzeuger Jo Beyer – eine für Deckers musikalische Vorstellungen ideale Crew, mit der er an seine vorherigen Bands wie „Feinkost Decker“ , den Trios „Transparency“ und „Ohne 4 gespielt drei“ sowie zuletzt dem Duo mit der Vokalistin Filippa Gojo („daheim“) anschließen konnte. Zeitgenössischer Jazz mit Free Elementen, Bebop und Hardbop Anklängen und Verästelungen aus den Wurzeln des Blues. Am wichtigsten sind ihm Energieverläufe, die von den Bandmitgliedern jeweils weiter transportiert werden, im Kollektiv wie in ihren Soli, „die nicht egoistischem Selbstzweck dienen“. „Energieeinbrüche“, so Decker weiter im Gespräch, „sind für mich immer das Schlimmste. Da nehme ich lieber noch falsche Töne in Kauf. Aber wenn über einen Energiepunkt hinaus gespielt wird, der Absprung nicht mehr geschafft oder eine Ausfahrt verpasst wird und daraufhin die Musik einbricht, das ist für mich nur schwer zu ertragen.“

Nun, Einbrüche gab es nicht beim Debutauftritt des JULI Quartetts am 1. Mai im Kölner LOFT. Vom Mitschnitt dieses mitreißenden Konzerts durch den bewährten und begehrten LOFT-Aufnahmeleiter Christian Heck stammt der überwiegende Anteil der neun Titel der CD „Lost in Poll“, gemixt und gemastert von Tonmeister (und Kontrabassist) Markus Braun im Tonstudio der Welt in Köln. So wehen die Musizierlust und die Frische einer Live Aufnahme durch alle Stücke dieser rundweg gelungenen, seit 2007 zehnten Produktion des ungemein aktiven und einfallsreichen Bandleaders Decker. Sein  entschwundener Bumerang ist auf diese Weise glücklich wieder gelandet – und geerdet, denn ein Kennzeichen dieser Band ist ihre Kompaktheit, die Dichte im Zusammenspiel. Ein anderes das von Decker angestrebte Ideal, „dass Komposition und Improvisation verschwimmen zu einem Ganzen von Energie und Atmo“.

Das zeigt sich gleich im Eingangsstück „Blues from the Hill“, mit dem Decker an zwei Blues-Titel für sein Duo mit Filippa Gojo anschließt. Hier geht es sofort  flott zur Sache, bebopig im Sound der Bläser, die im Grunde einfache Melodie von Bass und Schlagzeug durchswingend. Heidi Bayer gibt ihren Einstand mit einem forschen Solo, ohne dass sie von den Kollegen ganz von der Leine gelassen wird. Sie ist überhaupt eine Entdeckung, absolut intonationssicher und improvisationsfreudig. Nach Studien in Mainz bei Axel Schlosser und Frank Wellert und einem Semester in Miami bei Brian Lynch arbeitet sie nun an ihrem Master an der Essener Folkwang Universität bei Ryan Carniaux und zudem an ihrer ersten CD als Bandleaderin mit Johannes Ludwig (as), Calvin Lennig (b) und Leif Berger (dr).

Auch wenn Sven Decker Soli nicht als Egotrips sehen möchte, muss doch hervorgehoben werden, dass er – und das wird gleich in diesem ersten Stück und dem folgenden „Dialects“ offenbar – neben seinen Hauptinstrumenten Tenorsaxophon und Klarinette die Bassklarinette, sonst eher für klangliche Untermalungen genutzt, in einer Weise zu einem Soloinstrument entwickelt hat, wie sie im Jazz selten zu hören ist. Er liebt es, dem tief tönenden Instrument die seltsamsten Knarz-, Brumm-, Quetsch- und wie auch immer zu beschreibenden Töne zu entlocken, manchmal mitten hinein in eine getragene Melodie. Er bürstet bewusst gegen den Strich und verleiht so seinem Spiel auf der Bassklarinette, der das Lyrisch-Melodische anhaftet, den erwünschten energetischen Reiz.

Als viertes Instrument nutzt er auch gern die Melodika, die er – wie seine anderen Instrumente auch – immer dann einsetzt, wenn es die Klangfärbung und -stimmung erfordert. In „Restless“ zum Beispiel, in dem der sensible Musiker seine „innere Unruhe, Rastlosigkeit und Verlorenheit“ widerspiegelt, begleitet er des Bassisten Conrad Noll wunderschönes Solo auf der Melodica, greift aber zum Tenor und versinkt im Duett mit Heidi Bayers Flügelhorn in Melancholie, gegen die sie aber dann zum Schluss, von Schlagzeug und Bass kräftig unterstützt, aufbegehren. Eine ganze Geschichte wird hier erzählt.

In „Fulton-Shoes“, dem sechsten und mit 12:28 längsten Stück, bekommt Conrad Noll ausgiebig Raum für ein ungewöhnliches Solo. Er betupft seinen Bass in einem treibenden ostinaten Rhythmus, fast an ein Didgeridoo erinnernd. Jo Beyer zeigt hier, wie feinfühlig er begleiten kann. Zumeist aber ist er der einfallsreiche, stets zuverlässige Energie-Lieferant, hervorstechend z. B.  in dem nur 1:27 kurzen „Red Cheeks“,  einer Art Blues March mit balkanischem Einfluss, oder in „Ratzefummel“, das dem Eingangsstück ähnelt, mit Walking Bass und Drumsolo.

In „Lost in Poll“ lässt Heidi Bayer den Bumerang im Strahl ihrer Trompete fortfliegen, dann folgt in der Band eine Phase des spürbaren Bedauerns über den Verlust, aber plötzlich setzt ein rasendes Noll-Beyer-Duett ein, Bayer und Decker folgen in fliegendem Wechsel, als würde ein zweiter Bumerang gestartet, in der Hoffnung auf seine erfolgreiche Rückkehr. Dramaturgisch wäre das ein effektvoller Schluss im Reigen der Kompositionen Deckers aus dem Sommer 2017. Aber er zog „Flavours“ als Finale vor. Nach einleitenden Luftnummern auf Bassklarinette und Trompete, zeigt Heidi Bayer hier nochmals ihr ganzes Können, gefolgt von Deckers sattem Tenorsolo und endend in dem kompakten Kollektivsound der beiden Bläser.

Anders als Deckers Bumerang sollte diese höchst hörenswerte CD seines JULI Quartetts, erschienen bei GREEN DEER MUSIC, trotz der Fülle der Neuerscheinungen nicht in den Regalen der Jazzfans unauffindbar verloren gehen.

www.sven-decker.de; Musik (Soundcloud); Videos (You Tube).

Text: Dietrich Schlegel

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